Der Ayinger Glockenkrieg als Theaterstück, anno domini 2005. Vorne Michl Wöllinger. Der wurde angefeindet, weil er, als Helfendorfer, seinen Verein „Ayinger Gmoakultur“ nennt. 
1 von 3
Der Ayinger Glockenkrieg als Theaterstück, anno domini 2005. Vorne Michl Wöllinger. Der wurde angefeindet, weil er, als Helfendorfer, seinen Verein „Ayinger Gmoakultur“ nennt. 
Karl Hörterer schwört: Er hat nicht zur Flex gegriffen.
2 von 3
Karl Hörterer schwört: Er  hat nicht zur Flex gegriffen.
Die Blauen gegen die Gelben: Aschheim (blau) und Dornach haben natürlich auch jeder einen eigenen Fußballverein. Das sind Derbys! 
3 von 3
Die Blauen gegen die Gelben: Aschheim (blau) und Dornach haben natürlich auch jeder einen eigenen Fußballverein. Das sind Derbys! 

40 Jahre Gemeindegebietsreform

Alte Dorf-Rivalitäten gären weiter

  • schließen

Die Gemeindegebietsreform jährt sich zum 40. Mal. Am 1. Mai 1978 wurden auch im Landkreis einige Ortschaften zu neuen Gemeinden zusammengelegt– oftmals gegen ihren Willen. Alte Rivalitäten leben bis heute fort. Über ein Jubiläum, das keiner feiern mag.

Landkreis In Aying kennt jeder diesen Witz: Ein Ayinger fährt mit dem Radl durch Großhelfendorf. Plötzlich entweicht die Luft aus einem Reifen. Doch statt diesen in Helfendorf aufzupumpen, schiebt er sein Radl zurück nach Aying. Schließlich will er keine Helfendorfer Luft in den platten Reifen blasen. Das findet man in Aying zum Brüllen. In Helfendorf eher weniger.

In beiden Ortsteilen pflegt man einen gewissen Lokalpatriotismus nach dem Motto: Mia san Mia und Die andern san die andern. Dabei gehören die beiden Ortsteile eigentlich seit 40 Jahren zusammen. Am 1. Mai 1978 trat die sogenannte Gemeindegebietsreform in Kraft. Bayerische Gemeinden wurden zusammengelegt. Deren Zahl verringerte sich von 6962 auf 2051. Aus Höhenkirchen und Siegertsbrunn wurde Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Aus Aschheim und Dornach wurde Aschheim. Aus Aying und Groß- sowie Kleinhelfendorf wurde Aying.

Der Siegertsbrunner Faschingsskandal

Doch so wirklich feiern will das Jubiläum in den Gemeinden keiner. Traditionelle Rivalitäten leben bis heute fort. Manchmal ist sind diese lustig gemeint, manchmal bitterernst. Wer von den Einwohnern dieser Gemeinden wissen will, wie es steht um das Gemeinschaftsgefühl, bekommt stets diese Antwort: „Schwieriges Thema.“ Fasching 2017 in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Die Siegertsbrunner Burschen feieren in der Höhenkirchner Mehrzweckhalle einen Ball. Kurz zuvor und nach langen Diskussionen macht der Gemeinderat den Weg frei für ein neues Feuerwehrhaus der Siegertsbrunner Floriansjünger. Das schmeckt so manchem Höhenkirchner Feuerwehrler schon nicht. Und dann hängen die Siegertsbrunner Burschen bei ihrem Faschingsball auch noch ein Schild über die Bar, auf dem steht: „Über uns lacht die Sonne. Über Höhenkirchen die ganze Welt.“ Aus Sicht einiger Höhenkirchner eine fiese Provokation. Es kommt zum Skandal.

Schon in der Grundschule mit dem Spaltvirus infiziert

In sozialen Netzwerken kursiert vor dem Ball ein Bild des Schildes. Auf Höhenkirchner Seite fordert man, das Schand-Schild sofort abzuhängen. Die Burschen überkleben es – jetzt steht darauf: Über Donald Trump lacht die Welt. Doch als die Narren feiern, löst sich (ganz von alleine?) der Trump-Aufkleber. Wieder gibt es Ärger.

Eigentlich sei das Ganze bloß eine Gaudi gewesen, sagt einer, der seinen Namen in dieser Sache lieber nicht in der Zeitung lesen möchte – zu groß war ihm damals die Aufregung. Vor allem die Alteingesessen verstünden bei diesem Thema keinen Spaß.

