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Maria Hoidn, Elisabeth Kolb und Hubert Bechteler (v.l.) erinnern sich an den strengen, "aber korrekten" Pfarrer Anton Weilmaier.

Anton Weilmaier wäre heute 130 Jahre alt geworden

Ohrfeigen vom Pfarrer waren ganz normal

Dieser Tage erinnern sich viele Helfendorfer (Gemeinde Aying) an einen Pfarrer, der das Gemeinwesen in besonderer Art geprägt hat: Anton Weilmaier, der heute 130 Jahre alt geworden wäre. Und der von 1935 bis 1956 als Seelsorger in St. Emmeram gewirkt hat.

Helfendorf - Streng war er schon, „aber wir sind froh, dass wir zum Glauben erzogen worden sind“, sagen Maria Hoidn, Elisabeth Kolb und Hubert Bechteler aus Helfendorf.

Dabei ist es nicht so, dass der Geistliche den Helfendorfern als besonders nachsichtig oder mitfühlend im Gedächtnis geblieben wäre. Im Gegenteil: Die drei Ortsbewohner, die sich auf Einladung von Heimatpfleger Bernhard Katzmair im Gasthof Fellner treffen, um Erinnerungen an Pfarrer Weilmaier auszutauschen, haben alle mal eine Ohrfeige von ihm bekommen. Aber der Mann, sagen sie, war hochgebildet – und letztlich gerecht. Und hat sich von den Nazis nicht blenden lassen. Humor habe er auch gehabt. Nicht umsonst ist er auch Ehrenbürger von Helfendorf geworden.

Anton Weilmaier ist in Unterapping in Rottal geboren, seine Priesterweihe hatte er 1912. Elisabeth Kolb, Jahrgang 1935, war sein erster Täufling in Helfendorf. Und die resolute Frau, die dann zehn Kinder zur Welt brachte und heute 20 Enkel hat, war die letzte Helfendorferin, die der Pfarrer, ehe er dann in Ruhestand ging, getraut hat in St. Emmeram. Im Mai 1955.

Der Pfarrer habe, erinnern sich alle am Tisch, mehrere Sprachen gesprochen. Während des Krieges konnte er den Kriegsgefangenen ihre Beichte in deren Muttersprache abnehmen. „In der Beziehung war er sehr begabt.“ Und er habe eine eigene Bibliothek gehabt.

Wenn Elisabeth Kolb ihm am Freitag einen Liter Milch vorbeibrachte, konnte sie ein Buch für die Mutter mitnehmen, „die hat aufd Nacht immer eine halbe Stunde glesen“. Auch Hubert Bechteler, heute 85 Jahre, hat sich beim Geistlichen „sämtliche Karl May“ ausleihen dürfen.

Maria Hoidn wiederum, Jahrgang 1937, war bei ihm im Kirchenchor, wo sich allerdings das Gerücht hartnäckig hielt, der Geistliche selbst würde nicht immer den richtigen Ton treffen. In Religion hatten sie ihn alle, die hier sitzen. Jeweils dienstags und freitags, von 10.15 bis 12 Uhr. Dort erlebten sie, wie er die Buben anging: „Du bist ein stinkfauler Mensch.“

Hubert Bechteler hat manche Tatzen von ihm einstecken müssen, manchmal hat der strenge Lehrer seinen Schülern auch die Ohren verdreht. Auch Elisabeth Kolb verabreichte er mal eine Ohrfeige – weil sie einem Mitschüler eingesagt hatte. „Und jeden Montag bist gfragt worn, ob Du am Sonntag in der Kirche warst“, erinnert sich Maria Hoidn, die über den Pfarrer sagt: „Er war ein jähzorniger Mensch, aber korrekt.“

Es sind ja damals auch andere Zeiten gewesen. Jeden Tag fand ein Gottesdienst in St. Emmeram statt, und Bechteler, der Ministrant war, musste oft schon um 7 Uhr vor Ort sein. Regelmäßig gingen die Leute zum Beichten, standen manchmal in Dreierreihen vor dem Beichtstuhl an. Sonntags beim Abendmahl war man noch nüchtern, manchem Erstkommunikanten sei da auch mal schlecht geworden, „hin und wieder ist auch einer umgfallen“. Ein Tipp des Geistlichen: Am Abend vorher viel Kaiserschmarrn essen, „dann fehlt Dir nix mehr“. An Feiertagen hätten „mindestens drei, vier Messen“ stattgefunden. Wobei Anton Weilmaier nicht besonders anspruchsvoll gepredigt habe. Er hatte, sagen alle, ein Faible fürs bäuerliche Leben.

Auch Uhren konnte der gebildete Pfarrer richten – und Hubert Bechteler wurde von ihm auch ab und an abkommandiert, um nach der Schule 100 Mal zu schreiben: „Ich soll nicht schwätzen“ oder dergleichen. Im Pfarrhof. Wo der Geistliche selbst gar nicht mehr anzutreffen war, sondern seine Haushälterin Monika, die alle in bester Erinnerung haben. Von ihr bekam man dann auch gleich ein gutes Essen, Milchreis zum Beispiel, mit viel Zimt.

Wie gesagt, 1956 ist der „Gsangl-Toni“, wie der Geistliche auch genannt worden ist, weil er auch in der Schule die Kinder ständig singen ließ, in Pension gegangen. Er zog nach Ampfing.

Im gleichen Jahr teilte die Gemeinde Helfendorf ihm schriftlich mit, sie wolle ihm, um seine Verdienste zu würdigen, eine Ehrenurkunde überreichen. Pfarrer Weilmaier schrieb am 19. Dezember zurück: „Ihr letzter Ehrenbürger ist an einem Galgen mit vier Balken in seinem Wohnzimmer aufgehängt. Merkwürdigerweise befindet er sich dabei frisch und munter.“ Die Auszeichnung hat er wohl entgegengenommen.

Andrea Kästle

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