Angst vor vom Staat genormten Menschen

- Landkreis-Lehrer sehen früherer Einschulung mit Skepsis entgegen

VON JULIA BREITTRUCK Landkreis - Mit gemischten Gefühlen nehmen die Grundschul-Lehrer im südlichen Landkreis München die Veränderungen auf, die ihnen bevorstehen. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht die frühere Einschulung (wir berichteten im überregionalen Teil).

Bislang wurden Kinder, die am 30. Juni das sechste Lebensjahr vollenden, im September eingeschult. Möglich war auch, Fünfjährige in die Schule zu schicken, wenn sie bis zum 31. Dezember sechs Jahre alt wurden und ein Testverfahren bestanden. Ab dem Schuljahr 2005/06 wird der Stichtag des Einschulungsalters von Jahr zu Jahr um jeweils einen Monat vorgelegt. Erreicht werden soll, so Claudia Piatzer, die Pressesprecherin des Kultusministeriums, dass in Zukunft das Alter eines Erstklässlers regulär fünfeinhalb Jahre betragen kann - und ein unteres Limit werde es nicht mehr geben. Möchten Eltern theoretisch also, dass ihr Sprössling bereits mit vier in die Schule kommt, wird vorher ein schulpsychologisches Gutachten erstellt.

"Es gibt Kinder, die es im Alter von fünfeinhalb schon schaffen, andere nicht", weiß Heide Osterkamp, Rektorin der Martin-Kneidl-Schule in Mehr Konzentration schon im Kindergarten Grünwald. Aber im Falle der früheren Einschulung seien begleitende Maßnahmen im Kindergarten sehr wichtig. "Das freie Spiel muss reduziert werden, und die Kinder müssen im Vorschulalter Konzentrationsfähigkeit erwerben." Als Vorbereitung müssten die Kleinen auch lernen, etwas zu tun, das sie nicht so gerne mögen, erklärt Osterkamp. Individuelle Förderung des einzelnen wird von nun an außerdem mehr denn je von den Lehrern erwartet. "Dazu müssen die Klassen allerdings kleiner werden. Oder wir brauchen, wie in Frankreich, eine zweite Erzieherin in jeder Klasse", erklärt die Grünwalder Schulleiterin.

Dietlinde Kiensmüller sieht vor allem psychologische Probleme herannahen. Im besagten Alter sei in erster Linie Liebe und Bindung zu den Eltern wichtig. "Sonst sind die Kinder später nicht bindungsfähig", befürchtet die Konrektorin der Grundschule an der Lenbachallee in Ottobrunn. Auch Zeit zum Spielen und Entdecken bräuchten die Sprösslinge in den ersten sechs Lebensjahren. Kiensmüller plädiert für ein Vorschuljahr, das schulische Kompetenzen fördert und trotzdem den Bewegungs- und Entdeckungsdrang nicht unterdrückt. "Von 8 bis 12 Uhr in der Schule zu sitzen, ist für viele kleine Kinder einfach zu lang", meint sie. Ihre größte Sorge sind jedoch "vom Staat genormte Menschen", die durch die frühe Trennung der starken Bindung zu den Eltern und den unterdrückten Spieldrang in ein Schema gepresst würden.

Hans-Christoph Wünsch, Rektor der Volksschule Neubiberg, rechnet bei den jüngeren Kindern mit sprachlichen sowie sozialen Defiziten. Vor allem in Klassen, in "Offene Klassenzimmer" und Gruppenarbeit denen Fünf- und Siebenjährige zusammen unterrichtet würden, seien künftig jene Differenzen deutlich spürbar, vermutet der Rektor. "Die Schule muss sich darauf einrichten und flexibel sein", sagt Betty Pauker, Rektorin der Grundschule West in Taufkirchen. Die Lehrkräfte müssten noch intensiver kooperieren und beispielsweise mit "offenen Klassenzimmern" in Gruppen mit den Schülern arbeiten.

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