Der Sitz des Unternehmens ist in Aschheim.
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Der Sitz von Wirecard ist in Aschheim.

Nach Bilanzskandal

Wirecard: Gewerkschaft Verdi reicht Klage gegen Unternehmen ein

  • Charlotte Borst
    vonCharlotte Borst
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Der Insolvenzverwalter von Wirecard hat zwölf Kündigungen zurückgenommen, trotzdem geht der Streit vor das Arbeitsgericht.

Aschheim – Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffé hat Ende August rund 730 Mitarbeiter entlassen. Kündigungen, die ohne besseres Wissen an Schwangere und neu gewählte Wahlvorstände verschickt wurden, sind aber mittlerweile zurückgenommen worden. Dem Insolvenzbüro hätten die Mitarbeiterdaten der insolventen Unternehmen zugrunde gelegen, heißt es von Seiten der Kanzlei Jaffé. Erst später sei festgestellt worden, dass Informationen über eine Schwangerschaft oder Engagements für den Betriebsrat nicht berücksichtigt worden seien. Weil hier Kündigungsschutz gilt, habe das Insolvenzbüro in zwölf Fällen eingelenkt, sagt Verdi-Sekretär Gregor Völkl. „Die Betroffenen sind wieder im Angestelltenverhältnis.“ Allerdings gab es in sechs weiteren Fällen, die Verdi vertritt, keine Einigung: Völkl hat gestern beim Arbeitsgericht Klage eingereicht. „Wir unterstellen, dass die Kündigungen nicht nach einer Sozialauswahl erfolgt sind“, sagt Völkl. Bei einer Schwangeren sei die Kündigung zwar zurückgezogen worden, sie sei aber weiter freigestellt.

Irritation hatte es schon Ende August gegeben, weil die alte Unternehmensleitung rund 730 Kündigungen und Freistellungen pauschal per E-Mail verschickt hatte, was rechtswidrig war. Das Insolvenzbüro ließ die Schreiben kurz darauf per Post oder Bote korrekt zustellen.

Weg zu Betriebswahlen ist frei

Die Stimmung bei den verbliebenen Mitarbeitern sei zwar gedämpft, so Völkl. „Dafür, dass das Unternehmen insolvent ist, empfinde ich die Atmosphäre aber noch als sehr positiv. Die Leute sind durch das erste tiefe Tal gegangen, sie haben aber ihren Willen nicht verloren.“ Viele seien froh, dass nicht die Gesamtabwicklung drohe.

Nach erfolgreichen Wahlversammlungen sei der Weg für Betriebswahlen frei, sagt Völkl. Die Beteiligung sei sehr groß gewesen. „Viele Mitarbeiter sind engagiert dabei, den Wahltag zu organisieren.“ Nach jetzigem Kenntnisstand würden Ende Oktober sieben Betriebsratsgremien gewählt. Ziel sei es, mit der Unternehmensleitung einen Sozialplan zu verhandeln.

730 von 1300 Arbeitnehmer mussten entlassen werden

1600 Angestellte hatte Wirecard, als im Juni Insolvenzantrag gestellt wurde. Ende August war nach drei Monaten das Insolvenzgeld ausgelaufen, aus dem die Gehälter gezahlt worden waren. Die Wirecard AG sowie die übrigen insolventen Gesellschaften müssen nun Löhne und Gehälter wieder selbst erwirtschaften und bezahlen. Doch die Verluste seien massiv. Es stünden nicht genügend liquide Mittel für 1300 Gehälter zur Verfügung, hieß es in einer Pressemitteilung Ende August.

730 der verbliebenen 1300 Arbeitnehmer mussten entlassen werden, weil sich die aufgebauten Ressourcen als erhebliche Überkapazitäten herausstellten: Daten wurden kaschiert, Mitarbeiter eingestellt für Aufgaben, die es nicht gab, viele Teile des Unternehmens sind nicht existent. Das vermeintliche Wirecard-Wachstum stellt sich als Fassade heraus.

Ex-Vorstände in Haft, verschwunden oder gekündigt

Bevor Jaffé das Ruder Ende August übernahm, waren schon 300 Mitarbeiter aus eigenen Stücken gegangen. Sie wollten sich schnell von Wirecard distanzieren und suchten sich neue Positionen. Mit einer reellen Basis von 570 Mitarbeitern soll es nun weitergehen. 220 Mitarbeiter bleiben in der nicht insolventen Wirecard-Bank und 350 Arbeitnehmer in den insolventen Gesellschaften.

Auch die Ex-Vorstände sind gekündigt. Markus Braun sitzt in Untersuchungshaft, Jan Marsalek ist spurlos verschwunden. Finanzvorstand Alexander von Knoop habe seinen Arbeitsplatz geräumt, heißt es aus informierten Kreisen. Mit Susanne Steidl sei nach ihrer Kündigung ein Beratervertrag geschlossen worden, weil ihre Mitarbeit im Interesse der Gläubiger erscheine.

Lesen Sie auch: Was passiert mit dem Wirecard-Neubau?

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