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Gefürchteter Holzschädling: Der Umgang mit dem Asiatischen Laubholzbockkäfer ist umstritten.

Gibt es keine andere Lösung?

Laubholzbockkäfer: Aufstand gegen den Kahlschlag

München - Der asiatische Laubholzbockkäfer ist zum Schreckgespenst aller Gartenbesitzer mutiert. Aber ist die radikale Abholzung, wie sie derzeit praktiziert wird, wirklich die einzige Lösung? Unter Wissenschaftlern werden Gegenstimmen laut.

Die Lösung heißt Kahlschlag. Bislang zumindest. Um den Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) aufzuhalten, wählen die Behörden das Mittel der Kettensäge. Bei einem Befall müssen im Umkreis von 100 Metern potenzielle Wirtsbäume gefällt werden – „der einzig sinnvolle Weg“, wie zuletzt im zuständigen Landtags-Ausschuss bilanziert wurde, auch wenn damit nur rund 80 Prozent der Käfer-Eier erwischt werden. In den betroffenen Gebieten hat diese Maßgabe in den vergangenen Monaten zu erheblichen Baumfällungen geführt. Auch in privaten Gärten.

In Neubiberg hat sich eine Bürgerinitiative gegründet

Kampf gegen den Käfer in Neubiberg.

Die Baumbesitzer sind darüber nicht erfreut. Es regt sich Widerstand. In Neubiberg (Kreis München) hat sich im vergangenen Herbst eine Bürgerinitiative gegründet, die eine weniger radikale Lösung fordert. „Es ist ein Trauerspiel“, sagt Wieland Keinert von der Initiative. Im März wurden in Neubiberg rund 420 Gehölze gefällt. Um ihre Sicht der Dinge zu untermauern, haben er und seine Mitstreiter Stellungnahmen bei verschiedenen Experten eingeholt. Darunter sind einige, die eine vorsorgliche Abholzung sehr kritisch sehen.

Einer von ihnen ist Joachim Schliesske vom Institut für Angewandte Botanik in Hamburg. Er sagt: „Ein prophylaktisches Fällen ist nicht sinnvoll.“ Das Horrorszenario, der Käfer könnte ganze einheimische Baumarten verdrängen, hält er für unrealistisch. Schliesske rät deshalb zu einem gelasseneren Umgang mit dem asiatischen Einwanderer. Er glaubt, dass sich der Käfer über die Jahre schon in vielen Refugien etabliert hat, von denen man noch gar nichts weiß. Mit der Zeit würden sich aber Krankheitserreger und Parasitoiden – Flugwespen zum Beispiel – einstellen, die den ALB auf natürliche Weise eindämmen. Nur: Dafür braucht es Geduld, denn „das kann Jahre dauern“. Zusätzlich könne man sogenannte „Fangbäume“ pflanzen, mit denen der ALB angelockt und dann getötet werden kann.

Der Käfer ist nicht auszurotten

Auch Ernst-Gerhard Burmeister, ehemaliger Sammlungsdirektor der Zoologischen Staatssammlung München, glaubt, dass der ALB nicht auszurotten ist. Man könne lediglich die Populationsdichte reduzieren, etwa mit Pheromonfallen. Er plädiert dafür, die Biologie des Käfers erst einmal genauer zu erforschen.

Bei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), das für die Bekämpfung des Käfers zuständig ist, verweist Sprecherin Sabine Weindl auf die gesetzlichen Vorgaben, „die von anerkannten Experten erstellt wurden und europaweit abgestimmt sind“. Die Behörde folgt der Leitlinie zur Bekämpfung des Asiatischen Laubholzbockkäfers in Deutschland vom staatlichen Julius Kühn-Institut sowie dem seit Anfang Juni veröffentlichten Durchführungsbeschluss der EU-Kommission. Darin findet sich eine Passage, auf die die Bürgerinitiative ihre Hoffnungen setzt. Demnach könne in Ausnahmefällen auf eine Fällung im 100-Meter-Radius verzichtet werden, wenn eine amtliche Stelle dies als unangemessen ansieht – aufgrund des besonderen gesellschaftlichen, kulturellen oder ökologischen Wertes der Pflanzen.

Dieser Passus dürfte morgen bei einem runden Tisch zur Sprache kommen, wenn sich die Vertreter der Bürgerinitiative mit der LfL zum Gespräch treffen. Die LfL will den besorgten Bürgern dort ihre Maßnahmen erklären, während die Initiative ihre Argumente gegen die Abholzung vorbringen will. „Uns geht es vor allem darum, aufzuzeigen, dass die derzeitigen Maßnahmen nicht alternativlos sind“, sagt Keinert.

von Dominik Göttler 

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