+
Ein echter Familienbetrieb: (v.l.) Beppi und Mia Herzinger mit ihren Kindern Manuela und Michael vor „ihrer“ Tankstelle an der Rosenheimer Straße.

Mehr als nur Tanken

Miesbach - 45 Jahre lang hat Josef „Beppi“ Herzinger die Shell-Tankstelle in Miesbach betrieben. Donnerstagmittag ist damit Schluss, ein andere Pächter übernimmt. Benzin und Diesel gibt es dann weiterhin, doch bei Familie Herzinger war die Station immer mehr als nur ein Ort zum Tanken.

Zwischen dem Zeitschriften- und dem Süßigkeitenregal, vor der Theke bei der Kasse, hinten am Bistrotisch bei der Kaffeemaschine - überall im kleinen Verkaufsraum der Shell-Tankstelle an der Rosenheimer Straße in Miesbach stehen Menschen. Sie sind nicht da, weil das Benzin heute so günstig wäre. Sie sind überhaupt nicht zum Tanken gekommen. Vielmehr sind sie da, um sich zu verabschieden. Denn Josef Herzinger, den alle nur Beppi nennen, macht Schluss. Nach 45 Jahren als Pächter übergibt Donnerstagmittag die Schlüssel an Benjamin Lercher aus Altenstadt im Landkreis Weilheim-Schongau.

Nicht nur die Stammkunden bedauern das. „Mir tut’s wahnsinnig leid“, sagt Hausbesitzerin Christa Mayer. „Das ist nicht nur eine Tankstelle, das ist auch Zwischenmenschlichkeit“, sagt sie. „Ein echter Familienbetrieb, das gibt’s ja heut’ gar nicht mehr.“ Oft kamen Leute einfach nur zum Ratschen vorbei. „Das wird ganz, ganz vielen fehlen“, ist Mayer überzeugt.

Seit 16. August 1968 führte Beppi Herzinger die Tankstelle neben dem Landratsamt. „Der Tag hat ja kommen müssen“, sagt der 71-Jährige. Angefangen hat Herzinger bei der Miesbacher Esso-Tankstelle. Dann zog der Bezirksleiter von Shell nach Kleinthal und fragte Herzinger, ob er nicht eine eigene Tankstelle übernehmen möchte. „Wir haben ganz klein angefangen“, erinnert sich Ehefrau Mia (68). „Da war gar kein richtiges Dach da.“ Nach und nach wurde die Anlage größer, der Laden kam dazu.

„Es war eine schöne Zeit“, sagt Beppi Herzinger. „Wir hatten viele treue Kunden, die teilweise zu Freunden geworden sind. Und die sind jetzt mit uns alt geworden.“ Fortan will er als das nachholen, wozu er in den vergangenen Jahren keine Zeit hatte: „Radlfahren, Berggehen und Skifahren. Langweilig wird’s mir nicht“. Denn zu tun gab es in all den Jahren genug. Die Station war von sechs bis 22 Uhr geöffnet, sieben Tage die Woche. Man konnte meinen, Herzinger wohnte in der Tankstelle. So packten neben seiner Frau auch die beiden Kinder Manuela und Michael immer kräftig mit an. „Es war schon viel Arbeit“, sagt Mia Herzinger. „Aber wenn man’s gern macht, merkt man das nicht.“

Fast wäre die Tankstelle im Familienbesitz geblieben. Sohn Michael, der 13 Jahre lang mitarbeitete, hätte die Station gerne übernommen. Aber: „Die Verträge von Shell haben nicht gepasst“, sagt der 31-Jährige. Jetzt macht er erstmal Urlaub.

Auch wenn es Beppi Herzinger nicht zugibt: Etwas wehmütig ist er schon, verrät seine Frau. „Ich zieh’ ja nicht weg, ich bleib’ ja in Miesbach“, wiegelt er gleich ab. Jetzt räumen die Herzingers noch ihre persönlichen Sachen aus dem Büro und schließen die Inventur ab. Dann übernimmt Lercher. Der 33-Jährige führt bereits die Tankstellen in Grünwald, Hohenschäftlarn, Wolfratshausen, Oberau und Garmisch-Partenkirchen. „Das ist ein Superkollege“, sagt Herzinger. „Er hat uns gesagt, dass er so weitermacht wie wir.“

Bis 12 Uhr mittags ist Beppi Herzinger am Donnerstag noch da. Es wird also nochmal eng werden in der kleinen Tankstelle.

Julia Pawlovsky

Auch interessant

Kommentare