Zum Pflegenotstand

Pflege-Notstand: echte Reform muss her!

Milliarden gegenPflege-Notstand;Titelseite 10./11. November

Wunderbar, wieder werden Milliarden in ein System gepumpt, das seit Jahren nicht funktioniert. Die Betreiber und Investoren werden sich die Hände reiben. Die Bewohner und Mitarbeiter werden sich weiterhin wundern.

Momentan fehlen angeblich 35 000 Pflegekräfte, und mit den zusätzlich neu geschaffenen 13 000 Stellen fehlen dann halt 48 000 – oder verstehe ich irgendwas nicht? Die angebliche durchschnittliche Verweildauer der ausgebildeten Pfleger in ihrem Beruf beträgt nur fünf bis neun Jahre (verbindliche Zahlen gibt es nicht, jede „Studie“ fällt unterschiedlich aus). Bis vor kurzem haben viele Pflegeeinrichtungen nur Teilzeitkräfte gesucht, oft mit Befristung auf ein Jahr. Das hat Vorteile für die Betreiber, man hat sich so den Überstundenzuschlag gespart, der ja nur bezahlt werden muss, wenn die übliche Arbeitszeit eines Vollzeitbeschäftigten überschritten wird. Und im Befristungszeitraum konnte die bedingungslose Bereitschaft zur Mehrarbeit getestet werden. Sind dann Überstunden angefallen, muss um die Bezahlung gekämpft werden, ein Abbau durch Freizeit ist ja bei dem akuten Arbeitskräftemangel fast nicht möglich.

Natürlich reduzieren Pflegekräfte auch freiwillig Stunden, weil sie seelisch und körperlich an Grenzen stoßen – nicht nur durch den Druck in der Pflege, sondern es kommen bedingt durch laufendes Einspringen auch noch große Probleme im privaten/familiären Bereich dazu. Bei einer kürzlich im TV gesendeten Diskussion zum Thema Pflegenotstand hat eine frisch examinierte junge Pflegerin die anwesenden Politiker gebeten, ihr einen Grund zu nennen, warum sie im Pflegeberuf bleiben soll. Der Pflegeexperte Herr Fussek betont seit Jahren, dass alle Probleme in der Pflege bekannt sind, aber kein wirkliches Interesse besteht, diese zu ändern. Medizinischer Dienst, Heimaufsicht, Pflege-TÜV, Zertifizierung, Pflegekammer usw. – alles Alibifunktionen!

Heinrich Landerer
Peißenberg


Es wird schon lange davon gesprochen, dass in der Pflege die Stellen erhöht werden müssen. Nun wurde es als Gesetzesvorhaben der Bundesregierung festgeschrieben. Ein erster Schritt. Für unsere Einrichtung heißt dies, dass wir pro Pflegestation 0,3 Stellen mehr bekommen, zusätzlich zu den Stellen, die wir seit langer Zeit nicht besetzten konnten, da der Markt für Pflegekräfte leer gefegt ist. Seit geraumer Zeit regen meine Kollegen und ich bei der Politik an, sich nicht nur um mehr Personal zu kümmern, sondern sich auch die Gesetzgebung, das AVPPflegeWogG, die Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zur Regelung der Pflege anzuschauen. Entspricht dieses Gesetz den heutigen Anforderungen, die wir in der Altenpflege gestellt bekommen? Hier wäre eine Reform dringend erforderlich, um den Einrichtungen zu ermöglichen, innovative Konzepte auf den Weg zu bringen.

Herr Spahn regt an, Teilzeit in Vollzeit zu bringen. In der Altenpflege ist dies zum Teil kontraproduktiv. Um Dienstpläne entsprechend der Bedarfe von Bewohnern zu erstellen, benötigen wir mehr Teilzeitkräfte, die dann eingesetzt werden können, wenn der Bedarf anfällt. Mit vielen Vollzeitkräften können wir nur eingeschränkt flexibel agieren. Eine gesunde Mischung wird gebraucht.

Nach wie vor hat der Altenpflegeberuf ein schlechtes Image, Missstände, die es sicherlich gibt, werden in keiner anderen Branche so stark von der Presse ausgeschlachtet wie in der Altenpflege, die gesamte Branche wird unter Generalverdacht gestellt. Wer hat da schon Lust, in der Altenpflege zu arbeiten?

Ein letztes Thema, die Gehälter. Wer hoch qualifizierte Arbeit leistet, muss auch danach bezahlt werden. Mehr Personal alleine behebt die Misere nicht, es ist auch nicht nur das Gehalt, das Besserung bringt – um die Pflege wieder auf einen guten Weg zu bringen, ist ein Gesamtkonzept notwendig, das alle genannten Punkte berücksichtigt, das neue Ideen, Innovationen zulässt und nicht an alten Zöpfen festhält.

Ursula Cieslar
Ottobrunn


Obwohl wir noch nie so viele Ärzte, Therapeuten, Pflegekräfte und entsprechende Einrichtungen hatten, gehen Klagen und Unzufriedenheit nicht zurück. Auch wenn sich jetzt die Regierung für mehr als 13 000 Pflegekräfte stark macht und eine bessere Bezahlung vorantreiben will, werden die weitgehend hausgemachten Probleme nicht abnehmen, wenn die Ursachen für die krebsartig angewachsenen Pflegefälle nicht angegangen werden.

Wenn inzwischen fast jede/r Zweite übergewichtig ist, woraus sich zunehmend Krankheits- und Pflegefälle ergeben, ist es höchste Zeit, auch hier anzusetzen. Offensichtlich hat man sich daran gewöhnt, bequem ohne eigene Anstrengung bei Ärzten, Kliniken und Pflegeeinrichtungen seine Beschwerden abzugeben. Es gibt ja dafür eine Versicherung. Die Rechnung geht offensichtlich für eine zunehmend industriemäßig geführte Pflege auf, die uns immer mehr kostet aber keineswegs Wohlergehen fördert. Von einer echten Reform, die nicht versorgend sondern im Sinne eines bewährten Sozialprinzips subsidiär (unterstützend) wirkt, und somit Eigenverantwortung herausfordert, ist noch nichts zu spüren.

Wenn in in unserer Republik seit Jahren nicht nur im Pflegebereich junge Fachkräfte fehlen, so wird hier eine über Jahrzehnte vernachlässigte Familienpolitik spürbar. Wenn vor allem Mütter, die für echtes Wachstum sorgen, für ihre Erziehungsleistungen bei ihrer Rente immer noch zu wenig bedacht werden, ist es nachvollziehbar, dass wir als reiches Land seit langem ganz schön kinderarm daherkommen. Wer Kinderarmut sät, wird letztlich auch Pflegeprobleme und Altersarmut ernten.

Wer noch dazu wie derzeit die Pflegeprobleme einseitig mit noch höheren Beiträgen und mit jungen Zuwanderern sichern will, ist nicht weitblickend sondern eher wie ein Geisterfahrer unterwegs.

Simon Kirschner
Gaimersheim

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