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Der angeklagte Hausmeister (r.) wird zu seinem Platz gebracht. Links wartet sein Verteidiger Gunter Widmaier.

Badewannen-Mord: Gutachter favorisiert Sturz-Theorie

Rottach-Egern - Im Oktober 2008 ertrank Lieselotte K. (87) in der Badewanne ihrer Wohnung in Rottach-Egern. Knapp zwei Jahre später wurde der Hausmeister (50) wegen Mordes an der Rentnerin zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch der Bundesgerichtshof (BGH) hob das Urteil auf.

Markus Rothschild (49) ist ein gefragter Rechtsmediziner. Seit der Kölner im Vergewaltigungsprozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann das für den Angeklagten entlastende Gutachten vortrug, gilt er als Hoffnungsträger für die Verteidiger. Auch der Revisions-Spezialist Gunter Widmaier weiß um seine Stärken. Er engagierte Rothschild für die Neuauflage des so genannten Badewannen-Mordes von Rottach-Egern. Der Prozess wird seit Anfang November vor dem Landgericht München II geführt.

Der 50-jährige Hausmeister soll die Frau ermordet haben. Zunächst ging die Staatsanwaltschaft von Habgier als Mordmotiv aus, später sprach das Schwurgericht von der Verdeckung einer Straftat. Angeblich hatte Lieselotte K. ihren Hausmeister ständig herumkommandiert. Als er sich am besagten Oktobertag mit den Worten von ihr verabschiedete, sich um seine eigene Mutter kümmern zu müssen, soll sie wütend geworden sein. Daraufhin schlug er ihr angeblich zweimal heftig auf den Kopf, schubste sie in die Badewanne und drehte das Wasser auf. Verdeckung einer Straftat lautete plötzlich das Mordmotiv im Urteil. Diesen Wandel monierte der BGH. Der Angeklagte hat bis heute den Mord-Vorwurf bestritten.

Dass Lieselotte K. möglicherweise in die Badewanne gestürzt war, hatte im ersten Prozess lediglich der Gutachter Wolfgang Keil, ein erfahrener Münchner Rechtsmediziner, für möglich gehalten. Doch Keil wurde offenbar nicht richtig verstanden. Selbst im Ersturteil unterstellten ihm die Richter, dass er die Sturztheorie für nicht sonderlich wahrscheinlich hielt. Dabei hatte er seinerzeit im Prozess genau erklärt, keine exakten Erkenntnisse zur Todesursache anbieten zu können.

Also engagierten die Verteidiger für das zweite Verfahren den Rechtsmediziner Markus Rothschild. Der baute gestern auf verständliche Weise die Sturztheorie aus. Er stellte zwei Hypothesen auf. Demnach war Lieselotte K. entweder ermordet worden oder sie hatte einen Zusammenbruch erlitten und war in die Wanne gestürzt, wo sie ertrank. Beweise vermochte der Experte für beide Theorien nicht zu liefern, wohl aber gab es für ihn eine Vielzahl von Hinweisen, die einen Sturz wahrscheinlich erschienen ließen. Er wolle nicht als „postmortaler Besserwisser“ auftreten, doch es gebe Parameter, die einen Zusammenbruch denkbar werden lassen könnten, sagte Rothschild. Grund: Lieselotte K. litt unter Durchblutungsstörungen, die vermutlich schon früher zur Bewusstlosigkeit geführt hatten. Zumindest berichtete eine Friseurin, dass ihr die ältere Dame schon zweimal weggesackt wäre. An ihrem Todestag war die 87-Jährige aus dem Krankenhaus heimgekommen. Sie hatte an einer Durchfallerkrankung gelitten. Während ihres Klinikaufenthaltes war sie auch wegen ihres Blutdrucks behandelt worden und hatte vier verschiedene Mittel erhalten. Der Rechtsmediziner hielt es für möglich, dass ihr Blutdruck plötzlich heruntergerauscht war und sie deshalb das Bewusstsein verlor und stürzte. Weitaus plausibler schätzte Rothschild aber eine Durchblutungsstörung des gesamten Gehirns ein. Der Prozess dauert an.

Angela Walser

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