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Das 481-Einwohner-Dorf Peiß mit Kirche und Maibaum. Was man auf dem Bild nicht sieht: Rechts steigt die Straße ordentlich an.

Merkur-Serie Teil 7: Grenzen des Wachstums 

Peiß: Zu Besuch in einem Bauerndorf mit S-Bahn-Anschluss

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Sind die Grenzen des Wachstums in München und Umgebung erreicht? In einer Serie beleuchten wir, was der ewige Boom mit unserer Heimat macht. Siebter Teil: Zu Besuch in Peiß, einem Bauerndorf mit S-Bahn-Anschluss.

Peiß – Hans Kiemer, 54, will sein Dorf zeigen, und dafür muss er jetzt nach oben. Er schleppt sich an diesem Vormittag bei Nieselregen die Rosenheimer Landstraße in südlicher Richtung hinauf, wo er wohnt. Autos und Laster, die den Stau auf der nahen A 8 umfahren wollen, rauschen durch den Ort. Etwa zehn Minuten braucht man zu Fuß vom einen zum anderen Ende von Peiß bei Aying, irgendwann steigt das Gelände ganz schön an. Unten im Ort pfeift die S-Bahn vorbei. Oben vermodern alte Holzscheunen, Bauernhäuser zerbröckeln. Hier die Ausläufer des Münchner Speckgürtels, dort Überbleibsel aus der Vergangenheit. Peiß, das frühere Bauerndorf, hängt irgendwo zwischen jetzt und früher. Zum Marienplatz sind es nicht einmal 30 Kilometer, aber die Großstadt ist hier weit, weit weg.

Hans Kiemer, Strickjacke und Karo-Hemd, schnauft und dampft wie eine Sauna. Vor Kurzem hat er eine Krebserkrankung überstanden, weshalb ihm Spaziergänge durchs Dorf noch etwas zusetzen. Er ist einer von denen, die ein Stück altes Peiß gerettet haben: Er hat vor einigen Jahren eine alte Scheune auf dem Hof seiner Eltern renoviert und ist dort eingezogen. Doch er sagt: „Eine pauschale Lösung wird es nicht geben. Peu à peu werden die landwirtschaftlichen Gebäude weichen müssen.“ Dann dreht er sich schnell weg, weil ein Laster vorbeidonnert und eine Wasserwolke aufwirbelt.

Peiß ist ein typisches oberbayerisches Bauerndorf. Es gibt die eine große Durchgangsstraße, Kirche, Bäcker, alte Bauernhöfe und ein paar Scheunen und Ställe, die verfallen. Doch der 481-Einwohner-Ort im südlichen Landkreis München ist wohl das einzige Dorf dieser Art, in dem die S-Bahn stündlich hält. Und dann ist da auch noch die nahe Autobahn. Das schnelle Wachstum in der Region rund um München hinterlässt auch hier seine Spuren.

Bewahrt das alte Peiß: Hans Kiemer hat die alte Scheune des Familienanwesens zu seinem Wohnhaus umgebaut.

Peiß ist ein Ort der Gegensätze. Landidylle und Großstadtverkehr, Gebäude-Leerstand und Siedlungsdruck, Feldweg und Autobahn. Früher war Peiß bekannt als „Kartoffeldorf“, weil die Peißer Bauern Kartoffeln zentnerweise verkauften. Und während zu besseren Zeiten einmal 170 Landwirte an die Molkereigenossenschaft Milch geliefert haben, sind es heute nur noch 15. Die Probleme, die die Landwirtschaft überall hat, schlagen auch hier durch: Die junge Generation überlegt es sich drei Mal, ob sie den Hof der Eltern und die Schufterei übernimmt – meistens fällt die Entscheidung dagegen aus.

Viele Einwohner in Peiß haben ihre Betriebe schon vor Jahren zurückgefahren

Klar ist: Ein Zurück zur Landwirtschaft wird es hier nicht geben. Viele Einwohner haben ihre Betriebe schon vor Jahren zurückgefahren. Aber was anstellen mit den alten Gebäuden, die keiner mehr braucht?

