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Neuer Glücksbringer: Gustl Mollath mit einer Ullr-Medaille aus dem Wasmeier-Bauernhofmuseum, die er bei seinem Besuch im Landkreis gekauft hat.

56-Jähriger zum Entspannen am Schliersee

Gustl Mollath zu Besuch im Landkreis Miesbach

Miesbach/Schliersee - Deutschlands derzeit bekanntester Ex-Psychiatrie-Insasse Gustl Mollath im Landkreis Miesbach: Der 56-Jährige will ein paar persönliche Dinge regeln und etwas entspannen – so viel, wie es seine Vergangenheit zulässt.

Das Bedürfnis ist so stark, dass es ihn an den Schliersee holte. Gustl Mollath will sich bei Johanna Wasmeier bedanken, der Mutter von Ski-Doppelolympiasieger Markus Wasmeier. Für die Ullr-Medaille von einst, die ihn all die Jahre in der Psychiatrie begleitet hat.

Vor etwa zehn Jahren, als Mollaths Welt noch in Ordnung und er in Freiheit war, urlaubte er am Schliersee. Er wollte Wasmeier beim Aufbau seines Bauernhofmuseums finanziell unterstützen und eine Medaille von Ullr, dem Schutzpatron der Wintersportler, kaufen. Und zwar von einer Dame, der man damals im Ort nachsagte, dass sie spinne. Weil sie immer barfuß herumlief. Als Mollath nach Neuhaus fuhr, entdeckte er prompt eine barfuß radelnde Frau, fragte, ob sie denn Mama Wasmeier sei und ihm einen Ullr verkaufen könnte. Sie gab ihm ihr letztes Exemplar. „Der Ullr war dabei, in der Psychiatrie“, sagt Mollath. Sieben Jahre. Weil er die Medaille bei sich trug, als sie ihn abholten. „Es war eines der wenigen Dinge, die ich am Leib hatte."

Die Ullr-Medaille von damals hat der 56-Jährige heute nicht mitgebracht, aber einen Nachfolger. Mollath kramt aus einer Papiertüte eine neue Ullr-Medaille mit braunem Lederband hervor. Er hat sie gerade im Bauernhofmuseum gekauft. Johanna Wasmeier, die er besuchen wollte, fand er nicht. Ohne Danke gesagt zu haben, sitzt Mollath jetzt vollgepackt mit Plastiktüten, Tasche und Schirm in der Redaktion. Der Mann in Softshelljacke, Jeans und Poloshirt rührt energisch Milch und Zucker in seinen Kaffee. Er wirkt aufgeräumt, strukturiert.

Dabei wusste er am Vormittag noch nicht, ob er sich überhaupt auf das Gespräch einlassen will. Die Anfrage kam überraschend. Unsere Zeitung hatte Mollath zwei Tage vorher in einem Miesbacher Drogeriemarkt entdeckt und Kontakt zu Franz Josef Amann aufgenommen. Der Schlierseer, der einen Hilfsverein für Mollath gegründet hatte, stellte den Kontakt her. Und Mollath rief an. Plauderte eine halbe Stunde, sagte aber nicht, ob er kommt. Wenn, dann am Nachmittag, hieß es.

Um kurz nach 16 Uhr steht er tatsächlich in der Redaktion des Miesbacher Merkur. Der wohl prominenteste Ex-Psychiatrie-Patient der Republik, der 2006 auf gerichtliche Anordnung eingewiesen wurde – weil er seine Frau misshandelt und Autoreifen zerstochen haben soll.

Seit seiner Freilassung am 6. August aus der Psychiatrie von Bayreuth und vor dem anstehenden Wiederaufnahmeverfahren seines Falls ordnet Mollath sein Leben neu. Seit zwei Tagen besucht er Schliersee und Miesbach, dazwischen ein Abstecher nach Rosenheim. „Ich muss dauernd etwas anderes erledigen“, erklärt Mollath. Wie lange er noch bleiben wird, weiß er nicht. Der 56-Jährige wohnt bei seinen Unterstützern. „Ich bin obdachlos, aber nicht ohne Obdach“, sagt er, während er ein laminiertes Dokument hervorzieht. Sein vorläufiger Personalausweis. „Kein Hauptwohnsitz in Deutschland“ ist darauf zu lesen. „Damit Sie sehen, dass ich keinen Schmarrn rede.“ Solche Sachen sagt der 56-Jährige, der sich als Vogelfreier bezeichnet, an diesem Tag noch öfter. Mollath will das beweisen, was er erzählt.

Er zeigt einen Finger seiner rechten Hand. „Die Haut war bis auf den Knochen runter.“ Vom Schreiben. Zentnerweise Briefe habe er in der Psychiatrie verfasst. Lange aber drang wenig Post nach außen oder zu ihm. Erst als der Medienrummel um seine Person einsetzte, habe er spürbar mehr Informationen bekommen. Er spricht von der „Willkür des Personals“ und ist wieder drin in seinem Thema: die Psychiatrie-Vergangenheit.

Während Mollath anfangs noch präzise auf Fragen eingeht, schweift er schnell in seine alte Welt ab. In der er „Staatsfeind Nummer eins“ war. „Das ist auch der Grund, warum ich ein bissl pelzig bin.“ Er spricht vom apokalyptischen System der Gesellschaft, vom Spezialprogramm für den Herrn Mollath, von seiner Medikation – klar und ruhig. Auch wenn es ihn innerlich aufwühlt. Er möchte, dass medial alle Details seine Geschichte bekannt werden.

„Am Anfang war es eine Riesenschmach“, erzählt er. „Es erforderte eine gewisse Evolution zu sagen: Ich muss mich nicht schämen!"

Auch nicht wegen der Hilfe seiner zahlreichen Sympathisanten. „Franz Josef Amann bin ich immens dankbar.“ Erstmals kennengelernt haben sich die beiden bei der Kundgebung Anfang September auf dem Münchner Marienplatz vor 1000 Menschen. „Es gibt eine Flut an Unterstützern, die nicht mehr bearbeitbar ist“, sagt Mollath. Toll sei, dass sich Menschen Gedanken machen und mit dem Fall beschäftigen.

Dass ihn etwa die Hälfte der Leute auf der Straße erkennt, gehört dazu. „Ich werde oft angesprochen: höflich, freundlich und sehr freudig.“ So wie von dem Herrn aus Mainz , der ihn am Schliersee fragte: „Sind Sie nicht der Herr Mollath?“ Ein angenehmes Gespräch. Auch wenn ihm der Mann davon abriet, im Schliersee Baden zu gehen. Mollath macht es trotzdem, hat sich dafür extra noch eine Badehose gekauft – auch wenn er sie mit 35 Euro viel zu teuer fand.

Nach eineinhalb Stunden hat Mollath genug. „Länger könnte ich nicht mehr erzählen. Es schmerzt zu sehr.“ Betont dennoch: „Mich konnte man nicht vernichten. Ob es wegen dem Ullr von der Frau Wasmeier war, weiß ich nicht. Aber er hat nicht geschadet.“ Dann steckt er seinen neuen Ullr in die rechte Hosentasche und verabschiedet sich.

Vera Markert

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