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Alte Angst in neuen Schläuchen

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Veranstaltung für alle Altersklassen: Auf Einladung der Union wird in Arget über die Zukunft diskutiert.  Foto: kko
Veranstaltung für alle Altersklassen: Auf Einladung der Union wird in Arget über die Zukunft diskutiert. Foto: kko

Sauerlach - Vergreist die Republik? Nein, sagt Professor Bosbach in Arget

Sauerlach - „Keine Angst vor der Zukunft“, lautete der Titel einer Veranstaltung im Gasthof Schmuck in Arget. Eingeladen dazu hatten Junge Union und die Senioren-Union Kreisverband München-Land. Gastreferent war Prof. Dr. Gerd Bosbach von der Hochschule Koblenz.

Trotz sommerlich heißer Temperaturen fanden knapp 100 Interessierte den Weg. Im Blickpunkt des Abends stand das Referat des Mathematikers, Wirtschafts- und Sozialforschers Gerd Bosbach. Titel seiner Ausführungen: „Demografie als Angstmacher“. Eindrücklich, aber mit rheinländischem Charme, präsentierte der 62-Jährige Zahlen und Fakten zum Thema. Der zunächst ebenfalls als Referent erwartete Bezirksvorsitzende der Jungen Union, Tobias Zech (MdB), hatte wegen der Trauerfeierlichkeiten für den kürzlich verstorbenen JU-Bundesvorsitzenden Philipp Mißfelder abgesagt. Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion war mit nur 35 Jahren an einer Lungenembolie gestorben.

Bosbach gilt als Experte in Sachen Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsstatistik (Demografie) und untersucht deren Missbrauch. Als Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes beriet er Finanz- und Wirtschaftsministerium sowie die wissenschaftlichen Dienste des Bundestages. Später arbeitete er auch in der Abteilung Statistik der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung. Seit 16 Jahren ist er als Professor tätig.

Anhand zahlreicher Beispiele dokumentierte Bosbach in Arget, wie Angst vor der demografischen Entwicklung sozialpolitische Entscheidungen beherrscht und wie Medien diese transportierten. „Der Spiegel brachte im Januar 2004 dazu plakativ: Der letzte Deutsche - Auf dem Weg zur Greisenrepublik“, erinnerte Bosbach. Den Titel zeigte er als Folie. Zu wenig Jugendliche? Vergreisung? Seit rund zehn Jahren beherrsche die Angst vor der demografischen Entwicklung politische Entscheidungen, beobachtete Bosbach. Eindeutige Widerlegungen würden schlicht ignoriert. Schon der Blick ins letzte Jahrhundert zeige eine massive Alterung, ohne Folgen für das soziale Netz. Scheinbar objektive Zahlen gerieten immer wieder in die Fänge interessensgeleiteter Interpretation.

„Zu wenige Kinder, steigende Lebenserwartung, immer mehr Rentner - das gab es schon seit 1870“, sagte der Experte. Selbst später in der Weimarer Republik gab es Begriffe wie Geburtenschwund und Überalterung. „1954 befürchtete sogar Adenauer unser Aussterben“, weiß Bosbach. Und, wie jeder sehen könne, sei das nicht geschehen und im Gegenteil, der Sozialstaat wurde auf- und nicht abgebaut. „In Frankreich bekommt jede Frau zwei Kinder, hier sind es im Schnitt nur 1,4“, rechnete Bosbach vor. Wenn die Kinderzahl also so wichtig sei, müsste es den Franzosen ökonomisch weit besser gehen.

Sein Fazit: Natürlich werfe Alterung Probleme auf, dies seien jedoch nicht die Hauptprobleme. Zu diesen zählte er die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, den Abbau der Arbeitslosigkeit, Bildung für die Jugend („dort zu sparen ist meschugge!“) und Finanzierungssysteme der sozialen Sicherheit. Leider lasse jedoch die so genannte „schwarze Null“ des Finanzministers keine gute Lösung erwarten, so dass der Sündenbock Demografie wohl noch länger existieren werde.

Der Vorsitzende der Senioren-Union, Hanns-Peter Wagner, sowie Nicola Gehringer, Vorsitzende der Jungen Union im Kreisverband München-Land, hatten durch den Abend geführt und zeigten sich mit dem Verlauf der Veranstaltung höchst zufrieden. Auch die Möglichkeit, im Anschluss noch Fragen zu stellen, wurde später genutzt. Die Themen betrafen unter anderem Lohnentwicklung, Rente, Generationsgerechtigkeit. Unter den Gästen war neben dem CSU-Kreisvorsitzenden Max Straubinger (MdB) auch Elke Garczyk, die Vizepräsidentin der Europäischen Senioren-Union.

Kathrin Kohnke

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