Landwirt Martin Stadler hat im Herbst mit einer Idee für Aufregung unter den anderen Peißer Bauern gesorgt. In einem Gespräch mit unserer Zeitung äußerte sich der Obmann des Bauernverbands besorgt über die Entwicklung seines Dorfes. Wenn nichts gegen den Leerstand getan werde, sagte er, „verfallen Bauten. Das kann nicht unser Ziel sein. Unser Dorf darf auch nicht aussterben.“ Er schlug vor, Ställe zu Wohnungen umzubauen. Eigentlich keine schlechte Idee für einen Ort in einer Gegend, in der Immobilien weggehen wie warme Semmeln. Doch nicht allen Peißern hat das gefallen. Viele scheuen die Sanierungskosten und die Steuern, die zahlt, wer landwirtschaftliche Fläche in Wohnraum ummünzen möchte. Nicht jeder will, dass aus Peiß eines dieser explodierenden Umlandsdörfer mit Horden von Zuagroasten und Neubaugebieten wird. Und manche würden das ganze alte Glump am liebsten einfach bloß loswerden.

Verfall mitten im Dorf: ein ungenutztes Bauernhaus.

Das zeigt die Geschichte von Franz Neff, den sie hier „Neff Franz“ rufen. Er ist ein Ur-Peißer und sitzt jetzt mit Sohn Thomas, 45, auf der Eckbank in seinem Haus an der Rosenheimer Landstraße im oberen Teil von Peiß. Kirchen aus Porzellan stehen auf dem Fensterbrett, im Ofen flackert Feuer. Hinter Vater und Sohn hängen Bilder der Verwandtschaft an der Wand. Die Familie besaß einst acht Kühe, die täglich zwischen 50 und 70 Liter Milch produzierten. Franz Neffs Vater arbeitete als Zimmerer und nur nebenbei als Landwirt. „Jeder hat geschaut, dass er irgendwo ein paar Mark herbringt“, sagt er. „Vom ersten bis zum letzten Hof in Peiß, in jedem Stall waren Viecher drin.“

Die Viecher der Neffs sind seit mehr als 20 Jahren weg. Franz und Thomas Neff pressen Heu und Stroh für Bauern in der Umgebung. Die Landwirtschaft wurde über die Jahre zurückgefahren. Sie wohnen in einem neueren Wohnhaus auf dem Anwesen. Was noch an die alte Zeit erinnert, ist das runtergekommene Bauernhaus, das auch auf ihrem Grundstück steht. Die Fenster zerbrochen, die Fassade zerrissen. Der Boden ist schief, die Deckenhöhe beträgt zwischen 1,80 und 1,90 Meter, die Stockhöhe 1,70 Meter – so gedrängt will heute kein Mensch mehr wohnen. Thomas Neff würde das Ding am liebsten abreißen und an der Stelle neu bauen. Doch das Denkmalamt verbietet das.

Thomas Neff erzählt, einmal hätte er einen Interessenten gehabt, der das Haus abgebaut und zehn Kilometer weiter im Landkreis Ebersberg wieder aufgebaut hätte. „Aber ein Denkmal versetzt man nicht“, sagt er und verdreht die Augen – der 45-Jährige ärgert sich heute noch über die Behörde. Das Haus zu sanieren und gegebenenfalls Wohnraum zu schaffen, können sich die Neffs nicht leisten. Thomas Neff nennt das Haus eine „Flickschuasterei“. „Was hab’ ich denn für einen Nutzen?“, fragt er und beantwortet seine Frage gleich selbst: „Gar keinen.“ Nun verfällt das Haus, bis es wahrscheinlich irgendwann zusammenbricht.

Vater und Sohn: Franz und Thomas Neff in ihrer Stube. Sie würden ihr altes Bauernhaus gerne abreißen.

