Nadja Maki
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Vor ihrem mobilen Jugendzentrum: Nadja Maki gründete nach dem Tod ihrer Sohnes die Lennon-Maki Stiftung.

Freundschaft nach dem Tod der Kinder

Verbunden durch einen Schicksalsschlag

  • Laura May
    vonLaura May
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Zwei Menschen, zwei unterschiedliche Leben und ein Schicksalsschlag, der sie verbindet: Nadja Maki und Ahmed Zangello haben beide ein Kind verloren und dadurch ihre Freundschaft gefunden.

„Nadja ist jung, aber sie ist die Mama von ganz Aying“, sagt Ahmed Zangello (38) schmunzelnd, während sie gemeinsam arabische Popsongs hören. Die beiden sitzen in Nadja Makis Überlandbus, der zum mobilen Jugendzentrum umgebaut ist und trinken Espresso. Sie kennen sich aus Aying; die Stimmung ist vertraut, leicht und familiär. Was Ahmed Zangello und Nadja Maki zusammenschweißt, ist hingegen ein schwerer Schicksalsschlag: der Tod eines ihrer Kinder.

„Durch die Kindstoderfahrung haben wir uns gleich verbunden gefühlt“, erinnert sich Nadja Maki (40). Ihr Sohn Lennon kam 2010 bei einem tragischen Traktorunfall in Aying ums Leben. Ahmeds Tochter Bisam starb in einem Geflüchtetenlager in der türkischen Stadt Kilis. Damals aus ungeklärten Gründen. Heute weiß man, dass Bisam unter einem seltenen Gendefekt litt – ebenso wie Ahmeds noch lebender Sohn Abdul-Wahab. Die Familie floh 2015 aus der syrischen Stadt Idlib vor dem Krieg. „2018 fuhr Ahmed mit seiner Frau und den drei Kindern in meinem Auto nach Kroatien. Sie wollten einfach mal raus aus der beengten Situation in der Ayinger Unterkunft und fuhren ans Meer“, berichtet Nadja Maki. „Dann hat er weinend angerufen und erzählt, dass Abdul-Wahab im Krankenhaus sei und sich nicht mehr bewege.“ Sein CK (Creatin-Kinase)-Wert war so hoch, dass er das kroatische Messgerät sprengte. Anstatt eines Normalwerts von um die 28 Creatin-Kinasen im Körper, lag der Wert bei 88 000 – Hinweis auf eine Schädigung im Körper. Ahmed und seine Frau Maram waren verzweifelt. Sie verstanden die kroatischen Ärzte nicht, diese waren ratlos, was Abdul-Wahabs lebensgefährlicher Zustand bedeutete und der Transport zurück nach Deutschland war unbezahlbar.

Aus dem Urlaub per Intensivtransport nach Hause

Hier kam Nadja Maki ins Spiel. Sie kannte Ahmed und seine Familie schon länger aus Aying. Nach dem Tod ihres Sohnes Lennon hatte sie gemeinsam mit ihrem Vater die Lennon-Maki Stiftung gegründet und engagiert sich seitdem für Menschen, bei denen das Leben, wie bei ihr, nicht nach Plan lief. Dank Hilfe der Stiftung konnte Abdul-Wahab per Intensivtransport nach München zurückgeholt werden. Durch die Care for Rare-Stiftung der LMU zur Erforschung seltener Kindererkrankungen, wurde der Gendefekt dann entdeckt. Seitdem wird Abdul-Wahab mit der aufwendigen Imunglobulintherapie behandelt. Ahmed und Maram müssen ihm dafür einmal pro Woche zwei Stunden lang zu Hause Infusionen legen, für die sie intensiv geschult wurden. „Anfangs haben die Ärzte gesagt Abdul-Wahab sei nur müde und haben mich wieder nach Hause geschickt“, erzählt Ahmed. Er habe wahnsinnige Angst gehabt, noch ein Kind zu verlieren und ist Nadja auf ewig dankbar für ihre Hilfe und ihr anhaltendes Engagement. „Wenn ich einen Termin habe, passt sie auf meine Kinder auf, wenn jemand ein Auto braucht, bekommt er ihres.“ Sie habe auch nicht so viele Vorurteile wie andere Deutsche gegenüber Arabern und immer ein offenes Ohr für Sorgen aus der Nachbarschaft. Egal wer mit welchem Anliegen zu ihr kommt.

Einseitig ist die Freundschaft jedoch keinesfalls. „Ahmed gibt mir so viel zurück, mit meinem Bus, den er jetzt hier fährt und auch freundschaftlich,“ sagt Nadja Maki. Nach Flucht, Sorge um die Kinder und Unsicherheiten um den Aufenthalt, sei seine Lage nun glücklicherweise recht stabil.

Berufliche Basis in der neuen Heimat

Ahmed ist inzwischen Busfahrer für die MVG im Münchner Osten. Nur eine Wohnung bräuchte die Familie unbedingt. Auch wegen Abdul-Wahabs aufwendiger Behandlung. Momentan wohnen sie zu fünft in einer Zweizimmerwohnung in Aying, worunter auch Tochter Sirin (10) leidet. „Wenn meine Brüder da sind, kann ich einfach nicht lernen“, erzählt sie und hofft auf ein eigenes Zimmer in der Zukunft. Sirin würde gerne in der Stadt leben – da sei „alles nebenan“ und die S-Bahn fahre viel öfter. Nadja Maki hingegen hat in Aying ihren Frieden gefunden. „Geht ihr ruhig in die Stadt – ich bleibe hier auf dem Land mit super Ausblick auf die Berge – in meiner kleinen heilen Welt.“

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