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Erinnerung an bessere Tage: Ein Handybild zeigt Jan mit Maja an seiner Seite.

Jan wartet bis zum Tod vergebens

Assistenzhunde-Verein verweigert 14-Jährigem letzten Wunsch: Maja als Begleithund

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Es ist eine traurige Geschichte. Die Geschichte von Jan, der todkrank ist. Und von Hündin Maja, die ihn begleiten, ihm Kraft geben soll für seinen schweren Weg. Doch dann kommt alles anders.

Neubiberg– Was ist wichtiger, das Wohl eines Hundes oder das eines krebskranken Kindes?An dieser Frage hat sich der Konflikt zwischen Familie L. und dem Assistenz- und Servicehunde Bayern e.V. mit Sitz in München entzündet. Jan ist am 8. Februar gestorben. Blumen und bemalte Steine haben Verwandte und Freunde auf sein Grab auf dem Neubiberger Friedhof gelegt. Auch ein kleiner Stoffhund sitzt unter dem roten Holzkreuz.

Ein Hund war Jans Herzenswunsch. Als er im Sommer 2017 Maja kennenlernte, die sein Assistenzhund werden sollte, gab das dem krebskranken Kind neue Zuversicht. Doch als Jan den Erwartungen der Hundetrainerin nicht entsprechen kann, und ihm das geliebte Tier entzogen wird, ist er umso resignierter.

„Am Anfang war sicher der absolute Wille da, dass Jan den Hund bekommen sollte“, ist Jans Mutter überzeugt. Im Rückblick auf die Ereignisse und in Gesprächen mit anderen, die inzwischen aus dem Verein ausgetreten sind, versucht Renate L., das Geschehene zu verstehen. Immer wieder befragt sie sich selbstkritisch, warum sie Trainerin und Vorstand vertraut hat und ob sie gemerkt haben könnte, dass sich eine katastrophale Enttäuschung für ihr todkrankes Kind anbahnt.

Die Hündin gibt Jan neue Lebenskraft

Auf dem Plattenweg vor ihrem Einfamilienhaus in Waldperlach sprießt Unkraut. Für Renate L. ist der Löwenzahn gerade das geringste Problem. Die 50-Jährige ist eine hochgewachsene, schlanke Frau. Trotz aller schmerzlicher Erinnerung berichtet sie sachlich von ihren Erfahrungen.

Jan war 13 Jahre, als im Oktober 2016 ein Tumor in seinem Rückenmark festgestellt wurde. Drei Jahre zuvor hatten er und seine zwei Jahre ältere Schwester ihren Vater verloren. Nach langer Krankheit war er mit 48 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Seither war Renate L. alleinerziehend und vollbrachte einen Spagat: einerseits die Berufstätigkeit als chemisch-technische Assistentin, andererseits die Erziehung ihrer beiden Kinder. Als auch bei Jan ein Karzinom festgestellt wurde, kämpfte sie an allen Fronten.

Jan hatte das Sterben seines Vaters miterlebt. Tapfer nahm er sein Schicksal an, und überlegte, was ihm sein bedrohtes Leben verschönern könnte. Nach drei Operationen war Jan querschnittsgelähmt, litt unter Schmerzen und Stimmungen. Dazu kam finanzieller Druck, als Renate L. wegen Jans Krankheit weniger arbeitete und zugleich den barrierefreien Umbau des Hauses finanzieren musste.

Als Ende April 2017 die Hundetrainerin Andrea S. mit Hündin Maja in Jans Leben trat, schöpfte der Teenager wieder Lebensfreude. Bisher hatte seine Mutter wegen ihrer Berufstätigkeit keine Möglichkeit gesehen, einen Hund zu halten. „Dann war die Situation ganz anders“, erzählt Renate L.

