Heute vor 75 Jahren war der Zweite Weltkrieg und damit die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten endlich zu Ende. Schon am 5. Mai hatten, möglicherweise in Haar im ehemaligen HJ-Heim, General Hermann Foertsch und General Jacob L. Devers die Kapitulation der in Süddeutschland stehenden Streitkräfte unterzeichnet

Vor 75 Jahren

Die letzten Tage des Schreckens: Als der Zweite Weltkrieg im Landkreis sein Ende fand

  • vonAndrea Kästle
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Der 8. Mai 1945 markierte das Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch im Landkreis München gehörten die Alliierten schnell zum „Alltag“. Ein Überblick.  

Landkreis – Heute vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, war der Zweite Weltkrieg offiziell zu Ende; ab 23.01 Uhr an diesem Tag, so wurde es festgelegt, durften keine Kampfhandlungen mehr stattfinden. Derweil war schon drei Tage vorher, vermutlich sogar in Haar im ehemaligen HJ-Heim an der Hindenburg-Straße, die Kapitulation der in Süddeutschland stehenden deutschen Streitkräfte unterzeichnet worden.

In den meisten Gemeinden rund um die ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“ hat sich eine Art Alltag mit den Besatzern, soweit man das beurteilen kann, recht schnell eingespielt. Hingegen sollte es Jahrzehnte dauern, bis die NS-Verbrechen, die auch im bald prosperierenden Landkreis München verübt worden waren, benannt und erforscht wurden. In den ehemals sehr bäuerlich geprägten Orten hatten die Nazis für sie wichtige Einrichtungen errichtet, die Muna in Hohenbrunn, in Hochbrück auf dem Areal des alten Munitionsdepots und der aufgelassenen Zündholzfabrik zwei Reichsarbeitslager sowie eine SS-Berufsschule, in Oberhaching eine Funkabhör- und Peilstation, in Lohhof das erste von letztlich drei Sammellagern für Juden in und um München – ein Wartesaal quasi für die Deportation. Sogar zwei der insgesamt 169 Außenstellen des Konzentrationslagers Dachau haben sich im Landkreis befunden – in Ottobrunn und in Deisenhofen.

Eine Schulklasse aus Ismaning in den Jahren 1948/49. Lehrerin war Margarete Britting, die die Schüler in zwei Schichten unterrichtete.

Dabei hatten sich ab den letzten Apriltagen praktisch überall auf dem Land am Rand der Stadt noch dramatische Szenen abgespielt. Kaum ein Ort, in dem nicht versprengte SS-Schergen noch versuchten, die Bevölkerung teils unter massivem Druck dazu zu bewegen, keine weißen Tücher in die Fenster zu hängen. In Unterschleißheim kam es noch zu richtigen Gefechten, in der „Schlacht vor Lohhof“ fielen am 29. April etwa 100 Menschen, 40 von ihnen waren Amerikaner. Diese waren drauf und dran gewesen, Luftunterstützung anzufordern – dann wäre von Lohhof wohl nicht mehr viel übrig geblieben.

In den meisten Fällen gelang es aber durch geschicktes Verhandeln, die Unverbesserlichen zum Abrücken zu bewegen. In Putzbrunn hatten Bewohner eine Kanone, von Kampfverbänden in Stellung gebracht, um das Dorf zu verteidigen, das nicht mehr verteidigt werden wollte, einfach in eine Kiesgrube geschoben und dort versteckt. Auch in Feldkirchen, wo, wie der Pfarrer bedrückt in seinem Einmarschbericht festhielt, Bürgermeister Kurt Eberlein „gegen Kirche und Pfarrer recht unfreundlich eingestellt“ gewesen war, hatte die SS „außerhalb des Ortes noch in Stellung gehen“ wollen, sich aber „glücklicherweise wieder empfohlen“. Und in Unterföhring zeigten am 1. Mai am Ende laut Pfarrer Adolf Pschorr „alle Häuser […] weiße Fahnen“ – auch wenn das ganze untere Dorf kurz zuvor noch von der SS besetzt gewesen war. In Feldkirchen wiederum ließ eine Frau ihren Enkel den Fahrern der ersten einrückenden US-Panzer Blumen überreichen.

Schulleiter weigert sich, Hakenkreuzfahne einzuholen

Zu Schießereien ist es aber hier und dort durchaus noch gekommen. In Haar schossen die Amerikaner sechs junge SS-ler nieder, die sich eigentlich schon ergeben hatten. Während sich, auch in der Südost-Gemeinde, zwei Parteimitglieder die Pulsadern aufschnitten – und Schulleiter Wirth sich weigerte, die Hakenkreuzfahne einzuholen vom Schulhof. „Mit dem Gewehrkolben im Genick haben ihn die Amerikaner gezwungen, sich auszuziehen bis auf die Unterhose“, fuhren mit ihm, erinnern sich Zeitzeugen, durch den Ort und ließen ihn „Heil Hitler“ schreien, „bis er nicht mehr konnte“.

Derweil bekamen die Kinder von den Besatzern Kaugummis und Schokolade geschenkt, probierten bei Festen, wie sie die Alliierten etwa auf dem Flughafen Neubiberg veranstalteten, die ersten Orangen oder Bananen ihres Lebens. Im ehemaligen HJ-Heim in Haar zogen die Amerikaner ein Jugendzentrum auf, in dem Mickey-Mouse- sowie Dick- und Doof-Filme liefen und verschiedene Sportarten sowie Tanzabende auf dem Programm standen. Für die Jugendlichen wurden Freizeiten am Simssee veranstaltet, bei denen es Weißbrot, Büchsenfleisch und Cola gab und an die sich die Beteiligten gern erinnern. „Ich hab mich wahnsinnig geärgert, damals wohnten wir in Zorneding, ich konnte nicht dabei sein“, sagt Horst Wiedemann, inzwischen in Haar zuhause.

Pfarrer versteckt den Messwein

Am 1. Mai abends dürften alle Gemeinden um München in amerikanischer Hand gewesen sein. Die Besatzer ließen sich mit Eiern verköstigten, bedienten sich teils auch in den Vorratskammern der Pfarrhöfe. In Unterhaching hatte Pfarrer Martin Faustner den Messwein vorsichtshalber rechtzeitig vergraben lassen.

Und während in Oberschleißheim auf dem riesigen Gelände der ehemaligen Fliegertechnischen Schule östlich und westlich der Schleißheimer Straße im Mai 1946 ein Auffanglager für „Displaced Persons“ eingerichtet worden ist mit notdürftigem Platz für 4500 Menschen, wollte zwei Jahre später der Aschheimer Bürgermeister Franz Ruthus in der Nacht vor der Währungsreform einfach kein Risiko eingehen. Aus Angst, die zwei Leinensäcke voller neuer Geldscheine, insgesamt 5200 D-Mark frisch aus der Presse, könnten ihm gestohlen werden, schlief er im Amtszimmer. Auf zwei Stühlen, unter die er die Säcke voller Geld gelegt hatte.

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