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Von außen betrachtet ein attraktives Pflegeheim: die Seniorenresidenz in Schliersee.

Eklatante Mängel in Seniorenresidenz

Schliersee - Bei zahlreichen Kontrollen haben Behörden in einem Pflegeheim in Schliersee erhebliche Missstände festgestellt. Der Träger habe kein Interesse, die Mängel abzustellen, sagt ein Sprecher der Pflegekassen.

Geranien schmücken den dunklen Holzbalkon der Seniorenresidenz in Schliersee (Landkreis Miesbach), das frühere Hotel macht von außen einen gepflegten Eindruck. Doch in der privat geführten Einrichtung herrschen offenbar eklatante Missstände.

Seit Mai 2010 hat der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) das Heim viermal überprüft - mit „durchweg defizitären Ergebnissen“, sagt Winfried Fischer vom MDK. Auch die Heimaufsicht hat seit der Eröffnung der Seniorenresidenz im August 2009 mehr als zehn Kontrollen durchgeführt - und im März sogar Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft München II überprüft diese derzeit auf die Straftatbestände Stag und unterlassene Hilfeleistung. Angeblich mussten Bewohner in Gitterbetten liegen, obwohl die dafür notwendige richterliche Anordnung nicht vorlag. Zudem wurden die Zimmer nachts abgeschlossen - nach Angaben des Pflegepersonals auf Wunsch der Senioren. Doch dies konnte bei den Kontrollen nicht verifiziert werden.

Die Liste der Mängel, die MDK und Heimaufsicht festgestellt haben, ist lang: „Das volle Programm“, sagt Winfried Fischer. Die Hauptauffälligkeit seien „unzureichende Vorsichtsmaßnahmen“ für wundgelegene Bewohner, also Dekubitus-Patienten. In einem Fall wurde der Senior sogar auf die wunde Stelle gelagert, in einem anderen machten erst MDK-Kontrolleure das Personal auf eine wunde Stelle aufmerksam. Problematisch: Die Pflegekräfte dokumentierten fleißig, dass die Senioren umgelagert wurden - laut Fischer allerdings im Voraus und ohne tatsächlich zu handeln.

Die Senioren würden auch nicht ausreichend gewaschen: Bewohner hätten verkrusteten Schmutz zwischen den Zehen. Eine Frau litt unter erheblichem Gewichtsverlust - wie Ernst Dieckmann, Vize-Sprecher des Landratsamtes bestätigt, sind die Portionen auch nach Ansicht der Heimaufsicht zu klein. Die Heimaufsicht bemängelte auch die fehlende soziale Betreuung der Bewohner und eine „defizitäre medizinische Behandlung“. Die Kontrolleure stellten auf den Gängen Urin-Geruch und „allgemein schlechte Hygiene“ fest.

Eine Ursache für die Zustände sieht Fischer vom MDK in den „problematischen“ Rahmenbedingungen in der Seniorenresidenz. Die Dienstpläne seien unübersichtlich, würden zum Teil von einem Tag auf den nächsten erstellt. Durch eine hohe Krankheitsrate und Personalfluktuation sind zum Teil zu wenig Pfleger für zu viele Bewohner zuständig: Bei einer nächtlichen Kontrolle mussten sich zwei Mitarbeiter um 115 zum Teil schwerst pflegebedürftige Senioren kümmern. Im Juni 2010 verhängte die Heimaufsicht wegen Personalmangels sogar einen vorübergehenden Aufnahmestopp. Auch die baulichen Voraussetzungen im Heim sind schwierig, sagt Fischer: Das Personal muss auf den langen Gängen weite Wege zurücklegen, einige Stationen erstrecken sich über zwei Stockwerke und sind dadurch unübersichtlich. Ein Indiz für die schwierige Situation in der Seniorenresidenz ist der ständige Heimleiterwechsel: Seit der Eröffnung geben sich die Chefs die Klinke in die Hand, „feuerwehrmäßig“, so berichtet ein Insider, wurde vom Träger immer wieder neues Führungspersonal geschickt.

Betrieben wird das Heim von der H&R Senioren Heimbetriebsgesellschaft mbH mit Sitz in Berlin. Die Firma betreibt 18 Einrichtungen bundesweit, drei davon in Bayern: Augsburg, Inzell und Schliersee. 134 Heimplätze gibt es dort. Zwar räumt H&R ein, dass die Seniorenresidenz den firmenüblichen Standard noch nicht erreicht habe, man sich aber „mit aller Kraft bemüht“, diesen auch in Schliersee zu erreichen. Der Großteil der Vorwürfe wurden aber als „unhaltbar“ bezeichnet: Ein individuelles Ernährungsmanagement stelle sicher, dass die Bewohner richtig und angemessen ernährt werden, die Personalfluktuation sei für die Branche und die Anlaufphase eines Heims üblich. Man trenne sich von Mitarbeitern, die den Anforderungen von H&R nicht entsprechen. Die „vereinbarten Personalschlüssel“ würden eingehalten, die „Fachaufsicht in der Nacht“ eingehalten. Die Geschäftsleitung bestätigte explizit nicht, dass eine Anzeige wegen Freiheitsentzug erstattet wurde.

Durch die zahlreichen Kontrollen hat sich die Lage in Schliersee offenbar nicht verbessert. Sogar der Kostenträger, die Pflegekassen, habe bereits Gutachter geschickt, die „erhebliche Mängel festgestellt“ haben, sagt stellvertretend AOK-Sprecher Michael Leonhart. Der Träger zeige bislang wenig Interesse an deren Beseitigung. Zudem ließ H&R die Veröffentlichung der Pflegenoten gerichtlich untersagen. Doch warum wird das Heim nicht geschlossen? „Da gibt es hohe Hürden“, sagt Leonhart. Solange keine rechtskräftigen Entscheidungen vorliegen, seien den Kassen die Hände gebunden: Bei Hinweisen auf gefährliche Pflege müsse letztlich die Heimaufsicht tätig werden und die Einrichtung schließen. Dort sieht man sich machtlos: „Wirkungsvoller wäre es, wenn der Kostenträger die Kosten nicht mehr übernimmt“, sagt Sprecher Dieckmann. Die Hürden, bis ein Heim geschlossen werden könne, seien sehr hoch. „Das Pflege- und Wohnqualitätsgesetz ist ein zahnloser Tiger.“

von Carina Lechner

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