Angst vor Giftanschlag: Arbeiter sticht 36 Mal auf Kollegen ein

Heimstetten - Ein Arbeiter hat am Dienstag vor dem Münchner Schwurgericht zugegeben, einen Kollegen unter der Dusche mit dem Messer lebensgefährlich verletzt zu haben. Warum er auf seinen Kollegen losging:

Eigentlich hatten sich die beiden Männer ganz gut verstanden. Sie arbeiteten zusammen in einer Firma, in der sie Steigen und Paletten reinigten. Ihre Schicht bestand insgesamt aus acht Kollegen – einem Griechen, drei Albanern und vier Marokkanern. Die Männer achteten sich gegenseitig. In den Pausen und bei der Arbeit pflegten sie einen freundlichen Umgang.

Doch Anfang 2010 zog sich der Angeklagte zurück. „Ich hatte keine Freunde“, behauptete er zu Prozessauftakt. Wegen diffuser Kopf- und Bauchschmerzen suchte er eine Allgemeinärztin auf, die arabisch sprach und ihm irgendwann riet, einen Neurologen zu konsultieren. Den Rat schlug der 36-Jährige aber in den Wind.

Im März selben Jahren sitzte sich seine psychische Situation zu. Der Mann hatte das Gefühl, sein späteres Opfer hätte versucht, ihn mit Gurkenstücken zu vergiften - daran glaubte er auch noch gestern in der Sitzung. „Die Gurken, die vergiftet waren, waren speziell für mich“, ließ er über seinen Dolmetscher mitteilen. Zu der Tat selber hatte er wenig Worte.

„Stimmt es, ganz pauschal?“, fragte ihn Vorsitzender Richter Michael Höhne „Was soll stimmen“, erwiderte der Angeklagte. Der Richter erklärte ihm noch einmal den Tatvorwurf, dass er, der Angeklagte, auf seinen duschenden Kollegen losgegangen war und in mit 35 Stichen schwerst verletzt hatte. „Das stimmt, aber es war nicht 35 Mal, es war nur zwei Mal“, erklärte der 36-Jährige. „Ich kann mich nur an zwei Mal erinnern. Das es mehr waren, ist nicht möglich“, setzte er noch nach.

Als Motiv gab der Angeklagte wiederholt die vergifteten Gurken an. „Er hat mir die extra gegeben. Sie waren in einer Plastikschüssel“, behauptete der Angeklage. Ob der Kollegen auch den anderen Männern Gurken angeboten hatte, konnte der Marokkaner nicht sagen. Er habe kleine Stücke gegessen und nach der Pause Bauchschmerzen bekommen. „Ich hatte das Gefühl, dass etwas nicht normal war“, sagte der Angeklagte. Er sei daraufhin nach Hause gegangen, ihn plagten Müdigkeit und Herzrasen: „Ich dachte, dass ich sterbe, ich war wie tot.“

Am nächsten Tag ging er zu seiner Ärztin. Sie gab ihm eine Spritze und im Laufe der nächsten Tage noch zwei weitere. Welchen Wirkstoff sie enthielten, konnte er nicht sagen. Er war sich aber völlig sicher, dass die Schmerzen von den vergifteten Gurken herrührten und nicht von den Sardinen, die er an diesem Tag ebenfalls gegessen hatte. „Welchen Grund soll denn Ihr Kollege gehabt haben, Ihnenen vergiftete Gurken zu geben?“, versuchte der Richter noch einmal, die Vorgeschichte zu hinterfragen. „Ich weiß nicht, er hatte sich geändert, ich hatte das Gefühl, er wollte mich aus der Firma raswerfen“, erwiderte der Angeklagte. Tatsächlich aber litt der 36-Jährige an Wahnvorstellungen. Der Prozess dauert an.

Angela Walser

Rubriklistenbild: © dpa

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