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Abholzaktion: 180 Bäume müssen fallen

Neubiberg - Mit Kran, Kettensäge und Spürhunden rücken sie in Neubiberg an - zum dritten Mal schon. Um die Ausbreitung des Asiatischen Laubholzbockkäfers zu stoppen, werden dort 180 Bäume gefällt. Das sorgt bei vielen Bürgern für Unmut.

Der Esstisch der Familie Bruch steht in einem Erker; durch fünf Fenster hat man einen herrlichen Panoramablick nach draußen. Auf den Garten. Und auf die mächtige Linde, die dort seit Jahrzehnten steht, und die den Ausblick durch die mittleren drei Fenster bestimmt. Noch.

„Beim Frühstück entdecken wir oft Eichhörnchen oder Vögel im Baum“, sagt Bärbel Bruch, 48, und ihre Stimme klingt wehmütig. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie’s wäre, wenn er weg ist. Dann schauen wir nur noch auf Hauswände.“ Doch genau dieser Ausblick droht der Familie. Warum? Das lässt sich hier im Bruch’schen Erker gut erklären. Denn würde man die Linde nur durch das äußerste der fünf Fenster sehen, dann wäre alles in Ordnung. Doch weil der Baum dereinst ein paar Meter weiter südlich gepflanzt wurde, steht er gerade noch im sogenannten Fällradius. Und deshalb werden diese Woche voraussichtlich Fachleute mit schwerem Gerät anrücken, die Linde entzweisägen, beide Teile abtransportieren und nur einen Stumpf zurücklassen. Binnen Minuten soll Menschenhand entfernen, was die Natur in Jahrzehnten geschaffen hat.

Verantwortlich hierfür ist ein wenige Zentimeter kleines Tier namens Asiatischer Laubholzbockkäfer, den sie in Neubiberg nur ALB nennen. Vor gut einem Jahr haben sie entdeckt, dass der eigentlich in China beheimatete Krabbler es irgendwie in den Südosten von München geschafft hat. Und weil der ALB als Holzschädling gefürchtet ist, begann mit diesem Fund die Bekämpfung des Käfers, wofür die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft zuständig ist - LfL, auch dieses Kürzel ist den Neubibergern inzwischen geläufig.

Vergangene Woche ist die dritte Fällaktion im Ort angelaufen. Diesmal stehen rund 180 Bäume auf der Liste; insgesamt wird die Zahl der gefällten Gehölze in Neubiberg damit auf über 1100 steigen. Der Grund: Wird festgestellt, dass ein Baum vom ALB befallen ist, müssen sämtliche möglichen Wirtsbäume in einem Umkreis von 100 Metern umgesägt werden. Seit Juni stehen 16 Bäume auf einer EU-weiten Liste: Birke, Buche, Ahorn und so weiter.

Mit dieser radikalen Prozedur will die LfL die Ausbreitung des ALB stoppen. Dazu gebe es keine Alternative, betont die Behörde. Zudem verweist LfL-Sprecherin Sabine Weindl auf Erfolge in den USA, wo der Käfer mittels dieser Methode ausgerottet wurde. Und sie fügt hinzu: „Wenn es in 50 Ländern vergleichbare Meinungen gibt, dann hat das mehr Gewicht als Einzelmeinungen.“

Damit bezieht sich die Sprecherin auf die Bürgerinitiative „Gegen ALB-Traum Neubiberg“ (BI). Diese hat Stellungnahmen von Wissenschaftlern eingeholt, wonach es Alternativen zur Radikalfällung gebe. „Wir glauben, dass die Gefahr falsch eingeschätzt wird“, sagt BI-Mitgründer Wieland Keinert. Er ist gerade in der Tannenstraße gewesen, wo die Arbeiter hinter Absperrband zig Bäume gefällt haben. „Ein Massaker ist das“, zürnt Keinert. Und all das geschehe, weil bei der letzten Fällaktion an fünf Gehölzen Befall festgestellt wurde. „Das Vorgehen der LfL ist völlig überzogen.“

An der dritten Fällaktion, die voraussichtlich bis Anfang Oktober dauert, werde man jedoch nichts mehr aussetzen können, glaubt Keinert. Wobei sich für die Familie Bruch in der Josef-Kyrein-Straße noch ein Hintertürchen auftun könnte. Denn auf das Drängen einiger Gemeinderäte hin ist ihre Linde von der Gemeinde als ortsbildprägend eingestuft worden - als einer von zwei der jetzt gefährdeten Bäume. Diese Einschätzung soll der LfL mitgeteilt werden. „Wir wissen nicht, wie das ausgeht“, sagt Bürgermeister Günter Heyland (FW.N@U). „Aber es ist wichtig, dass wir das ausprobieren.“ Wobei der Rathauschef betont, dass das Risiko beim Grundstückseigner liege. Womöglich müsse er sich finanziell an den Kosten einer intensiven Überwachung des Baums beteiligen.

Bärbel Bruch hofft jedenfalls, dass ihr Anliegen bei der LfL Gehör findet: „Ich bin Kletterer und würde das Monitoring sogar selbst übernehmen - wenn die Linde dadurch stehen bleiben darf.“

Patrik Stäbler

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