Ob man ein „Glanz“ werden kann, wenn man es nicht von Geburt aus ist? Dieser Frage geht Raphaela Hinterberger als „kunstseidenes Mädchen“ nach. Foto: Leder

"Kunstseidenes Mädchen" voller Facetten

Miesbach - Die junge Schauspielerin Raphaela Hinterberger spielt das Eine-Frau-Stück mit großem Einfühlungsvermögen.

Mit dem Eine-Frau-Stück „Das kunstseidenen Mädchen“ zog Raphaela Hinterberger ihr – leider sehr übersichtliches – Publikum im Gewölbe des Waitzinger Kellers 80 Minuten lang in ihrem Bann. Mit Präzision in ihren Gesten und ihrer Mimik sowie ihrer geschliffenen Sprache verpasste die Schauspielerin ihrer Hauptfigur gleichzeitig naive Leichtigkeit und desillusionierte Tragik, der eine philosophische Dimension innewohnte. Dieser gekonnt herausgearbeitete Widerspruch führte beim Publikum zu Beklemmungen ob des Schicksals des „kunstseidenen Mädchens“. Ein anrührender Theaterabend.

Die Zuschauer fühlten mit der 18-jährigen Doris, die davon träumt, ein „Glanz“, ein Star zu werden, deren Weg aber auf die Straße und in die Prostitution führt. Dieser Abstieg scheint für das Mädchen, dessen Vater ein arbeitsloser Alkoholiker und dessen Mutter Garderobenfrau in einem Theater ist, unvermeidlich vorgezeichnet zu sein. Und dennoch träumt sie vom Glück, das man ihr – obwohl sie keine Heilige ist und ihre körperlichen Vorzüge berechnend einzusetzen weiß – durchaus wünschen würde. Von ihrer ersten Liebe Hubert verraten und als Tippse vom zudringlichen und zurückgewiesenen Chef gefeuert, mogelt sie sich als Statistin auf die Schauspielschule. Aber näher sollte sie dem „Glanz“ nicht kommen. Denn durch den Diebstahl eines Pelzmantels bringt sie sich selbst zu Fall und muss sich ohne Papiere in die Großstadt absetzen. Dort gerät sie an eine Vielzahl von Männern, die sie mehr oder minder gut behandeln, jedoch ausnahmslos für ihre Bedürfnisse missbrauchen.

So schonungslos wie sich die Geschichte darstellt, so nähern sich auch Schauspielerin Hinterberger und Regisseurin Christine Ackermann dem Stoff – und das mit minimalen Mitteln. Eine große Kiste dient als Sitzbank, als Badewanne und Bett, in dem es so eindeutig zur Sache geht, wie das in einem Ein-Frau-Stück eben möglich ist. Die literarische Vorlage von Irmgard Keun aus dem Jahr 1932 birgt Aussagen, die seinerzeit revolutionär waren und auch beim heutigen Publikum noch Wirkung zeigen: „Es ist leicht mit alten Männern, wenn man jung ist“ etwa, oder: „Es ist nicht das Gesicht, das ein Hure ausmacht, sondern ihr Gang – so, als ob das Herz eingeschlafen wäre“. Aber auch: „Mutter, Du hast mit Männern geschlafen, weil Du sie mochtest oder das Geld brauchtest. Das mache ich auch.“

Das Stück erzählt vom Werden, aber doch vielmehr vom Vergehen eines Mädchens aus dem Milieu. Und Raphaela Hinterberger vermag es durch die ständigen Rollenwechsel zwischen Doris und „ihren“ Männern, ein kritisches Gesellschaftsbild und gleichzeitig ein bewegendes Psychogramm zu zeichnen. So dass sich der ein oder andere Zuschauer nach begeistertem Applaus am Ende des Abends der „Heldin“ anschließen musste: „Mein Herz ist ein Grammophon und spielt mit spitzer Nadel in meiner Brust.“

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