Vielleicht liegt es auch an solchen Beispielen, dass man wenig von der wachstumsstarken Metropolregion München merkt, wenn man durch Peiß geht. Vom Verkehr mal abgesehen. An der Rosenheimer Landstraße sieht man überall Relikte aus der vergangenen Zeit. Neben der Kirche fand früher regelmäßig ein Markt statt. Daran erinnert heute aber nur noch die Adresse „Am Markt“ der Häuser drum herum. Den Markt selbst gibt es schon lange nicht mehr.

Es gibt aber auch Ecken, an denen man die Verwandlung des Bauerndorfes in ein Wohndorf mit S-Bahn-Anschluss und neuem Publikum schon bemerkt. Ein Antiquitätenhändler hat einen ehemaligen Hof bezogen, während der Bauer gegenüber seinen alten Kuhstall für Ausstellungen zur Verfügung stellt. Ein anderer dagegen hat seinen Stall an eine Schlosserei vermietet. Und manche wohnen selber auf den alten Anwesen ihrer Vorfahren – so wie Hans Kiemer, der inzwischen daheim angekommen ist.

Ein Postbote hat die Oberdörfler von Peiß früher einmal als „Schubkarren-Bauern“ bezeichnet

Die Geschichte seiner Familie ist eng verbunden mit der des Dorfs. Früher war das so in Peiß, erzählt der 54-Jährige. Die Höfe unten am Berg sind schon seit Jahrhunderten größer und damit auch reicher gewesen als die oberen. Der Grund: In der Ebene gibt es mehr Fläche zum Ausbreiten, am Berg nur Schräge, weshalb die Höfe viel kleiner und enger gebaut sind. Ein Postbote soll die Oberdörfler früher einmal als „Schubkarren-Bauern“ bezeichnet haben, weil sie sich keine richtigen Landmaschinen leisten konnten.

Dem Großvater von Hans Kiemer, der ebenfalls Hans hieß, wurde das Gefälle zum Verhängnis. Er verunglückt 1950 am Berg, als er einen schweren Anhänger per Hand hinaufschieben will. Ihm geht die Kraft aus und der Anhänger rollt zurück. Die Deichsel bohrt sich in seinen Bauch, er stirbt. Ein Schicksalsschlag für seine Familie, und auch für die Landwirtschaft. Die Kinder sind noch zu jung, um den Betrieb zu führen. Irgendwann holt der Gerichtsvollzieher die letzte Kuh vom Hof.

Zunächst verfallen die Gebäude, über viele Jahre. Doch dann packen Enkel Hans Kiemer und sein Vater an. Die beiden sanieren das Anwesen nach und nach. Heute wohnt Hans Kiemer in der ehemaligen Scheune, an die nur noch der Baukörper erinnert. Innendrin: alles moderner Wohnstandard. „Wahnsinnig viel Arbeit und unglaublich zeitintensiv war das“, sagt Kiemer. Aber es habe sich für ihn gelohnt: „Mir gefallen schöne alte Bauernhäuser.“

Nebenan putzt die Nachbarin gerade die Fenster. Im Erdgeschoss war früher einmal ein Kuhstall, jetzt wohnt die Frau darin. Kiemer sagt: „Bestimmt schon 20 Jahre.“

So ist das, wenn in einem Bauerndorf die Bauern verschwinden. Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man zieht in den Kuhstall – oder das Alte verschwindet für immer.

Ende der Serie

Liebe Leser, mit dieser Folge endet unsere Serie über das Wachstum in der Region. Folgende Teile gibt es noch: 

Parsdorf: Die Angst vorm Neubaugebiet

Wenn der Traum vom Haus unbezahlbar wird 

Warum Pliening nicht so sein will wie Poing 

Unterföhring – TurboGemeinde im Speckgürtel 

Acht Fakten, warum München immer größer und teurer wird 

Geisterstadt mit S-BahnAnschluss: Der neue Stadtteil Freiham 

Der Drei-Stunden-Pendler

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