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Erinnerungen an die gute alte Schulzeit in Baierbrunn

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Von: Andrea Kästle

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Klassenfoto: Hildegard Franke (l. neben dem Lehrer) und Maria Stockinger (2.v.l.) mit ihrem Lehrer Max Maier im Klassenzimmer. 
Klassenfoto: Hildegard Franke (l. neben dem Lehrer) und Maria Stockinger (2.v.l.) mit ihrem Lehrer Max Maier im Klassenzimmer.  © Repro: Andrea Kästle

Baierbrunn gehört zu den wenigen Gemeinden, in denen die „alte Zeit“ noch ablesbar ist im Ortszentrum, dies allerdings auch nicht mehr lang. Noch heuer im Frühsommer werden die Stockingers wohl die alte Schule abreißen und das Grundstück neu bebauen. Dort, in dem Gebäude vor dem jetzigen Rathaus, haben die Baierbrunner Kinder von 1876 bis 1950 Lesen und Schreiben gelernt.

Baierbrunn - Es gab, jedenfalls vor dem Krieg und während des Kriegs, acht Klassen mit über 50 Kindern, die alle zusammen von einem Lehrer unterrichtet worden sind. Ende der 40er Jahre wurden die Klassen, auch deshalb, weil rund 30 Flüchtlingskinder dazugekommen waren, geteilt, und irgendwann hatte dann auch die kleine Gemeinde am Isarhochufer drei Lehrer.

„Unten hat der Lehrer gewohnt, dort waren außerdem die Gemeindekanzlei, die Küche und das Musikzimmer mit Flügel, das Klassenzimmer war im ersten Stock“, berichtet Hildegard Franke, Jahrgang 1935, die 1941 hier, neben dem Maibaum von Baierbrunn, eingeschult worden ist. Drei Jahre später übte hier auch Maria Stockinger, geborene Ketterl, das kleine Einmaleins, ab 1944. Beide haben, obwohl klar ist, dass damals der Umgang mit den Schülern weit entfernt war von Kuschelpädagogik, beste Erinnerungen an ihre Schulzeit. Maria Stockinger mochte genau die Lehrer am liebsten, die ihr am meisten beigebracht haben, und in der ersten Schulwoche ihres Lebens überhaupt, in der sie jeweils nach zwei Stunden schon wieder heimgehen hat dürfen, sei sie richtig enttäuscht gewesen, erzählt sie und lacht.

Schwelgen in Erinnerungen: Hildegard Franke (l.) und Maria Stockinger heute. 
Schwelgen in Erinnerungen: Hildegard Franke (l.) und Maria Stockinger heute.  © Andrea Kästle

Als Strafe halbe Stunde vor der Tafel knien

Die beiden Frauen haben noch die Klassenfotos von damals, die Kinder saßen zu viert in den Bänken, die Mädchen auf der einen, die Buben auf der anderen Seite. Die Mädchen: alle mit langen Zöpfen. Tatzen hat Maria Stockinger genau ein einziges Mal bekommen, und das auch nur deshalb, weil eine aus der Achten gepetzt hatte: „Die Ketterl hat geschwätzt.“ Sie habe dann Schein-Tatzen bekommen, auf den Handballen, dorthin also, wo es weniger wehtat. Und Hildegard Franke musste einmal zur Strafe im Klassenzimmer knien, eine halbe Stunde lang, vor der Tafel.

Jeden Morgen um sechs, berichtet Hildegard Franke, habe der Gemeindediener den grünen Kachelofen im Klassenzimmer einschüren müssen, seine Frau putzte die Schule und ölte in den großen Ferien das Parkett neu ein. Das klebte dann, zusammen mit Rest-Dreck, am ersten Schultag an den Füßen der Kinder, von denen viele barfuß gekommen waren.

Der Lehrer damals, erzählt sie, hieß Hermann Patschoky, er, Jahrgang 1890, sei nett gewesen. Sonntags spielte er die Orgel in der Kirche, er musste auch die Gemeinderatssitzungen protokollieren – gegen eine kleine Zulage. „Wenn der Krieg aus ist“, sagte er den Kindern, die mit Hitler-Gruß das Klassenzimmer betreten mussten, „müsst ihr euch Budapest ansehen“. Er sei mit ihnen an die Isar gegangen, habe Weidenkörbchen für Ostern mit ihnen geflochten, „er war ein Naturfan“.

