Kommunen sind sauer

Kritik zur MVV-Tarifreform: „Verkehrspolitischer Irrsinn“

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Die MVV-Tarifreform spaltet den Landkreis München. Denn Bürger aus Aschheim und Deisenhofen zahlen weniger fürs Ticket. Pendler aus Oberschleißheim etwa mehr.

Landkreis – Ein übersichtlicheres System und gerechtere Preise: Diese Versprechen, mit denen der MVV für seine Tarifreform wirbt, ärgert zahlreiche Pendler und Kommunen im Landkreis. Der Grund: Während Aschheim und Deisenhofen etwa ab 19. Juni 2019 zu Haar und Ottobrunn in den Innenraum – die neu entstehende M-Zone – rutschen, werden einige Nord-Kommunen nicht aufgenommen. Wer von dort in die Stadt pendelt, muss mehr fürs Ticket ausgeben.

„Wir sind stinkig“, sagt Oberschleißheims Bürgermeister Christian Kuchlbauer (FW). Es sei nicht einleuchtend, warum Kommunen außerhalb des A 99-Autobahnrings nicht zum MVV-Innenraum zählen sollen. „Dabei liegen wir sehr nahe an München.“ Seine Gemeinde gehört mit Garching und Ismaning zur Zone M+1. Die Haltestellen in Lohhof, Unterschleißheim und am Campus Garching liegen in M+2.

MVV-Pendler aus Oberschleißheim zahlen durch Tarifreform mehr

Dass manche Pendler wohl deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen, zeigen Rechenbeispiele. Ein Arbeitnehmer, der von Oberschleißheim zu seinem Büro am Kieferngarten muss, zahlt für eine Monatskarte (drei Ringe) derzeit 66,60 Euro. Gilt ab Juni 2019 die Tarifreform, sind 89,90 Euro fällig. Knapp 26 Prozent mehr. Wer von Lohhof mit der S 1 zum Büro am Hirschgarten fährt, zahlt aktuell monatlich für sechs Ringe 103,70 Euro. Nach der Tarifreform im Juni sind 118,90 Euro fällig – ein Plus von fast 16 Prozent. 

Es sei ein „verkehrspolitischer Irrwitz“, die anderen Nordkommunen bei der Tarifreform außen vor zu lassen, sagt die stellvertretende Landrätin und SPD-Landtagskandidatin Annette Ganssmüller-Maluche. So würden gerade jene Gemeinden und Städte benachteiligt, die wegen ihrer Lage an den Hauptverkehrsadern A 9, A 99 und B 471 von Stau, Lärm und Feinstaub „übermäßig belastet“ seien. Sie möchte die Reform ablehnen, bis die Nordkommunen zur M-Zone gehören.

Kritik an geplanter MVV-Tarifreform kommt auch aus Schäftlarn

Auch aus dem Süden wird Kritik laut: Bürger aus Ebenhausen (Schäftlarn) etwa müssen künftig für ihr Bahnticket fast 30 Euro mehr bezahlen als Hohenschäftlarner. Die Bahnhöfe liegen aber nur 1,2 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Profiteure der Tarifreform sind die Pendler aus dem nord-östlichen und östlichen Landkreis. Sie sparen. Ein Monatsticket von Ottobrunn und Haar zum Stachus kostet derzeit 79,10 Euro. Beide Gemeinden bleiben, wie Unterföhring, im Innenraum. Im Zuge der Tarifreform sollen sie in die M-Zone rutschen – und innerhalb dieser kann man ab Juni 2019 für 59,90 Euro monatlich fahren (minus 15 Prozent).

Schäftlarns CSU-Gemeinderat Christian Fürst hält diese Ungleichheiten für ungerechtfertigt, Ismanings Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) will das neue Preissystem nicht hinnehmen (wir berichteten). Er werde es im Kreistag ablehnen, sagte er im Gemeinderat. Keine Option ist das für Kuchlbauer. Die Tarif-Änderungen seien mangelhaft, sagt der Oberschleißheimer Rathauschef. Um sie als Reform bezeichnen zu können, müssten sie gerecht sein. Aber sie seien ein erster Schritt in die richtige Richtung. Nun müsse sich der Landrat weiter für die benachteiligten Kommunen einsetzen.

Unterschleißheimer startet Online-Petition

Christoph Göbel (CSU) wehrt sich gegen den Vorwurf, dass einige Kommunen hinten runterfallen würden. Einerseits wären die Preise in der nächsten Tarifrunde im Nahverkehr ohnehin gestiegen. Andererseits bekämen Pendler aus Oberschleißheim für mehr Geld auch mehr Leistung, sagt er. Sie können die ganze M-Zone nutzen. „Ich bin unglaublich froh über die Tarifreform“, betont der Landrat. Sie sei ein gelungener Einstieg in Verhandlungen für ein einfacheres System und der richtige Anreiz, damit Bürger dauerhaft auf öffentlichen Nahverkehr umsteigen. „Autofahren wird auch immer teurer“, sagt Göbel. Den Preis der Inflation zahlen alle Pendler.

Ein Unterschleißheimer hat in Sachen Tarifreform selbst die Initiative ergriffen. Um zu erreichen, dass der ganze Landkreis in die M-Zone fällt, hat er eine Online-Petition gestartet. Diese will er den Kreistagspolitikern vorlegen. Sowohl Dauerkartenbesitzer als auch Gelegenheitsfahrer seien von Preiserhöhungen betroffen, schreibt der User in der Facebook-Gruppe „Unterschleißheim (85716)“. Die Verlässlichkeit der Bahn verbessere sich aber nicht. „Das konterkariert die Bemühungen, mehr Bürger vom Auto in den ÖPNV zu bringen“, schreibt er. Andere Gruppenmitglieder bittet er, die Petition zu unterschreiben. 240 hatten dies bis Montagabend getan. Die Kommentare unter dem Beitrag sind ausnahmslos positiv. Nutzer schreiben: „Super, ich mache es heute noch später“, „erledigt“ oder „unterschrieben und geteilt“.

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe/dpa

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