Über 5000 Meter tief werden sich die Bohrmeißeln in die Holzkirchner Unterwelt vorarbeiten, um das Thermalwasser zu erschließen. Die Bohrungen sollen 2013 in der Alten Au und am Teufelsgraben stattfinden. Foto: Archiv

Geothermie kommt: Mutiger Sprung in die Tiefe

Holzkirchen - Wahrscheinlich markiert der 22. März ein epochales Ereignis in der Holzkirchner Geschichte: Der Marktgemeinderat beschloss ohne Gegenstimme, aus eigener Kraft Geothermie-Bohrungen niederzubringen, um damit Strom und Wärme in großem Stil selbst zu produzieren. Das Gesamtvolumen des Projekts beläuft sich auf rund 71 Millionen Euro.

Zahlen und Berechnungen, Statistiken und Renditen: Den Gemeinderäten brummten in den vergangenen Wochen die Köpfe, als sie sich dem großen Sprung näherten. Sechs Jahre dauerte der Anlauf, der in einer letzten, fünfstündigen Sitzung gipfelte. Dort liefen noch einmal Stresstests ab, wurden „worst-case“-Szenarien durchgespielt. Als der Beschluss schließlich gefasst war, ließ Bürgermeister Josef Höß (CSU) alle Zahlen hinter sich und gab sich der Emotion hin: Er stand aus seinem Sessel auf, seine Stimme vibrierte: „Ich verneige mich vor Euch“, sagte er in Richtung Gemeinderäte und schickte entschlossen hinterher: „Jetz pack ma o.“

Konkret hat sich der Gemeinderat bereit erklärt, 17 Millionen Euro als Anschubfinanzierung (Eigenkapital) bereitzustellen. Gut zwei Millionen davon sind bereits bezahlt, für die 3 D-Seismik und erste Grundstückskäufe im vergangenen Jahr. Bleiben also 15 Millionen Euro. Dafür löst die Gemeinde Rücklagen auf und nimmt nächstes Jahr einen neuen Kredit auf. Dann aber soll sich das Projekt selber tragen, finanziert durch Kredite der Bayerischen Landesbank und der Kreissparkasse. Das Risiko einer (eher unwahrscheinlichen) Nichtfündigkeit ist durch die Münchner Rück abgesichert. In etwa zehn Jahren, so hofft die Gemeinde, wirft die Geothermie durch Strom- und Wärmeverkauf erste Gewinne ab.

Die Organisation des Mammutprojekts übernehmen die Gemeindewerke, die als nächsten Schritt die rund 26 Millionen Euro teuren Bohrungen europaweit ausschreiben. „Gut, dass wir unsere eigenständigen Gemeindewerke haben“, sagte Robert Wiechmann (Grüne), „das ist kein anonymer Großkonzern.“ Diese Gemeindewerke, „das sind wir alle“, sagte Höß, „alle Holzkirchner.“ Die Geothermie schaffe die Voraussetzung, um unabhängig zu werden von russischem Gas und dem Öl der Scheichs. „Die Holzkirchner können dann ihre Energiekosten an sich selbst zahlen“, sagte Bernd Weinmann jun. (CSU). Dass Holzkirchen das anpacke, als erste Gemeinde ihrer Größe weit und breit, „das macht mich stolz“, bekannte Irmi Ammer (SPD).

Gut 5000 Meter unter Holzkirchen wartet eine riesige Energiequelle. Die zu erwartende Tagesförderung entspricht 108 000 Litern Heizöl. „25 Prozent der Energie fressen zwar allein die Pumpen“, stellte Ulrike Küster (Grüne) fest, „aber es bleibt immer noch ein immenser Energiegewinn.“ Das Thermalwasser soll vor allem für die Stromgewinnung genutzt werden, da der Staat über das Erneuerbare-Energien-Gesetz eine attraktive Einspeisevergütung garantiert. „Ein großer Trumpf ist auch unser Fernwärme-Netz“, betonte Höß. Eher zufällig, beim Bau des Hallenbads, sei es entstanden und stetig ausgebaut worden. „Vielleicht ist es einmal lohnender, Geothermie für Wärme statt für Strom zu nutzen.“

Auf Herz und Nieren sei das Projekt geprüft, betonte FWG-Sprecher Marcus Ernst. „Wir waren sehr kritisch, drei auswärtige Experten haben alles nachgerechnet.“ Und im allerschlimmsten Fall könne man immer noch aussteigen, ergänzte Wiechmann. „Es gibt durchaus Reißleinen.“

In der Bevölkerung, das betonten viele Räte, warte man ungeduldig auf die Geothermie, die regenerative Energie liefert und nicht witterungsanfällig ist wie Photovoltaik oder Windräder. „Ich verspüre große Unterstützung“, sagte Elisabeth Dasch (SPD). Diese Geothermie-Euphorie gelte es zu nutzen, forderte Thomas Hünerfauth (SPD). Gerade jetzt müsse man die Bürger mitnehmen und Werbung machen für das Energiesparen. „Denn darin liegt das größte Potenzial, die Energiewende zu schaffen.“

Von Andreas Höger

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