Die alte Schule, Haus Nummer 15 im Ort, die demnächst abgerissen wird, in einer historischen Ansicht.
Die alte Schule, Haus Nummer 15 im Ort, die demnächst abgerissen wird, in einer historischen Ansicht. © Repro: Andrea Kästle

Kreuz verschwindet aus dem Klassenzimmer

Kopfrechnen fand um die Wette statt, alle mussten aufstehen, wer die Aufgabe der Kettenrechnung, die grade dran war, wusste und richtig sagte, durfte sich hinsetzen. „Das war für die“, lacht Franke, „die langsamer waren, natürlich grausam. Die standen am längsten“. Irgendwann, um 1942 herum, große Aufregung: Im Klassenzimmer war das Kreuz verschwunden, nur der Abdruck von der Stelle, an der es gehangen hatte, war noch zu sehen an der Wand. „Das gab eine Mords-Debatte, irgendwann hing das Kreuz dann aber einfach wieder dort, wo es immer gewesen war.“

So sieht die ehemalige Schule heute aus. Ältere Baierbrunner verknüpfen viele Erinnerungen mit dem Haus. 
So sieht die ehemalige Schule heute aus. Ältere Baierbrunner verknüpfen viele Erinnerungen mit dem Haus.  © Repro: Andrea Kästle

Schreiben auf der Schiefertafel

Gedauert hat der Unterricht damals nur bis mittags. Schreiben lernte Hildegard Franke, indem die Gerb Kathi aus der Achten ihr die Hand auf ihrer kleinen Schiefertafel führte. Es wurde auch gesungen, besonders gut erinnert sie sich noch an die Handarbeitslehrerin, Marlene Rack, die sie beim Stricken laut mitzählen ließ: „zwei links, zwei rechts“, und sie und Frau Stockinger wissen noch jeden einzelnen Stickstich, den sie bei ihr ebenfalls lernten. Sport in dem Sinn haben sie nicht gehabt, erzählen die beiden, Noten in Turnen bekam man, nachdem man im Klassenzimmer ein paar Kniebeugen vorgemacht hatte.

Bei Fliegeralarm schnell in den Keller

Ab 1942 konnte dann immer weniger von geregeltem Unterricht die Rede sein. Immer wieder gab es Fliegeralarm, die Kinder aus Baierbrunn mussten sehen, dass sie heimkamen. Stockinger hatte es gut, der elterliche Bauernhof, das heutige Rathaus, liegt ja gleich hinter der Schule. Ihr Vater, erzählt sie, habe nach dem Krieg, als auch nachmittags noch Schule war, über mittag immer wieder Kinder bei sich verköstigt, die auch zu ihm in den Keller konnten, wenn Angriffe geflogen wurden. „Am Schluss haben wir Geschwister sowieso dort auch geschlafen.“

Alte Schulbücher haben Hildegard Franke und Maria Stockinger auch noch.
Alte Schulbücher haben Hildegard Franke und Maria Stockinger auch noch. © Andrea Kästle

Erinnerungen an ehemalige Lehrer

Derweil begann Maria Stockingers Schulzeit so richtig eigentlich erst nach dem Krieg. Im September 1944 war sie eingeschult worden, ab Mai, mit Kriegsende also, fiel der Unterricht schon aus. Und wurde erst im Oktober wieder aufgenommen. Mit neuen Lehrern, darunter auch Max Maier, der die Schule auch leitete und über Nacht gestorben ist, nachdem er noch auf ein Konzert gegangen war. Dann war Rudi Zins für einen Monat ihr Lehrer. Er war später auch Zweiter Bürgermeister. Maria Stockinger mochte ihn auch deshalb so gern, weil seine Unterrichtsmethoden ein wenig moderner waren.

Sie lernte auch noch das neue Schulhaus kennen, 1950 wurde es, wie sie fein säuberlich auf einem Foto hinten drauf vermerkt hat, eingeweiht, die Rede hielt Maier – es war einer seiner letzten öffentlichen Auftritte.

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