Land in Sicht: Mit der Friedensflotte will Horst Bernhardt (r.) Kinder und Jugendliche aus der Balkanregion, Österreich und Bayern zusammenführen. Das Bild zeigt ihn mit Teilnehmern bei einem Segeltörn für eine gute Welt. foto: kn

Friedensflotte Bayern: Vorurteile über Bord werfen

Großseeham - Die Sonne scheint, eine Meeresbrise kitzelt in der Nase, das Segelschiff schaukelt sanft in den Wellen. Diesen Traum hat sich Horst Bernhardt erfüllt. Ganz nebenbei hat er so auch Frieden gestiftet. Jetzt erzählt er, wie diese Kombination geht. Sein Geheimnis: die Friedensflotte Bayern.

Dieser Martin war ein richtiges Naturtalent. Ein Steuermann wie aus einem Piratenfilm - nur der wuschelige Bart fehlte, schließlich zählte er erst 15 Jahre. Trotzdem: Mit Kompass, Navigationsdreieck und Seekarten lotste er die Dora, ein 15 Meter langes Segelschiff, eine Woche lang durch die Adria. Der frische Seewind blies ihm dabei alle bitteren Erinnerungen aus dem Kopf, die die Nachkriegszeit in seiner Heimat Kroatien dort eingemeißelt hat. „Er hatte einen erstaunlichen Orientierungssinn und wirkte plötzlich sehr glücklich“, sagt Horst Bernhardt.

An solche tollen Momente erinnert sich der Großseehamer Bernhardt, wenn er von seinem ersten Segel-Törn mit der Friedensflotte Bayern spricht. Es ist europaweit das größte Friedenssegelprogramm, das sich durch Sponsoren trägt und den Adria-Raum durchkreuzt.

Entstanden ist das Projekt in Folge der Kriege im ehemaligen Jugoslawien. „Die Idee war, dass Kinder aus verschiedenen Völkern, also Serben, Kroaten, Bosnier und Slowenen, zusammen Zeit auf einem Schiff verbringen“, erklärt der 50-Jährige. „Auf diese Weise sollen sie Freundschaft knüpfen und so ihren Teil für den Frieden beitragen.“ So stach 1992 die erste Friedensflotte in Dalmatien mit drei Schiffen in See, zwei Jahre später gründete sich der Verein. Inzwischen gilt das Projekt auch für Kinder aus Heimen, sozial benachteiligten Familien und für Behinderte - aus Balkanstastaaten, Österreich, Rumänien und Bayern. „Hier werden Vorurteile über Bord geworfen.“

Doch Bernhardt, ein Mann mit freundlichen Augen und Drei-Tage-Bart, stieß erst viel später dazu, sein erster und bislang einziger Friedens-Törn war 2011. Darauf gekommen ist er auf einer Regatta in Kroatien, wo er Leute von der Friedensflotte kennen gelernt hatte. „Sie fragten mich, ob ich nicht mitmachen will.“ Er wollte. In dieser Zeit war er noch nicht beim Abfallunternehmen Vivo in Warngau als Schütter beschäftigt. Er segelte als Skipper mit 21-Meter-Mastern durchs Mittelmeer. „Ich war wie ein Heimatloser ständig unterwegs“, sagt er. „Eines Tages hatte ich Angst, ein Zigeuner zu werden.“ Deshalb machte er Schluss mit dem alten Leben.

Sein erster Törn als ehrenamtlicher Skipper in Richtung Frieden startete von der kroatischen Insel Losinj. Sechs Jugendliche zwischen zwölf und 15 Jahren saßen mit an Bord. Christen und Moslems aus der Balkanregion. Eine Woche schipperten sie durch die Adria.

„Die Idee wirkte sofort.“ Die jungen Matrosen haben Freundschaften geschlossen, über religiöse und ethnische Grenzen hinweg. Den Erfolg des Projekts erklärt er sich so: „Ein Schiff bietet einen begrenzten Lebensraum. Alle Aktivitäten sind nur im Team möglich.“ Sie können sich nicht aus dem Weg gehen, müssen zusammenarbeiten. „Dabei merken sie, dass das Schlimme, was ihre Eltern ihnen über die Nachbarn erzählt haben, gar nicht stimmt.“ Für die Jugendlichen sei es auch ein absoluter Luxus gewesen, ein Segelschiff zu betreten. So wie der begabte Steuermann Martin kommen die meisten aus ärmlichen Verhältnissen. Doch die Reise war keine reine Luxustour: Die Jugendlichen mussten beim Schiffsalltag mitanpacken. Ablegen, Segel setzen, Kochen in der Kombüse.

Die Tour endete in Biograd in Kroatien. 100 Schiffe segelten in den Stadthafen ein. Denn Bernhardt war mit seiner Dora nicht allein für den Frieden auf hoher See. Dort organisierte der Verein eine Party. Die Jugendlichen lachten, tanzten und flirteten. Denn die Liebe kennt keine Landesgrenzen.

Auch bei Regens Wagner in Erlkam hat Steuermann Bernhardt schon angeklopft. „Die waren begeistert.“ Vielleicht dürfen die Bewohner auch mal mit, wenn Bernhardt mit dem Friedensschiff in See sticht.

Von Marlene Kadach

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