Fachkräfte fehlen nicht

Sebastian Hölzle: Bayerns Wirtschaft fehlen über 200 000 Fachkräfte; Wirtschaft 28. März

Immer wieder liest man die alarmierende Nachricht, dass Bayerns Firmen Fachkräfte fehlen. Da wird natürlich sofort der Ruf nach erhöhter Zuwanderung ausländischer Fachkräfte laut. Was man von diesen Fachkräften halten soll – abgesehen von Sprachbarrieren, die sich auftun, ist mittlerweile sehr umstritten. Fehlen wirklich (einheimische) Fachkräfte? Dazu meine Erfahrungen im Bereich Chemie: Ich bin promovierter Chemiker und seit längerer Zeit auf der Suche nach einer Anstellung, die meiner Ausbildung entspricht. Entweder erhält man überhaupt keine Antwort von den einschlägigen Firmen, oder man bekommt zu hören, dass man ja eigentlich Leute mit Erfahrung suche. Wie soll ein Studienabgänger die nötige Erfahrung mitbringen, wenn ihn keine Firma einstellt, um ihn in ihrem Bereich zu qualifizieren? Will man sich nicht antun, dass die Neulinge in den ersten Monaten erst eingearbeitet werden müssen und möglicherweise auch ein finanzielles Risiko darstellen? Ich habe erfahren, dass in vielen Firmen etwa 40 Prozent der neu geschaffenen Stellen intern, sprich unter der Hand vergeben werden. Der Geschäftsführer des Verbandes der chemischen Industrie, Hans Hermann Nacke, teilte vor einiger Zeit mit, dass jährlich nur etwa 25 % der promovierten Chemiker aufgenommen würden. Was nutzt die von Bildungspolitikern aller Parteien geforderte Förderung des Bildungswesen (klingt immer gut), wenn dann die für teures Geld ausgebildeten Leute keine Anstellung finden? In einem Telefongespräch äußerte vor einiger Zeit eine Personalmitarbeiterin, dass die Firma auch Fachkräfte suchen würde, obwohl sie derzeit gar keine braucht – einfach im Hinblick darauf, dass man gegebenenfalls auf Angebote rasch zurückgreifen könne. Das erhöht natürlich u.a. auch die Nachfrage und den daraus abgeleiteten Fachkräftemangel. Ich selbst habe erlebt, dass eine bayerische Chemiefirma zwar nach einem Chemiker suchte, mir dann aber eröffnete, dass man eigentlich eine Art Verkaufsvertreter haben möchte. Um meinen Willen zu zeigen, auch berufliche Änderungen anzuvisieren, nahm ich auch an mehreren Fortbildungen bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) teil. Trotzdem hatte ich bisher bei Bewerbungen keine Chance. Fazit: Der angebliche „Fachkräftemangel“ erscheint größtenteils herbeigeredet. Genügend gut ausgebildete junge Leute warten auf Anstellungen. Hier sollte der Staat mehr Druck ausüben und echte Hilfe anbieten, statt andauernd die tolle Bildungspolitik hochzujubeln.

 Dr. Peter Thumbs Moosinning

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Dieselfahrer betrogen und verschaukelt
Martin Prem: Diesel-Privileg: Wie die Abschaffung wirkt; Wirtschaft 12. September, Zukunftssichere Autos von Erdgas bis Elektro; Wirtschaft 8. September
Dieselfahrer betrogen und verschaukelt

Kommentare