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„Solarhaussiedlung im Endausbau“ nennen Tobias Brunner und Christiane Heyer diese Ansicht ihres Projekts. Es zeigt in dieser Ansicht ein Batterie-Solarhaus für zwei Parteien, im Vordergrund eine Speicher- und Betankungsstation. Rechts folgt, im Hintergrund, ein Batterie-Solarhaus. Rechts davon, mit begrüntem Dach, ist eine Kraft-Wärme-KraftstoffKopplung-Energiestation zu sehen. Im Vordergrund ein Batterie-Solarhaus mit Werkstatt und Büro. 

Die 7 wichtigsten Fragen zur Wahl

Pro- und Contra-Argumente: Aying ist vor dem Bürgerentscheid gespalten

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Aying stimmt ab: In einem mit Spannung erwarteten Bürgerentscheid geht es um einen Acker in Großhelfendorf. Die Debatte darüber spaltet die Gemeinde.

Live-Ticker am Sonntag: 

Ab 17.30 Uhr begleiten wir die Wahl in einem Live-Ticker auf merkur.de

Aying – Zum ersten Mal in der Geschichte der Kommune sind die rund 4100 Wahlberechtigten in Aying am Sonntag, 29. April, zur Abstimmung bei einem Bürgerentscheid aufgerufen. Sie werden darüber befinden, ob auf einem Acker in Großhelfendorf ein Mischgebiet entstehen soll oder nicht. Die Debatte um die mögliche Bebauung entzweit seit Monaten die Menschen im Ort. Die Anspannung ist groß.

Hier beantworten wir die sieben wichtigsten Fragen zum Bürgerentscheid - unter anderem auch Pro- und Contra-Argumente in der Diskussion. 

1. Worum geht es bei dem Bürgerentscheid?

Das Grundstück, auf dem Wohnen und Gewerbe entstehen soll, ist etwa 1,5 Hektar groß und liegt westlich der Gruber Straße, am Ortsausgang von Großhelfendorf, an der Straße Richtung Grub. Es gehört dem Großhelfendorfer Hans-Peter Huber. Er engagiert sich nicht nur als Kommandant der Feuerwehr Großhelfendorf. Er betreibt auch ein eigenes Gewerbe, ist Chef der „HP Logisitik GmbH“ im Landkreis München. Ein Unternehmen, das unter anderem einen Umzugsservice anbietet. 

Um zu erweitern, will Huber auf dem rund 3000 Quadratmeter großen, nördlichen Teil seines Grundstücks in Großhelfendorf eine Lagerhalle für Mö- bel bauen. Außerdem soll, direkt angrenzend an die Halle, ein Gebäude mit Wohnungen entstehen. Den südlich gelegenen, etwa 6000 Quadratmeter großen Teil seines Grundstücks hat Huber verkauft. Neue Eigentümer sind Tobias Brunner und seine Ehefrau Christiane Heyer aus Grasbrunn. Dort führt das Paar gemeinsam die Firma „HynErgy“. Brunner ist bekannt als Experte für Wasserstoff-Brennstoffzellen. Seine Forschungen vorantreiben will er jetzt am Standort in Großhelfendorf. Dort soll das Pilotprojekt „SolarHay“ starten. Im Endausbau ist eine Solarhaussiedlung geplant mit mehreren Gebäuden und einer Speicher- und Betankungsstation. In eine der Wohneinheiten will die Familie selbst einziehen, die übrigen sollen vermietet werden. Doch an der Kombination aus Wohnen und Gewerbe, die auf der leichten Anhöhe an der Gruber Straß, Platz finden soll, scheiden sich die Geister.

Direkt am Ortseingang von Großhelfendorf soll ein Mischgebiet aus Wohnen und Gewerbe entstehen. Dieses Bild zeigt die Gruber Straße von Grub aus kommend. Links ist ein Stück der Fläche zu sehen, die Hans-Peter Huber für das Mischgebiet zum Teil verkauft hat und zum Teil selbst nutzen möchte

2. Wer sind die Befürworter?

Auf politischer Seite gibt es viel Wohlwollen für die Vorhaben des gebürtigen Großhelfendorfers Hans-Peter Huber und der beiden Unternehmer aus Grasbrunn. Mit großer Mehrheit (nur eine Gegenstimme) haben sich die Gemeinderäte für den Bebauungsplan „Mischgebiet westlich der Gruber Straße“ ausgesprochen. Die Beschaffenheit des Grundstücks, seine Lage und die einfache Erschließbarkeit sind einige der Argumente, die sie fraktionsübergreifend ins Feld führen (siehe Kasten). Auch das Mischgebiet genau an dieser Stelle halten die Befürworter für sinnvoll. Ein anderes Grundstück, etwa in einem reinen Gewerbegebiet, habe nie zur Wahl gestanden, heißt es. „Mischgebiete machen einen Ort lebendig“, sagt Ayings Bürgermeister Johann Eichler (PWH). Sie sind daher ausdrücklich politischer Wille der Kommune. Laut Gemeinde sind von den 430 steuerlich erfassten Firmen im Ort nur 30 in Gewerbegebieten untergebracht, machen aber mit ihren Zahlungen zwei Drittel des Gewerbesteueraufkommens aus. Diese Standortpolitik allerdings gefällt nicht jedem – schon gar nicht für das Grundstück westlich der Gruber Straße am Rande von Großhelfendorf.

