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Hier ist der Bürgermeister am Ruder

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Peter Janssen war früher Rechtsanwalt. Seit 2002 ist das frühere SPD-Mitglied (heute: Bürgerliste) Bürgermeister der kleinen Stadt Tegernsee. © Leder

Tegernsee - Der Bürgermeister ist am Ruder – im Wortsinn: Peter Janssen ist Hobby-Gondoliere und wagt sich mit dem schmalen Gefährt sogar auf die Donau. Meist aber ist der Tegernsee sein Klein- Venedig.

Behutsam heben Ursula und Peter Janssen die schweren Holzruder aus dem funkelnden Tegernsee und strecken sie senkrecht nach oben in den blauen Himmel. „Alza remi“, rufen sie zur Blaskapelle Rottach-Egern hinüber. Dirigent Hans Weber zieht den Hut und verneigt sich. Was soviel wie „Hebt die Ruder“ heißt, ist ein Zeichen der Ehrerbietung der venezianischen Gondoliere.

Wenn auch keine italienischen, bayerische Gondoliere sind die Janssens allemal. Schon seit 25 Jahren besitzt der Bürgermeister der Stadt Tegernsee eine echte Gondel, original aus Venedig. Deshalb weht auch die Flagge mit dem Markuslöwen am janssenschen Heck. An den Anblick des gondelfahrenden Rathaus-Chefs haben sich die Tegernseer längst gewöhnt, und so kennt auch Dirigent Weber den Gondoliere-Gruß.

An diesem sonnigen Nachmittag steht Peter Janssen auf der Gondel aus Mahagoni hinten, seine Frau vorne, so wie immer. Er lenkt, sie sorgt für die Bewegung. „So wie sonst auch, bist du der Steuermann“, sagt Ursula Janssen. Beide bewegen sich komplett im Einklang. Völlig synchron drücken sie die langen Ruder nach vorne und lächeln dabei entspannt. „Man muss ein gutes Team sein“, sagt Peter Janssen (64). Nach 17 Jahren Ehe sind die beiden das.

Er rudert schon beinahe sein ganzes Leben lang. Mit zwölf Jahren ist er in den Ruderverein Tegernsee eingetreten, gleich unterhalb seines Elternhauses in der Egerner Bucht. Vater und Mutter waren begeisterte Ruderer. „Es ist vererbt“, sagt er.

Der Bürgermeister war selbst mal 30 Jahre lang Vereins-Vorsitzender. Vor 25 Jahren entdeckte er dann in Venedig die Gondel für sich. Im Vergleich zum Rudern hat das Leben als Gondoliere zwei entscheidende Vorteile: „Man sieht wo man hinfährt, und man kann auf dem Boden der Gondel wunderbar Brotzeit machen.“ Für Ursula Janssen (55) war der Sport völliges Neuland. Für Peter eine Grundvoraussetzung für eine gemeinsame Zukunft, sagt sie. Der erste Gondel-Ausflug wurde so zur „Wassertaufe“. Und die gelang. „Ich hab’ auch nicht gedacht, dass ich mal Matrose werde“, erzählt sie schmunzelnd. Knapp 20 Jahre später ist sie das. Die beiden sind so oft es nur geht auf dem Tegernsee unterwegs, als Ausgleich zur Arbeit. Ursula Janssen hat als Allgemeinärztin gut zu tun, ihr Mann als Stadt-Oberhaupt. Geredet wird beim Rudern nicht. „Das ist kein Unterhaltungssport“, sagt er. „Aber ein wunderbarer Entspannungssport.“ Seine Frau stimmt zu: „Das ist eine ganz meditative Bewegung.“

Bis es jedoch soweit war, dauerte es. Für den Laien ist es schon schwierig, auf der wackeligen Gondel überhaupt stehen zu bleiben und nicht von Bord zu gehen. Dann liegen die langen, schweren Holzruder nur locker auf der Forcola, einer halbkreisförmigen Riemengabel. „Die Hauptschwierigkeit ist, dass das Ruder nicht hinten rausfällt“, erklärt Janssen. Doch damit nicht genug: „Man braucht Jahre, um die Bewegung so zu optimieren, dass es nicht mehr weh tut.“ Macht man was falsch, schmerzt der Rücken oder die Handgelenke tun weh. Inzwischen hat auch Ursula Janssen den Dreh längst raus.

Im August verlassen die beiden für zwei Wochen ihren Tegernsee und gondeln über Flüsse, manchmal sogar Meere. Auf der Donau von Ulm nach Budapest, auf der Moldau von Prag bis zur Elbe und weiter nach Dresden und auf der Adria von Venedig nach Triest. Übernachtet wird meist an Bord. Die janssensche Gondel, Typ Mascareta, ist zwar knapp acht Meter lang, aber nur 90 Zentimeter breit. „Früher ging das einfacher“, sagt er, lacht und streicht sich über den Bauch.

Das Naturerlebnis ist dafür unschlagbar. „Ich mag es zu sehen, wie der Fluss sich verändert“, sagt sie. Auch daheim ist Peter Janssen immer wieder aufs Neue von der Natur beeindruckt. „Schau, wie schön sich das Gras drüben an der Point im Wind wiegt. Fast wie die Wellen auf dem See“, ruft er seiner Frau zu. Dann genießen sie wieder ihre Fahrt. Schweigend.

Julia Pawlowsky

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