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Alle wollen Pierre-André helfen

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Pullach - Eine Welle der Hilfsbereitschaft ist am Sonntag in die Josef-Breher-Schule in Pullach geschwappt. Unzählige Menschen ließen sich Blut abnehmen und für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) registrieren.

Um dem kleinen Pierre-André oder einem anderen schwerkranken Menschen zu helfen.

Maximilian Netzer wirkt sehr nachdenklich und in sich gekehrt, als die Damen und Herren bei der „Zwischenkontrolle“ in der Turnhalle seine persönlichen Daten prüfen. Wenige Stunden zuvor war sein gleichaltriger Freund aus Wolfratshausen an Leukämie gestorben - und so war klar, dass der 20-Jährige bei der Registrierungsaktion der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) in seinem Heimatort mitmacht. „Es ging alles so schnell. Erst am Freitag kam die Diagnose. Akute Leukämie“, erzählt der Pullacher. Und fügt hinzu: „Ihm konnte ich nicht mehr helfen, vielleicht hier. . .“

Die Turnhalle der Josef-Breher-Schule ist voll mit freiwilligen Helfern, Tisch an Tisch, Stuhl an Stuhl reiht sich aneinander, alles wirkt perfekt organisiert. „Kommen Sie doch zu uns rüber“, winken zwei freundliche Damen den Spender in spe heran. Der Andrang ist groß, unzählige Menschen - auffallend viele Elternpaare - sind gekommen, um dem kleinen Pierre-André Böhm aus Schäftlarn zu helfen.

Der zehn Monate alte Bub leidet am Wiskott-Aldrich-Syndrom, einem lebensbedrohlichen Gendefekt (wir berichteten). Für ihn und andere Patienten organisierte die DKMS diese Aktion, zahlreiche Menschen nicht nur aus Pullach oder Schäftlarn folgten am vierten Advent diesem Aufruf, ließen sich als potenzieller Stammzellspender aufnehmen - und spendeten jede Menge Geld, damit die Typisierungen finanziert werden können. Pierre-André kann nur überleben, wenn es - irgendwo auf der Welt - einen Menschen mit nahezu den gleichen Gewebemerkmalen im Blut gibt, der zur Stammzellspende bereit ist.

„Es ist wie Lotto spielen“, hatte Mama Sabrina Böhm noch vor Tagen erklärt und fand es „unglaublich beeindruckend“, wie am Sonntag ein Rädchen ins andere griff. Ihrem Mann Andreas kamen nach eigenen Worten „fast die Tränen“, als er die Turnhalle betrat: „Wahnsinn, wie viele Menschen bereit sind, so kurz vor Weihnachten zu helfen und zu spenden.“

Wie Sabine Ziesemann aus Schäftlarn, die den Aushang zur Aktion im Supermarkt gesehen hatte. „Ich bin selbst Mutter. Mir war sofort klar, da muss ich hin“, erklärte die Mutter einer 17-jährigen Tochter. „Valerie lässt sich heute auch Blut abnehmen, und wenn sie 18 ist, kommt sie in die Kartei.“

Wie Theresa Mutius aus Hohenschäftlarn, die in der Kindertagesstätte - ihre Tochter ist vier Jahre alt, ihr Sohn gerade mal zwei Monate älter als Pierre-André - von der Aktion erfahren hatte. „Zum einen leide ich mit den Eltern mit und kann mich gut in ihre Situation einfühlen, zum anderen sind der lokale Bezug und die konkrete Hilfe entscheidend.“

Auch der als „Bergdoktor“ bekannte Schauspieler Hans Sigl half zeitweilig bei der Registrierung: Es sei doch alles ganz einfach, „ein kleiner Pieks“ könne dazu führen, dass jemand überlebe. „Wollt Ihr einen Luftballon?“, fragt die Dame an der „Zwischenkontrolle“ die beiden Kids vor ihr. Die nicken stumm. Acht Freiwillige haben sich hier im hinteren Drittel der Turnhalle an einem langen Tisch postiert; unter anderem, um die großzügig übergebenen Spenden entgegenzunehmen.

60 Datenerfasser - unter ihnen ein gut gelaunter SPD-Bürgermeisterkandidat Holger Ptacek bei seiner Premiere in diesem Job -, 26 Ärzte/Arzthelfer bei der Blutabnahme, acht Personen bei der Übergabe der Blutprobe am Ausgang sowie ein großes Team bei der Kaffee-und-Kuchen-Ausgabe machten die Schar der freiwilligen Helfer perfekt. Cornelia Zechmeister hatte sie zusammen getrommelt. Die CSU-Gemeinderätin kennt Pierre-Andrés Vater Andreas Böhm schon länger. „Aus der Pullacher Volkstanzgruppe“, schiebt Böhm ein. „Mir war klar, dass die Power für diese Aufgabe hat und das toll organisiert!“

Sie habe erst sehr spät von Pierre-Andrés Krankheit erfahren, erzählt Cornelia Zechmeister: „Das war ein Schock. Klar, dass ich da sofort helfe.“ Die Aktion führte dann auch die beiden Gemeinden Pullach und Schäftlarn zusammen: Deren Bürgermeister Jürgen Westenthanner und Matthias Ruhdorfer übernahmen die Schirmherrschaft, zudem, brachte sich unter anderem Schäftlarns CSU-Gemeinderätin Theresia Bader ein: „Es ist eine moralische, soziale Verpflichtung, bei dieser tollen Aktion zu helfen.“

Guido Verstegen

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