Christian Böck
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Christian Böck hat eine Bürgerinitiative gegründet.

Widerstand gegen Ausbaupläne von United Initiators in Pullach – mehr als 1000 Unterschriften

Bürgerinitiative contra Chemie-Konzern

Das Unbehagen gegen die Umstrukturierungspläne von United Initiators war eine ganze Weile lang eher diffus wahrnehmbar. Inzwischen hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die bereits rund 1000 Unterschriften dagegen gesammelt hat.

Gegründet hat die Initiative unter der Überschrift „Schützt die Isarauen“ Christian Böck. Rund 1000 Unterschriften hat sie schon gesammelt und Unterschriftslisten in verschiedenen Geschäften, Arztpraxen und Tankstellen in den Gemeinden um den Chemie-Konzern ausgelegt. Böck wohnt selbst in unmittelbarer Nachbarschaft zum Peroxid-Nachfolger, im Höllriegelskreuther Weg in Baierbrunn. Er sagt, wenn der Wind entsprechend steht, rieche man bei ihm vor der Haustür den Chemie-Konzern deutlich, es gebe auch Lärmbelästigungen durch das Unternehmen. Wenn jetzt, wie geplant, das Wäldchen gerodet wird, das zwischen dem bebauten Teil des Firmen-Areals und dem Höllriegelskreuther Weg liegt, rückt das Unternehmen noch näher an die Wohnbebauung heran, dann sind nur noch 350 Meter zwischen Konzern und Wohnhäusern. Ihn und seine Nachbarn beunruhige das, sagt Böck.

Unterschiedliche Aussagen

Der Baierbrunner stört sich unter anderem an einigen Ungereimtheiten, die sich ergeben aus verschiedenen Aussagen, die Firmenvertreter in Gemeinderäten, aber auch bei einer Online-Infoveranstaltung abgegeben haben. So habe etwa Werksleiter Kai Eckloff erst in den Gemeinderäten in Baierbrunn und Pullach erklärt, seit dem letzten Großbrand auf dem Areal der Firma im Jahr 2002 habe die rund 250 Millionen Euro in die Sicherheit investiert. Aber dann habe Geschäftsführer Andreas Rutsch an dem Infoabend erklärt, es seien seit 2002 „weit über 100 Millionen in die Sicherheit, Produktionskapazitäten und technische Ausrüstung“ investiert worden. Böck: „Die widersprechen sich gegenseitig.“

Das sei auch der Fall bezüglich der angestrebten Entwicklung von United Initiators. Mal habe man dazu von der Firma zu hören bekommen, weitere Baumaßnahmen außer „Big Wings“ – wie das jetzige Vorhaben firmen-intern genannt wird – seien nicht geplant. Im örtlichen Isar-Anzeiger jedoch habe die Konzernleitung mal geschrieben: „Für die Zukunft schließt United Initiators nicht aus, Projekte zur Erhöhung der Produktionskapazitäten auszuarbeiten.“ Momentan hat United Initiators eine Genehmigung für 2050 Tonnen organischer Peroxide, die auf dem Gelände gelagert werden dürfen – tatsächlich sind es dort rund 1000 Tonnen.

Sorge vor weiteren Unfällen

Christian Böck befürchtet, dass im Fall eines Unfalls nicht alles so glimpflich abgehen werde, wie von den Verantwortlichen gern behauptet. „Die wollen die Bevölkerung einlullen“, sagt er. Es nütze nichts, dass die organischen Peroxide, die United Initiators in die ganze Welt exportiert, in Gebinden gelagert würden, die sich auflösen, sobald sich die Flüssigkeit darin erwärmt. Zwar heiße es immer, sagt Böck, dass die ausgelaufenen Chemikalien nur noch brennen, nicht mehr explodieren. Aber er überlegt: „Was ist, wenn die Werkshalle als ,Verdämmung‘ fungiert?“ Bei größeren Konzentrationen und Temperaturschwankungen, hat er Angst, könne es auch weiterhin „zu Verpuffung und Explosionen“ kommen.