Andrea S. betreibt eine Hundeschule im Landkreis Ebersberg und arbeitet als Trainerin mit dem Assistenzhunde-Verein zusammen. Sie sucht die Teams aus und entscheidet, ob Mensch und Tier zueinander passen. Sie besucht Jan mit ihrer 1,5 Jahre alten Hündin in der Rehaklinik in Vogtareuth (Landkreis Rosenheim). „Jan und Maja haben von Anfang an harmoniert“, erzählt Jans Mutter. Der junge Golden Retriever war agil, sehr aktiv und fordernd. „Jan konnte Maja gut führen, war streng und hatte einen wahnsinnigen Blick für sie.“ Die hellwache Hündin und der intelligente Junge waren sofort ein Team.

Jan sollte mit Maja für die Assistenzhunde-Prüfung trainieren. Maja, so der Plan, sollte ihm bei seinem Leben im Rollstuhl zur Seite stehen: Türen öffnen und schließen, Gegenstände bringen und im Notfall Hilfe holen. Schon in der Klinik begann das Training. Die 25 000 Euro, die Andrea S. für die Ausbildung der begabten Hündin verlangte, konnte Renate L. aber nicht allein aufbringen. Der Verein für Assistenz- und Servicehunde unterstützte sie beim Spendensammeln.

Jans Hoffnung war die Rückkehr zu seinen Freunden am Heinrich-Heine-Gymnasium in Neuperlach. Maja sollte seine Begleiterin in ein möglichst eigenständiges Leben werden. Die 25 000 Euro hatte Jans Mutter Ende Oktober aufgebracht. Drei Hilfsorganisationen sagten jeweils bis zu 5000 Euro für die Ausbildungsstunden der Hündin zu.

Maja soll Jan bei seinem Leben im Rollstuhl zur Seite stehen

Der Assistenzhunde-Verein startete auf seiner Internetseite einen Spendenaufruf. Jan und seine Mutter wurden Mitglieder. 10.491 Euro flossen für „Jan“ oder „Jan und Maja“ auf das Vereinskonto – 90 Prozent aller 2017 eingegangenen Spenden.

Doch Jan erlitt im August einen Rückschlag. Oft war er zu schwach für das Training. Gleichzeitig hätte er Majas Gesellschaft dringend gebraucht, als sich sein Zustand verschlechterte. Ihr Vertrauen, ihre Nähe, ihre innige Verbundenheit hätten ihn gestärkt.

Kritik kam auf, als Jan nicht regelmäßig beim Training mitmachen konnte. „Ist der Hund für den Menschen da oder umgekehrt“, fragte Renate L. sich allmählich. Dann ließen Andrea S. und ihr Mann Franz S. Maja im Oktober decken. Über zwei Oktoberwochenenden war die hoch trächtige Hündin noch einmal bei Jan. Zutraulich lag sie neben seinem Krankenbett. An Training war nicht mehr zu denken. Trotzdem stellte Andrea S. Stunden in Rechnung.

Nachdem Maja im November zwei Welpen geworfen hatte, blieb sie acht Wochen bei Andrea S.. „In einer Zeit, wo Jan den Hund dringend gebraucht hätte“, sagt Renate L.. Sie hatte immer mehr den Eindruck, dass die wirtschaftlichen Interessen von Andrea S. die herzliche Beziehung zwischen Hund und Kind unterbanden.

Offenbar wurde schon zu dieser Zeit im Vorstand diskutiert, ob Maja tatsächlich bei Jan einziehen sollte. Nur Familie L. war in die Überlegungen nicht eingebunden. „Sonst hätten wir uns noch eine andere Hundelösung überlegen können“, sagt Renate L.

Insgesamt hatte Andrea S. einen Betrag von 1087 Euro für das Training mit Jan abgerechnet. Für den 12. Dezember stellte sie die letzte Stunde in Rechnung. „Damals haben wir Maja und die Welpen besucht. Jan war schlecht beisammen“, berichte Renate L.. Jan ahnte nicht, dass es die letzte Begegnung mit Maja gewesen sein sollte. Mehrmals fragte der 14-Jährige Andrea S., wann er seinen Hund bekäme. Er wollte ein Datum. Erst am Neujahrstag 2018 teilte Andrea S. der Familie mit, dass Jan die Hündin nicht bekommen würde. Er sei zu schwach für den Hund.

