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Unkonventioneller Komponist: Walter Haupt bei einer seiner Inszenierungen auf dem Münchner Königsplatz. Open-Air-Musik ist seine Leidenschaft.

Serie: Die 68er

Walter Haupt: Mit Fassbinder die Nächte durchgefeiert

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1968 war mehr als ein Jahr. Die linke Studenten-Bewegung hat zu sozialen Veränderungen geführt, die bis heute nachwirken. Zum 50. Jubiläum erzählt der Münchner Merkur, wie Mitglieder der 68er- Generation die prägende Zeit erlebt haben. Heute: der Aschheimer Komponist Walter Haupt. 

Aschheim – Anfang der 70er Jahre trifft sich eine bunt zusammen gewürfelte Künstler-Clique allabendlich in der Gaststätte „Deutsche Eiche“ an der Reichenbachstraße in München. Walter Haupt aus Aschheim, Komponist, Dirigent und heute Träger des Bundesverdienstkreuzes, ist damals Ende Dreißig. Er ist Mitglied dieser reichlich unkonventionellen und schrillen Szene, deren „König“ der Filmemacher und Dramatiker Rainer Werner Fassbinder war. „Die Eiche war unser zweites Wohnzimmer, in dem gesoffen, gefeiert und gekifft wurde. Ich habe immer Fassbinders Kondition bewundert. Wie er nach den nächtlichen Exzessen so kreativ arbeiten konnte – mir ein Rätsel“, sagt der 83-Jährige und lacht.

Ohrfeige für Elisabeth Volkmann

Dieser Ort im Münchner Glockenbachviertel ist Schmelztiegel der Kreativen und Magnetpunkt der schwulen Szene. „Ich bin nicht schwul, aber wir waren alle gute Freunde.“ Haupt erinnert sich lebhaft an turbulente Szenen. Da wird debattiert und gestritten, manchmal sogar mit den Fäusten. „Es gab ständig Diskussionen. Wir hatten uns oft in den Haaren.“ Einmal ohrfeigt er sogar die Schauspielerin Elisabeth Volkmann. „Es war das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich eine Frau geschlagen habe“, beteuert der feinsinnige Künstler. Der „Klimbim“-Star hatte ihn bis aufs Blut gereizt: „Weil sie meinen Freund, den Choreografen Dieter Gackstetter, einen Bayreuther Spießer nannte.“ Heute lebt Haupt mit seiner Frau Rosemarie Nistler in Aschheim, für den Ort hat er die Aschheim-Hymne komponiert. Und inzwischen wurden ihm viele Ehrungen und Auszeichnungen zuteil.

Musikerlaufbahn als Schlagzeuger

Ursprünglich will Haupt Theologie studieren und Priester werden. Er besucht ein humanistisches Gymnasium in München. Sein Studiengeld verdient er als Akkordeon-Spieler und Jazz-Pianist in Ami-Clubs. Als Schlagzeuger beginnt er seine Musikerlaufbahn. In Stuttgart lernt er die Kunst des Dirigierens und ist als Komponist aktiv. Um sein Wissen zu vertiefen, studiert er als Meisterschüler bei Hans Werner Henze in Salzburg. Der ist einer der Schöpfer der neuen Musik und wendet sich gegen das Elitäre des klassischen Kulturbetriebs.

Walter Haupt ist heute 83 Jahre alt und Träger des Bundesverdienstkreuzes.

„Die 68er waren eine Zeit der musikalischen Avantgarde. Wir haben neue Dinge gemacht und experimentiert“, sagt der Aschheimer. Er bekommt in diesen Jahren der Umwälzungen die Möglichkeit, seine Ideen zu realisieren: 1968 gründet er das Ensemble „Neue Musik der Bayerischen Staatsoper“ und 1969 zusammen mit Intendant Günther Rennert die Experimentierbühne, die er 16 Jahre leitet. Haupt schwärmt: „Wir haben Pink Floyd ins Nationaltheater eingeladen. Der Intendant hat es befürwortet, aber der Hausmeister wusste es zu verhindern“, er lacht: „Weil er um seine samtenen Stühle bangte.“

Neues wagen, an die Grenzen gehen. „Es war eine sehr kreative Zeit.“ Haupt erschafft auf der Experimentierbühne der Staatsoper einen Projektionsraum unter einer Kuppel: 1973 erleben die Zuschauer mit Klängen, Düften, Rundum-Sound und Laser-Projektionen einen psychedelischen Drogenersatz. „Sensus“ heißt das Projekt, 300 Vorstellungen sind ausverkauft. „Heute unvorstellbar!“

Haupt darf die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in München inszenieren und bringt im Nationaltheater die erste Laser-Show auf die Bühne. 1974 geht er mit seinen Licht-Musik-Tanz-Darbietungen in die offene Landschaft: „Wir haben ein ganzes Tal im tiefsten Baden-Württemberg in zeitgenössische Musik gehüllt, obwohl die Leute dort Peter Alexander gewöhnt waren.“ Zusammen mit Carl Orff beschallt er die Münchner Innenstadt: Von allen Türmen rings um den Marienplatz erklingt Orffs Komposition „Entrata“. In den folgenden Jahren entwickelt er das Konzept für die „Linzer Klangwolken“ aus Feuer, Wasser, Licht und Musik. Der Bayer hat damit ein Markenzeichen für die österreichische Stadt entwickelt, wo das Kulturspektakel bis heute jedes Jahr im Donaupark veranstaltet wird. „Und all dieses Experimente hat sogar das ZDF gesendet!“ Walter Haupt hält dies heute für undenkbar: „Die Kulturverantwortlichen in Fernsehen und Funk schauen ja nur noch auf die Einschaltquoten.“

Wie in einer großen Familie

In dieser Zeit wird „Die Eiche“ Stammlokal. Fassbinder besucht seine Inszenierungen und diskutiert mit dem zehn Jahre älteren Haupt über Theater und Musik. „Man fühlte sich wie in einer Familie, und wir sind nahezu jede Nacht in Fassbinders Wohnung direkt gegenüber gelandet, weil sein Freund die beste Leberwurst Münchens machte.“ Für Walter Haupt sind die 68er „hoch aktive Jahre“: „Wir haben dieser Zeit quasi alles zu verdanken, denn wir hatten enormen Freiraum für Kreativität.“

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