Und dann mag sich Böck nicht beruhigen lassen von der Aussage der Firmen-Oberen, dass man ja die Kapazität von 3340 Tonnen organischer Peroxide, die nach der Erweiterung theoretisch gelagert werden dürften, nicht ausschöpfen werde – und es auch künftig bei höchstens 1600 Tonnen bleibe. Es kämen ja, sagt er, in jedem Fall noch die „Rohstoffe und Zwischenprodukte“ dazu, aus denen die Peroxide überhaupt hergestellt werden. Zudem beunruhigt ihn, dass Eckloff vor dem Gemeinderat Pullach von „anderen chemischen Stoffen“ gesprochen und dann gemeint habe: „Die fallen unter das Betriebsgeheimnis.“ Er ist sich sicher: „Das Logistiklager ist erst der Anfang“.

Enttäuscht von Tausendfreund

Enttäuscht ist Böck auch von der Gemeinde Pullach. Susanna Tausendfreund von den Grünen, heute Bürgermeisterin, habe 2002, nach dem bis dato letzten Unfall auf dem Firmenareal, noch gefordert, Peroxid müsse die Produktion zurückfahren. Davon habe sie jetzt nichts mehr gesagt. Er argumentiert, dass das Wäldchen, auf dessen Fläche Peroxid bauen will, im Landschaftsschutzgebiet liege – was aber nicht der Fall ist. Wie die Gemeinde in einer Stellungnahme auch auf ihrer Webseite darlegt, gibt es seit langem Baurecht für das Areal, es ist im alten Bebauungsplan als Industriegebiet ausgewiesen.

Christian Böck sagt, ihn habe auch deshalb „der Ehrgeiz gepackt, sich mehr zu engagieren, weil er an mehreren Stellen „abgeblockt“ worden sei. Den Unfall 2002 habe er selbst mitbekommen, damals wohnte er noch in Solln und war gerade dabei, nach Baierbrunn umzuziehen. Er sagt: „Das alles ist vogelwild.“

Gemeinde: „Können Baurecht nicht einfach aushebeln“

Dass United Initiators auf dem gesamten Firmenareal in Höllriegelskreuth Baurecht besitzt und die Gemeinde überhaupt nur über den Verhandlungsweg erreicht habe, die Vorhaben des Chemie-Konzerns mitgestalten zu können – darauf weist im Zusammenhang mit der Bürgerinitiative Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) hin. „Wir als Gemeinde“, sagt Tausendfreund, „können das bestehende Baurecht, das auf dem Areal besteht, nicht einfach aushebeln“. Wenn die Gemeinde sich nicht rechtzeitig eingespreizt hätte, hätte man „überhaupt keine Handhabe gehabt“. Indem der Gemeinderat dann beschloss, für das Areal einen neuen Bebauungsplan aufzustellen, konnte die Kommune mitwirken an der Gestaltung des Geländes. Und einige Forderungen durchsetzen wie etwa die nach einem Grünausgleich fürs Wäldchen, das gerodet werden soll. Auch die wegfallenden Wohnungen werden nun ersetzt. „Wenn die Gemeinde nicht so schnell gehandelt hätte, wäre das Wäldchen schon längst gerodet“, sagt Tausendfreund. Im Zuge einer vorgezogenen Bürgerbeteiligung konnte die Bevölkerung den neuen Bebauungsplan einsehen, „die eingegangenen Bedenken werden von uns“, verspricht die Rathauschefin, „sehr ernst genommen. Wir werden darauf achten, dass alle Sicherheits- und auch ökologischen Aspekte einfließen in die Planung“.
Eine artenschutzrechtliche Überprüfung, die jetzt erfolgte, ergab, dass auf den 1,5 Hektar, die für die Neubebauung genutzt werden sollen, die seltene Haselmaus zuhause ist. Der sollen nun andere Lebensräume angeboten werden.

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