3. Mit welchen Pro-Argumenten werben die Befürworter für die Entwicklung des Mischgebietes? 

  • Das etwa 6000 Quadratmeter große Grundstück, auf dem Tobias Brunner und Christiane Heyer ihr Pilotprojekt „SolarHay“ verwirklichen wollen, „ist von großflächigem Maisanbau geprägt“ und damit in seinem Wert für Natur und Landschaftsbild als „unterdurchschnittlich zu bewerten“. Die Sonneneinstrahlung an dieser Stelle ist gut, weil sie nicht geschmälert wird durch Bäume und Sträucher: eine wichtige Voraussetzung für „SolarHay“. Der Abstand zur westlichen Hangkante ist mit mehr als 150 Metern groß genug.
  • Das Areal liegt an einer Ortsverbindungsstraße mit „unterdurchschnittlichem Verkehrsaufkommen“. Die Lage sichert eine „hervorragende Erschließung“, die den zusätzlich entstehenden Verkehr „ohne umfangreichen Erschließungsaufwand“ bewältigen kann. Folge: wenig Flächenversiegelung.
  • Das Grundstück liegt am Ortsrand an einem Dorfmischgebiet und weit genug weg vom südlichen Ortsrand von Großhelfendorf. Außerdem hält es „ausreichend Abstand zum Ort ein, um möglichen Ressentiments gegen neue Techniken Rechnung tragen zu können“.Das geplante Mischgebiet liegt mit rund 180 Metern „ausreichend entfernt von Wohngebieten“. Die Entwicklung der umliegenden landwirtschaftlichen Betriebe ist nicht gefährdet. Auch die Burschen können ihre Hütte weiterhin nutzen.
  • Auf weiteren 3000 Quadratmetern sollen die Lagerhalle für Büromöbel sowie Büro und Wohnungen für Betriebsangehörige Platz finden, die Hans-Peter Huber, der Eigentümer des gesamten Grundstücks, für sein Umzugsunternehmen nutzen möchte.
  • Das Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten ist Ziel der Ayinger Gewerbeansiedlungs-Politik und prägt den Ort stark. Das geplante Mischgebiet passt also in das Konzept.

4. Wer sind die Kritiker? 

Aus Protesten gegen die Bauvorhaben hat sich eine Bürgerinitiative gegründet. Ihr gehören etwa 15 Menschen an, die zumeist ganz in der Nähe des Grundstücks wohnen. Sie lehnen sowohl die von Hans-Peter Huber geplante Halle samt Wohnanbau ab, als auch das Pilotprojekt von Tobias Brunner und Christiane Heyer. Zu wenig sei man in einem frühen Stadium informiert worden und zu groß sei die Furcht, der Umgang mit Wasserstoff könnte gefährlich sein. Die Bürgerinitiative fürchtet zudem, das Ortsbild könnte Schaden nehmen. Und sie warnt vor mehr Verkehr, der zu einer Belastung und Gefahr werden könnte, nicht nur für die direkten Anwohner.

5. Mit welchen Contra-Argumenten begründen die Kritiker die Ablehnung einer Bebauung? 

  • Die spornartig geplante Bebauung am südwestlichen Rand von Großhelfendorf „zerstört das einmalige ländliche Dorfbild“. Ein „Flächenfraß“, der verhindert werden soll.
  • Die geplanten Gebäude sind „untypisch hoch und groß und fügen sich daher nicht ins Ortbild ein“. Das Areal liegt am „höchst gelegenen Standort in Großhelfendorf“. Warum sollten ausgerechnet dort „die höchsten Gewerbebauten und Wohnhäuser der Gemeinde entstehen?“ Denn: „Das ortsübliche Wohnhaus in der Gemeinde Aying hat zwei Vollgeschosse und eine Firsthöhe von ca. 8,80 Meter bis 9,40 Meter . Warum müssen die Büro- und Wohngebäude an dieser exponierten Stelle bis zu 12,40 Meter hoch sein?“
  • Das geplante Mischgebiet hätte zur Folge, dass es zu einer „unstrukturierten Erweiterung und Zersiedelung von Gewerbegebieten“ in Großhelfendorf kommt. Gewerbeflächen sollten konzentriert werden.
  • Der Verkehr wird „erheblich zunehmen“ und damit zur „Gefährdung und Belastung der Anwohner auch in der Dorfmitte führen“. Denn die möglichen Zufahrtsstraßen zum geplanten Mischgebiet – Bartenstraße, Gruber Straße, Herrenstraße und Mozartstraße – „sind sehr schmal und teilweise ohne Gehwege“. Eine Gefahr vor allem auch für Kinder. Dabei ist die Gruber Straße eine „wichtige Fuß- und Radwegeverbindung. Hier joggen Freizeitsportler, und Familien nutzen die Gruber Straße als beliebten Spazierweg.“
  • „Gefahr von Flächenfraß“: Auch hier sollen „weitere 1,49 Hektar“ landwirtschaftlicher Fläche bebaut werden. Außerdem gibt es „große Bedenken“ im Bereich Umwelt und Sicherheit, „denn der Umgang mit Wasserstoff, den die Firma gewinnen und nutzen will, kann gefährlich sein“. Es besteht die Sorge um die „Sicherheit der Bürger“.