Das stimmt nicht ganz. Traditionelle Dorf-Feindschaften können auch Generationen überspringen. Das zeigt sich in Aying. Die gemeindliche Schule steht in Großhelfendorf. Die Einrichtung ist eines der letzten Relikte Helfendorfer Unabhängigkeit. Ayinger Kinder müssen zwangsweise in den Nachbort zur Schule gehen. Michl Wöllinger, Vorsitzender der „Ayinger Gmoakultur“, erinnert sich an den ersten Schultag seiner Tochter, der schon Jahrzehnte zurückliegt. Als diese damals nach Hause kommt, fragt der Papa, wie es war in der Schule. Die Tochter habe nur gesagt: „Scheiß Ayinger!“ „Da sieht man schon, was los ist, selbst bei den Kindern“, sagt Wöllinger. 

Dornacher kämpfen um ihr Bürgerhaus

Er selbst kann dieses Wir-und-die-Getue nur bedingt nachvollziehen. Wöllinger ist in München geboren („Ich bin stolz auf mein Münchner Kennzeichen“ s. Kasten). Seit langer Zeit lebt er in Helfendorf. Vor 15 Jahren hat er den Kulturverein mit dem Namen „Ayinger Gmoakultur“ gegründet. „Man hat mich für den Namen angefeindet“, sagt Wöllinger. Helfendorfer hätten ihn zur Rede gestellt. Warum er als einer von ihnen seinen Verein Ayinger Gmoakultur nenne. Dabei habe er ganz pragmatisch gedacht, sagt Wöllinger: „Aying kennt jeder. Helfendorf niemand.“ Das hat sicher auch mit der Brauerei zu tun. Das flüssige Gold sorgt ebenfalls für Animositäten. Er trinke leidenschaftlich gern das Ayinger Bier, sagt Wöllinger. Manche Helfendorfer würden aus Prinzip das Holzkirchner Bier bevorzugen.

Wie Helfendorf hat auch Dornach seine Eigenständigkeit als Gemeinde vor 40 Jahren abtreten müssen. Der Ort gehört zur Gemeinde Aschheim. Hier gibt es vieles doppelt: Zwei Jagdgenossenschaften, zwei Fußballvereine, zwei Kirchenchöre. Es gibt auch zwei Ortsbäuerinnen.

Für Dornach ist das Elfriede Rampeltshammer. Sie sagt, im Großen und Ganzen komme man gut miteinander aus. Nur einmal seien die Dornacher gegen die Aschheimer Obrigkeit auf die Straße gegangen. Vor Jahren hätte der damalige Bürgermeister Helmut Englmann geplant, das Dornacher Bürgerhaus abzureißen. „Doch wir Dornacher wollten es behalten. Also haben wir mobil gemacht“, sagt Rampeltshammer. Anschließend habe die Gemeinde das Bürgerhaus umfassend renoviert. Da hätten sich die Dornacher durchgesetzt.

Ayinger tragen Glockenkrieg mit der Flex aus

Gleichwohl sind diese Reibereien nur Pipifax im Vergleich zum „Ayinger Glockenkrieg“. Es ist das Jahr 1991 des Herren. Die Kleinhelfendorfer Pfarrkirche St. Emmeram soll eine neue Glocke bekommen – die alte hatten die Nazis im Krieg eingeschmolzen. Ein Passauer Gießer hat sie erstellt. 20 000 Mark hat sie gekostet. Nun trifft sie im Dorf ein. Die Helfendorfer bekommen sie das erste Mal zu Gesicht – und können nicht glauben, was sie sehen. Der Gießer hat neben den Namen des Heiligen Sebastians – des Helfendorfer Patrons – auch den des Heiligen Andreas – des Ayinger Patrons – eingraviert. Schuld soll der damalige Pfarrer sein, der für beide Ortschaften zuständig ist. Jetzt ist der Teufel los. Die Glocke wird in einem Stadl in Kleinhelfendorf eingelagert. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion brechen Unbekannte darin ein und flexen den Namen des Heiligen Andreas von der Glocke.