Für Renate L. war die Absage ein Schock. „Ich hatte niemals damit gerechnet. Ich war wie gelähmt.“ Wie sollte sie es Jan beibringen, wie sollte er diese Enttäuschung verkraften?

Spendensammlung läuft noch, als das Team „Jan und Maja“ längst aufgekündigt ist

Bei einem Treffen am 2. Januar suchte Renate L. einen Ausweg. Sie schlug dem Vorsitzenden Martin Heilingbrunner und Andrea S. vor, dass sie Maja nach Jans Tod an die Trainerin zurückgeben würde. „Abgesehen davon, hätten meine Tochter und ich Maja wahnsinnig gern behalten, sie hätte uns gutgetan.“ Doch sie erlebt kein Entgegenkommen. Auch ihre Bitte, Maja als Therapiehund vorübergehend zu bekommen, wird abgelehnt.

Vorsitzender Heilingbrunner sagt dazu: „Jan hätte nichts mehr von dem Hund gehabt. Auf der anderen Seite hatten wir einen Hund, in dem viel Ausbildung steckte und der unter seinesgleichen eine Seltenheit war. Er sollte jemandem als Assistenzhund zugutekommen, was bei Jan nicht der Fall war.“ Trotzdem bittet der Verein im Internet weiter um Spenden für „Jan und Maja“, sogar noch bis Ende Februar.

Unseriös, findet Jürgen Hanreich, der ehrenamtlich in der Behindertenarbeit tätig ist, diese Spendenpraxis. Der Richter im Ruhestand hatte über Verwandte von Jans Schicksal erfahren und setzte sich für ihn ein. Am 23. Januar besuchte er gemeinsam mit seiner Frau ein Hundetraining in den Riem-Arkaden. Hanreich bittet die Zweite Vorsitzende Monika Pöschl aus Planegg, den Hund zu dem sterbenden Jungen zu bringen, unabhängig von der Rechtslage, aus menschlichen Erwägungen. Doch Pöschl habe sich „völlig unbeeindruckt gezeigt“, berichtet Hanreich, ebenso Hundetrainerin Andrea S..

Richter Jürgen Hanreich: „Menschlichkeit müsste an  oberster Stelle stehen.“

Der Richter rief daraufhin den Vereinsvorsitzenden Martin Heilingbrunner an. Dieser habe sich „sehr jovial“ gegeben und angeboten, Jans Mutter bräuchte nur anzurufen, dann würde der Hund – gegebenenfalls täglich – zu Jan gebracht. Doch dazu kam es nicht. Renate L. nahm keinen Kontakt mehr auf: „Wäre es gut gewesen, wenn die Trainerin, von der Jan so enttäuscht war, mit dem Hund, den er nicht bekommen sollte, an sein Bett tritt?“, fragt Renate L. „Dass Maja länger oder übers Wochenende bleibt, hat Frau S. definitiv abgelehnt.“

Auch dem Palliativteam, das Jan inzwischen zuhause versorgte, gelang es nicht, die Trainerin umzustimmen. Professor Monika Führer, die ärztliche Direktorin des Kinderpalliativzentrums in Großhadern, bat Andrea S., sie möge Maja bis zu Jans Tod bei ihm lassen. Vergeblich. Sein letzter Wille blieb unerfüllt. „Als Jan erfuhr, dass Maja nie sein Hund werden würde, hat er aufgehört zu essen“, sagt Renate L.. „Er ist, ohne den Hund noch einmal zu sehen, wenige Wochen später gestorben.“