6. Wie ist die Stimmungslage vor der Entscheidung?

Als Gespräche mit allen Beteiligten nicht den für sie gewünschten Erfolg bringen, beginnt die Bürgerinitiative Unterschriften zu sammeln. 649 gültige sind rasch zusammen. Genug, um einen Bürgerentscheid „Contra Bebauung“ auf den Weg zu bringen. Der Gemeinderat stimmt dem Bürgerentscheid 1 „Contra Bebauung“ zu. Und er setzt ihm mehrheitlich ein Ratsbegehren entgegen, den sogenannten Bürgerentscheid 2 mit dem Titel „Pro Bebauung“. Die Entscheidung über das Mischgebiet ist damit in die Hände der Wahlberechtigten gelegt. Im Ort hat die Diskussion für Unruhe gesorgt. 

Dass ausgerechnet dieses Vorhaben so massiv in der Kritik steht, erstaunt Bürgermeister Eichler, der seit 1996 die Geschäfte im Rathaus führt: „Für mich ist das vollkommen überraschend. Ich dachte nicht, dass es an dieser Stelle Probleme gibt.“ Während Eichler seine „Neutralität“ in der Sache betont, hat sich einer seiner Gemeinderäte klar auf die Seite der Gegner gestellt: Es ist Johann Springer von der FWGA. Der 35-Jährige, der seit eineinhalb Jahren im Gemeinderat sitzt, hat sich von Beginn an gegen die Pläne von Tobias Brunner und Christiane Heyer ausgesprochen – und ist mit dieser Ansicht innerhalb seiner Fraktion stets allein geblieben. 

Die Bauherren selbst und die Mitglieder der Bürgerinitiative haben in den Wochen vor dem Entscheidungstag am Sonntag intensiv für ihre Sache geworben. Die Stimmung ist aufgeheizt. Unter anderem beklagt die Bürgerinitiative, dass 30 ihrer 100 aufgestellten Plakate verschwunden seien und bittet dringend um Rückgabe der Aufsteller. Hans-Peter Huber, der mit dem Verkauf seines Grundstücks die Sache überhaupt ins Rollen gebracht hat, beschreibt seine Gefühlslage so: „Es beschäftigt mich seit Wochen sehr, und ich werde ständig mit dem Thema konfrontiert. Es wird Zeit für eine Entscheidung.“

7. Wann passiert nach dem Bürgerentscheid?

Rein formal ist der Bürgerentscheid nur dann positiv entschieden, wenn mindestens 20 Prozent der Wahlberechtigten an der Wahl teilgenommen (Quorum) und mehrheitlich mit Ja gestimmt haben. Dies gilt sowohl für den Bürgerentscheid 1 als auch den Bürgerentscheid 2. Sollte es zu einem Patt kommen, entscheiden die Kreuze bei der Stichwahl. Wird das Quorum nicht erreicht, ist der Bürgerentscheid unzulässig. 

Doch wie viele Ayinger sich von der Debatte betroffen fühlen und zur Abstimmung gehen, lässt sich schwer einschätzen. Sicher aber ist, dass die Briefwahl eine große Rolle spielen wird. Denn die Gemeinde hatte die entsprechenden Unterlagen vorab an alle Wahlberechtigten verschickt. 

Sollte es eine klare Entscheidung für oder gegen das Mischgebiet geben, kommt das einem Gemeinderatsbeschluss gleich, der für ein Jahr bindend ist. Sollte das Mischgebiet durchfallen, bedeutet das vermutlich das Ende aller Bauvorhaben westlich der Gruber Straße – auch über die Frist hinaus. Darin, immerhin, sind sich Gegner und Befürworter zumindest einig.

Mehr zur Vorgeschichte des Streits lesen Sie in diesem Artikel aus dem Februar auf merkur.de. Mehr aktuelle Meldungen aus Aying lesen Sie hier

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