Karl Hörterer vom Trachtenverein Goldbergler ist ein Vollblut-Helfendorfer. Er erinnert sich noch gut daran. „Man ist nie draufgekommen, wer das gemacht hat“, sagt er. Er sei es jedenfalls nicht gewesen. Denn wenn er zur Flex gegriffen hätte, würde er das auch zugeben. Der Glockenkrieg ist inzwischen zur Legende geworden. Die Mitglieder der „Ayinger Gmoakultur“ haben die Geschichte einmal auf der Theaterbühne nachgespielt. Sauaufwendig sei das gewesen, sagt Wöllinger. Man habe sogar eine Glocke nachgebaut. Die hängt jetzt in einem Stadl in Kleinhelfendorf. Unweit der Kirche St. Emmeran. In deren Turm hängt die echte Glocke. Auf ihr steht noch immer nur der Name des Heiligen Sebastians. Wenn sie bimmelt, bimmelt sie voller Stolz.

In den Köpfen leben die alten Landkreis-Grenzen fort

Sechs Jahre vor der kommunalen Gemeindegebietsreform wurde der Freistaat neu in Landkreise und kreisfreie Städte gegründet. Zum 1. Juli 1972 wurden einige Gemeinden aus dem ehemaligen Landkreis Wolfratshausen sowie die Gemeinde Helfendorf aus dem ehemaligen Landkreis Bad Aibling in den Landkreis München eingemeindet. In diesen Kommunen gibt es eine starke Orientierung zu den alten Kreisen. Das zeigt sich etwa bei den Abonnenten unserer Heimatzeitung. In Schäftlarn zum Beispiel gibt es rund 400 Merkur-Leser. Davon haben fast alle den Isar-Loisachboten aus Wolfratshausen abonniert. Der Rest liest die Münchner Landkreis-Ausgabe. 

Ein weiteres Beispiel: In Straßlach-Dingharting lesen etwa 300 Menschen den Merkur, die Hälfte bekommt den Münchner Teil, die andere Hälfte den Wolfratshauser Teil. Ein weiterer Beleg, dafür dass die alten Landkreis-Grenzen in den Köpfen noch existieren: Nostalgiker haben im Landkreis München die Möglichkeit, sich an ihre Autos sogenannte Altkennzeichen zu schrauben. Nach Angaben der Kfz-Zulassungsstelle sind im Landkreis derzeit 292 Fahrzeuge (Pkw, Lkw, Anhänger usw.) mit einem AIB-Kennzeichen (für Bad Aibling) zugelassen sowie 726 Fahrzeuge mit einem WOR-Kennzeichen (für Wolfratshausen). Diese seien grundsätzlich in jeder Gemeinde des Landkreises vergeben, berichtet das Landratsamt auf Nachfrage. Aber: „Tendenziell ist zu beobachten, dass in Gemeinden, die vor der Gebietsreform zu den Landkreisen Wolfratshausen beziehungsweise Bad Aibling angehörten, eine vermehrte Nachfragen nach diesen Kennzeichen zu verzeichnen ist.“

Auch interessant

Meistgesehene Fotostrecken

Harthausen: Schon wieder zwei Verletzte an der „Forstwirt-Kreuzung“ - Der Feuerwehr langt‘s
Schwerer Unfall mit Wohnmobil und Kleintransporter an der „Forstwirt-Kreuzung“ in Harthausen. Die Feuerwehr mahnt: Es muss ein Kreisverkehr her.
Harthausen: Schon wieder zwei Verletzte an der „Forstwirt-Kreuzung“ - Der Feuerwehr langt‘s
Das sind die schönsten Wiesn-Fotos unserer Leser
Wahnsinn, wie viele Leser unserem Aufruf gefolgt sind, uns ihre schönsten Wiesn-Fotos zu schicken. Hier sehr ihr eine Auswahl der besten Leser-Bilder!
Das sind die schönsten Wiesn-Fotos unserer Leser
Kurfürstin spielt Empfangsdame beim Freudenfest
Es ist immer ein erhebendes Gefühl, das prächtige Schloss Schleißheim zu betreten und auf den Spuren bayerischer Kurfürsten zu wandeln. Vor allem, wenn gleich nach dem …
Kurfürstin spielt Empfangsdame beim Freudenfest
Kinder zündeln: Feuerwehrler löschen brennende Gartenhütte in Unterschleißheim
Weit war die Rauchsäule einer brennenden Gartenlaube in Unterschleißheim am Sonntag zu sehen. 32 Feuerwehrler waren im Einsatz. Wegen des Sturms drohten die Flammen auf …
Kinder zündeln: Feuerwehrler löschen brennende Gartenhütte in Unterschleißheim