Praxis-Schuljahr ist besser

Wer hat das Zeug zum Lehrer?; Leserthema „Schule & Bildung“ 5./6. März

Lehrertest gut – Praxis-Schuljahr besser! Wie kann ein junger Mensch erkennen, ob er für den Beruf des Lehrers geeignet ist? Der in Ihrem Artikel beschriebene Eignungstest PArcours der Universität Passau stellt zumindest einen Versuch dar, den Lehramtsstudenten erahnen zu lassen, was sie in der Schulpraxis später erwartet. Ob ein junger Mensch tatsächlich für diesen fordernden Beruf die entsprechenden persönlichen Voraussetzungen mitbringt, lässt sich aus den gewonnenen Ergebnissen meines Erachtens nicht ableiten. Anstelle dieses Verfahrens mit den „künstlich geschaffenen Situationen“, die nur eine einmalige, punktuelle Maßnahme ohne Praxisbezug darstellen, würde ich mir als Lehrerin mit knapp 30jähriger Berufserfahrung an einer Mittelschule Folgendes wünschen: Jeder Abiturient/jede Abiturientin mit dem Berufswunsch „Lehrer“ sollte ein Praxis-Schuljahr absolvieren, um den Unterrichtsalltag mit all seinen Anforderungen und Belastungen kennenzulernen, bevor er/sie sich für ein Lehramtsstudium entscheidet. Die jungen Menschen würden nach diesem „Lehrjahr“ wissen, ob sie sich diesen Multitasking-Beruf zutrauen: Zielgerichtetes , didaktisch aufbereitetes Unterrichten mit motivierenden Elementen, im gleichen Atemzug erzieherisches Einwirken auf verhaltensauffällige Schüler und Durchstehen von Konfliktsituationen, Fördern und Coachen von schwächeren Schülern bzw. Schülern mit Inklusionsbedarf; Kooperieren mit Kollegen und gemeinsames Umsetzen von Projekten, Führen des amtlichen Schriftwesens mit Schülerbeobachtungen usw., Organisieren und Durchführen von mehrtägigen Schullandheimaufenthalten und schließlich das Führen von oft schwierige Elterngesprächen. Die Kardinalfrage ist: Halte ich der Belastung stand, täglich 6 Stunden vor einer Klasse mit ca. 25 Schülern zu stehen und folgende Kriterien zu erfüllen: Geduld und Ausdauer, Durchsetzungs- und Entscheidungsfähigkeit, Flexibilität, Empathie, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit? Habe ich trotz ernüchternder Erfahrungen immer noch Freude am Unterrichten und am Umgang mit Kindern und Jugendlichen? Wer diese Frage am Ende des Praxis-Schuljahrs mit „ja“ beantworten kann, hat meines Erachtens eine gute Chance, das Lehramtsstudium erfolgreich abzuschließen und den späteren Schulalltag nicht nur als Belastung, sondern auch als erfüllende Aufgabe zu erleben.

Gabriele Sperber Haar

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