Hat der Verein die wirtschaftlichen Interessen der Trainerin, die mit der Hundeausbildung 25 000 Euro verdienen wollte, über das Mitgefühl mit einem Patienten gestellt? „Ich verdiene mein Geld als Trainerin und Züchterin“, sagt Andrea. S.. „Als wir mit dem Training anfingen, dachten wir, der Krebs sei ausgeheilt.“ Nach seinem Rückfall sei Jan zu krank gewesen. „Das hätte mir schon im August klar werden müssen, aber ich wollte dem Kind helfen, ich habe gehofft, dass Jan wieder gesund wird.“ Im Oktober sei er schon zu schwach gewesen. „Er konnte der Hündin nicht mal mehr ein Leckerli füttern.“ Sie habe dem Jungen den Hund nicht überlassen können, sagt die 49-Jährige. „Dieses Kind war zu krank.“ Maja sei für eine Sterbebegleitung nicht geeignet, sie habe hervorragende Eigenschaften als Assistenzhund. „Sie ist ein sehr aktiver Hund“, rechtfertigt Andrea S. ihre Entscheidung: „Ich bin die Einzige, die verantwortlich ist für den Hund. Ich setze mich für das Tierwohl ein.“ 

Maja bei Jan zu lassen, hätte der Hündin geschadet. „Ich bilde doch nicht einen Hund für viele Tausend Euro aus, damit er ein privater Familienhund ist, da sollen sie sich einen Hund aus dem Tierheim holen. Ich verkaufe den Hund als Assistenzhund, nicht als Seelentröster für Familie L..“ Eine Verantwortung lehnt sie ab. „Jan ist an seiner Krankheit gestorben, die hat ihn umgebracht, nicht ich.“

Für den Richter Jürgen Hanreich ist das Verhalten des gemeinnützigen Vereins „nicht hinnehmbar“. „Menschlichkeit müsste an oberste Stelle stehen. Das Hundewohl steht nicht über dem eines Kindes“, sagt Hanreich: „Sie hätten das Viecherl zu dem Kind bringen müssen.“ Der Hündin wäre ja nichts passiert. „Assistenzhund hin oder her“, sagt Hanreich, „das spielt keine Rolle. Jan hatte sich an Maja gewöhnt. Es ging nur darum, dem todkranken Jungen die Freude zu machen.“

Renate L. hat sich an die Presse gewandt, weil sie will, dass die Spender ihr Geld zurückerhalten. „Schließlich ist der Spendenzweck nicht erfüllt worden.“ Es geht um die Rücküberweisung der 10 491 Euro. „Die Rückzahlung läuft schleppend“, sagt Renate L.: „Nur wer per Mail oder Einschreiben auf Rückzahlung gedrängt hat, hat bisher sein Geld bekommen.“

Vereinsvorsitzender verspricht Erstattung aller Spenden

Vorsitzender Heilingbrunner betont, dass erstmals ein Team nicht zustande gekommen sei. Er versichert, dass die zweckgebundenen Spenden nicht angerührt wurden und bisher rund 4000 Euro an Spender erstattet wurden, die das ausdrücklich wünschten. Als Vorsitzender dürfe er das Geld nicht pauschal zurückzahlen. „Es könnte ja sein, dass ein Spender sein Geld im Verein lassen möchte, dann würde ich dem Verein mit einer pauschalen Rückzahlung schaden. Das darf ich als Vorsitzender nicht.“

Bei der nächsten Vereinsversammlung im Herbst will er beantragen, dass die Mitglieder die komplette Rückabwicklung beschließen. Richter Hanreich sieht das anders: „Der Vorstand muss sofort alles zurücküberweisen.“

Aktuell wirbt der Verein erneut um Spenden für Majas Ausbildung. Sie soll nun Assistenzhund für einen Rollstuhlfahrer aus Ruderting bei Passau werden. Wieder soll ihre Ausbildung 25.000 Euro kosten.

Lesen Sie aus unserem Archiv eine Geschichte, die damals viele Menschen bewegt hat: Blindenhund darf sein Herrchen nicht in den Münchner Bio-Supermarkt begleiten.

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