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Ganz nah rangehen muss Anita Vilsmeier, um das Leuchtsignal zu erkennen.

Debatte um Lärm

Betroffene zeigt: Darum braucht Aschheim Signal-Ampeln

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Hürden für Menschen mit Handicap will Aschheim abbauen - und diskutiert zugleich, ob Signalampeln für Blinde zu viel Lärm machen. Für Anita Vilsmeier wären sie ein Segen.

Aschheim – Der Verkehr tobt an diesem Morgen. Ein Auto nach dem anderen. Immer wieder große Laster, Linienbusse. Sie brausen die B 471 entlang, die hier in Aschheim Ismaninger Straße heißt. Auf Höhe der Marsstraße steht Anita Vilsmeier an der Ampel. Die 71-Jährige hat ihren Oberkörper weit nach vorne gebeugt. Nur wenige Zentimeter trennen ihre Augen vom Display des Signalknopfes. Sie drückt ihn, richtet sich auf, hält ihren weißen Stock bereit. Anita Vilsmeier sieht kaum noch etwas. Aber sie hat erkannt: Der Schriftzug „Signal kommt“ leuchtet. Und sie weiß, gleich werden die Autos stehen bleiben. Gleich kann sie sich über die Bundesstraße tasten.

Die Ampel an der Ecke Marsstraße ist eine von vielen in Aschheim. Bei neun von ihnen denken Verwaltung und Gemeinderäte darüber nach, sie umzurüsten: Ein akustisches Signal könnte Menschen mit Sehbehinderung und Blinde darauf hinweisen, dass in Kürze die Grünphase beginnt. Allerdings ist das mehrfache Klackern laut. Verständlicherweise, sollen es die Fußgänger doch auch und gerade an stark befahrenen Straßen gut hören können. Dieses vielleicht lebensrettende Geräusch, so gibt Aschheims Bürgermeister Thomas Glashauser (CSU) zu bedenken, könnte die direkten Anwohner stören.

Im Bauausschuss hatten die Aschheimer Gemeinderäte über das Umrüsten der Ampeln beraten. Dabei hatte Bürgermeister Thomas Glashauser (CSU) darauf hingewiesen, dass das Taktgeräusch stören könnte. Es hat eine Reichweite von 4,50 Metern.  Nun aber ist eine Entscheidung verschoben, denn zunächst soll in den Fraktionen diskutiert werden. 

Die Ampeln für Sehbehinderte und Blinde barrierefrei zu gestalten, ist eine freiwillige Maßnahme einer Kommune. In Aschheim stehen neun Ampeln für einen solchen Umbau zur Debatte, aber lediglich sechs fallen in den Zuständigkeitsbereich der Gemeinde. So ist das Umrüsten jeder Ampel an der B 471 Sache des Bundes. Die Gemeinde wiederum hat für das Umrüsten der ausgewählten sechs Anlagen Kosten von rund 46 000 Euro errechnet.

An der Ampel Marsstraße/Ismaninger Straße ist an diesem Morgen nur schwer ein Gespräch zu führen. Wer reden möchte, muss laut werden. Jedes Wort führt einen Wettstreit gegen den Verkehrslärm. Reine Wohnbebauung gibt es an dieser Stelle nicht. Im Rücken die Scheune eines Bauernhofes, gegenüber ein Mehrparteienhaus mit Café und anderen gewerblichen Einrichtungen.

Gefahrenstelle: Über die B471 traut sich Anita Vilsmeier allein nicht.

All diese Gebäude sieht Anita Vilsmeier nicht mehr wirklich. Nur hell und dunkel kann sie unterscheiden. Aber sie hat ihre Erinnerungen. Seit 1999 lebt sie in Aschheim. Kennt hier jede Ecke, wie sie selbst sagt. Sie hat einen eigenen Pflegedienst geführt. Weiß genau, wo es Hürden gibt für Alte, Kranke und Menschen mit Handicap. Sie hat anderen geholfen – und braucht jetzt selbst Hilfe. Viele Dinge im Dasein der aktiven, vielseitig interessierten Frau haben sich verändert. Seit acht Jahren geht das so. Seit in ihr Leben die Diagnose eingedrungen ist.

„Retinitis pigmentosa“ heißt die Augenkrankheit, die die Netzhaut zerstört, das sehfähige Gewebe am Augenhintergrund. Sie gilt als Erbkrankheit. Jeder 80. Mensch trage ein ungünstig verändertes Gen in sich, meldet „Pro Retnina Deutschland“, eine Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegeneration. Behandlungsmöglichkeiten gibt es lediglich bei seltenen Sonderformen.

„Allein traue ich mich das nicht“

Anita Vilsmeier hat sich auf die Erkrankung und ihre Folgen eingestellt. Das Leben neu sortiert. Ihr Mann hilft ihr im Alltag. „Aber manchmal will ich allein sein für einen Moment“, sagt sie. Etwa am Grab ihres Vaters. Er ist auf dem gemeindlichen Friedhof bestattet. Eigentlich ein recht kurzer Weg von der Wohnung der Vilsmeiers an der Sonnenstraße. Nicht mehr als ein Spaziergang. Für Anita Vilsmeier aber unüberwindbar allein. Denn, um zum Friedhof zu gehen, muss sie die B 471 überqueren. Genau an an der Ecke zur Marsstraße. „Allein traue ich mich das nicht“, sagt sie. Zu stark ist der Verkehr an dieser Stelle. Zu unsicher ihr Gefühl.

Einige Wege für sie nicht möglich

Mit der zunehmenden Erblindung hat sie ihre Sinne umstellen und neu schulen müssen: weniger Auge, mehr Ohr. Sie ist trainiert. An diesem Morgen hört sie selbst den Radler, der – für ein wenig geschultes Gehör – fast geräuschlos vorbeifährt. Doch das kostet Kraft. „Ich brauche sehr viel Konzentration, und es ist immer eine Anspannung da, wenn ich alleine gehe“, sagt Anita Vilsmeier. Daher meidet sie vor allem die Überquerung großer, stark befahrener Straßen – wie hier an der B 471. Einige Wege bleiben ihr versperrt im Ort. Jedenfalls dann, wenn sie keine Hilfe an ihrer Seite hat.

Daher käme für Anita Vilsmeier mit der Umrüstung der Ampeln wieder ein ganzes Stück mehr Lebensqualität zurück. Selbstständigkeit, Unabhängigkeit. Schon mehrfach habe sie sich mit ihrem Anliegen an die Gemeinde gewandt, sagt sie. Persönlich, schriftlich. Auf eine Antwort warte sie noch immer. Auf ihre Wortmeldung bei der Bürgerversammlung hatte Bürgermeister Glashauser gesagt, die Dinge würden geprüft. „Es ärgert mich, dass man als Minderheit offensichtlich kein Gehör findet“, sagt Anita Vilsmeier.

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