Ein wenig wie ein Pirat schaut Roman Schmoll mit seiner Prothese aus. Selbstmitleid mag er nicht. „Man muss immer weitergehen“, findet er.  Andrea Kästle

Baierbrunner hat nach einer Böller-Explosion seine Hand verloren

So geht es dem Koch mit der Handprothese: „Man muss immer weiterkämpfen“

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Eine große Welle der Hilfsbereitschaft hat der Baierbrunner Wirt Roman Schmoll erfahren, der bei einer Explosion eines Böllers seine rechte Hand verloren hat. Im Gespräch mit dem Münchner Merkur berichtet der 57-Jährige, was sich seitdem verändert hat und warum er sich durch den Unfall seinen Optimismus nicht nehmen lässt.

Baierbrunn – Roman Schmoll war gerade zurück aus dem Krankenhaus, er hatte Schmerzen, gegen die er starke Tabletten nehmen musste. Einerseits. Andererseits schaute er natürlich hin und wieder in die Küche, aber was er dort sah, machte ihn nicht froh. Dort hantierte eine Aushilfe, die er und seine Lebensgefährtin Martina Kurucová sich geholt hatten, Roman Schmoll sagt: „Dem bei der Arbeit zuzusehen, das hab ich nicht ausgehalten.“ Also ließ er sich, kaum war er eine Woche aus dem Krankenhaus daheim, eine Prothese bauen von einem Freund, der Zahntechniker ist. Und hackte dann mit diesem Handschuh aus Kunststoff, der vorn einen Hackbeilaufsatz hat, schon wieder Gemüse.

Jetzt sitzt er an einem trüben Nachmittag in seiner Wirtschaft, dem Gasthof Zur Post in Baierbrunn, um ihn herum wuselt das Personal. Schmoll erzählt von demUnfall, bei dem an einem warmen Sommerabend in seiner rechten Hand dieser Böller explodiert ist, den sein Sohn kurz vorher aus dem Gebüsch gefischt hatte. Er hatte gedacht, es könnte schön sein, die Rakete zu zünden, es war doch der Geburtstag von Raffael, dem Buben. Der stand auch noch hinter ihm. Der Böller ging erst nicht an, Schmoll hielt ihn dann in die neue Grillstation. Dann kam der Knall. „Ich wusste gleich, die Hand ist weg“, sagt er heute. Und: „Hauptsache, dem Buben ist nichts passiert.“ Der wurde an diesem 18. August sechs Jahre alt.

Viele Leute haben Anteil genommen an dem schlimmen Schicksal des 57-Jährigen, der sich kurz vorher erst coachen hatte lassen von Fernseh-Koch Frank Rosin. Der inhaltlich mit dem traditionsreichen Lokal, an dem sich vor ihm mehrere Pächter die Finger verbrannt haben, ganz neu anfangen hatte wollen. Im aufgeräumten Biergarten. Mit einer aufgeräumten Speisekarte.

Als ihm der Unfall passierte, war die Sendung mit Rosin noch nicht gelaufen, die kam erst jetzt, vor wenigen Wochen. Aber trotzdem hatte sich herumgesprochen, dass der gebürtige Karlsbader einen neuen Anlauf nimmt mit der „Post“.

Viele Briefe und Hilfe

Jetzt, vier Monate nach dem Knall, sagt Roman Schmoll, dass er nicht der Typ ist, der sich selbst bemitleiden mag: „Es bringt mir doch nichts.“ Er sagt aber auch, dass die ganze Tragik durchaus ihr Gutes hat, denn: „Den Baierbrunnern sind die Augen geöffnet worden.“ Viele hätten noch gar nicht gewusst, dass die Wirtschaft keine Pizzeria mehr ist.

Er bekam viele viele Briefe, in denen ihm Bekannte ihre Hilfe anboten, sagt er. Auch der Baierbrunner Bürgermeister Wolfgang Jirschik hat ihn besucht, der Verlag Wort & Bild, der nebenan sein Verlagsdorf unterhält, unterstützt ihn ebenfalls. Fernseh-Koch Rosin vermittelte ihm Aushilfen. Und ließ dann eine weitere halbstündige Sendung über Roman Schmoll drehen, in der gezeigt wurde, wie tapfer der sich dem Schicksal entgegenstemmt. „Man muss immer kämpfen, immer weitergehen“, findet er.

So geht es nach Rosins Besuch in seinem Restaurant weiter

Dabei wirkt der Koch aus Leidenschaft, der sich vor 18 Jahren selbstständig gemacht hat, zurückhaltend. Aber es ist schon auch so, dass in den entscheidenden Momenten sein Leben durchaus selbst in die Hand genommen hat. Als er nach seiner Lehrzeit im „Imperial“ in Karlsbad nicht genommen wurde bei der tschechoslowakischen Flotte, weil er nicht in der Partei war, beschloss er kurzerhand auszureisen. Beschaffte sich einen österreichischen Pass. Beantragte Urlaub im blockfreien Jugoslawien. Und spazierte rüber in den Kapitalismus. In Saalbach-Hinterglemm fand er erste Anstellungen, schon am vierten Tag stand er dort in der Küche. Nach Deutschland ging er dann wiederum der besseren Bezahlung wegen. Er fasst das alles so zusammen: „Die Gastronomie muss man lieben oder man lässt sie.“

Dabei ist es auch fast witzig, wie eigenwillig er gleichzeitig ist. Mit Rosin hatte er eigentlich beschlossen, sich nicht mehr zu verzetteln. Keine Pizza anzubieten, die Gyros-Abende sein zu lassen. Sich auf die bayerisch-böhmische Küche zu konzentrieren, seine Kernkompetenz quasi. Aber vor kurzem hat er dann mal wieder einen „russischen Abend“ veranstaltet mit russischen Pianisten. Und als er jetzt mit Bekannten und Freunden im Gasthaus die beiden Sendungen anschaute, was hat er denn da zu essen angeboten? Er zuckt mit den Schultern und grinst: „Es gab Gyros.“

Nach der Sendung rief ihn seine Mutter an. Sie ist noch immer in Karlsbad. Sie hatte das mit seiner Hand gar nicht gewusst, jetzt weinte sie. Am anderen Ende der Leitung fing er an, sie zu trösten, er sagte ihr: „Mama, jetzt krieg ich eine Prothese, es geht ganz normal weiter.“ Die Prothese hat er inzwischen bekommen.

Viele Briefe
und Hilfe

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