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Der grüblerische Leonce Marc Philippi (l.) ist von Valerio (Lydia di Bernardo) nur schwer aufzumuntern.

„Das Kleine Baierbrunner Welttheater“

Wenn das Leben heiter gähnt

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Seit gut zehn Jahren gibt es in der zweitkleinsten Gemeinde des Landkreises München jetzt schon das schön benannte „Kleine Baierbrunner Welttheater“, das alle zwei Jahre eine Inszenierung auf die Bühne bringt. Heuer wurde im Pfarrsaal von St. Peter und Paul „Leonce und Lena“ aufgeführt.

Baierbrunn– Es ist das einzige Lustspiel, das Georg Büchner geschrieben hat. Mit einer überaus munteren Lydia di Bernardo als Valerio, dem Diener von Leonce, der dem Prinzen des Königreichs Popo auf der Flucht nach Italien vor dem dominanten Vater schlicht das Leben rettet – indem er ihn vom Selbstmord abhält. Das Ganze geht, wie man weiß, bestens aus.

Denn: Was Leonce ja Richtung Süden getrieben hat, war der neueste Einfall seines eher geistlosen Vaters – dass er nämlich heiraten soll. Und zwar Lena, Prinzessin aus Pipi. Aber auch sie, durchaus selbstbewusst und willensstark, hat keinerlei Lust, einen Unbekannten zu ehelichen – und hat sich wiederum an der Seite ihrer Gouvernante aus dem Staub zuhause gemacht. Es kommt, was kommen muss: Die vier begegnen sich unterwegs, keiner weiß vom anderen, und Leonce und Lena verlieben sich ineinander. Das ist auch der Zeitpunkt, zu dem der Prinz sich dann in den Fluss stürzen will, so überwältigt ist er von der Wucht seiner eigenen Gefühle.

Aber erst mal spricht der lebenslustige Valerio unterwegs fröhlich dem Wein zu, was freilich nicht leicht zu spielen ist, aber Lydia di Bernardo bestens hinbekommen hat. Während der arme Leonce jetzt gänzlich in Melancholie zu versinken scheint. Er fand schon immer: „Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.“ In Baierbrunn haben sie ihm eine Lederjacke angezogen, den Blick hat er meist grüblerisch nach unten gerichtet.

Dass sich das kleine Theater mit dem großen Anspruch längst eine treue Fangemeinde erobert hat – das wurde auch heuer bei den insgesamt vier Aufführungen in St. Peter und Paul klar. Der Pfarrsaal war immer gut besucht. Zusammengetan haben sich die engagierten Laien, die 2015 ausgezeichnet worden sind mit dem Bayerischen Amateurtheater-Preis auf Initiative des Baierbrunners Paul Huppertz, einem theaterbegeisterten Ingenieur im Ruhestand, der inzwischen aber leider schon gestorben ist. Die ersten Stücke, die er umsetzte mit den Gleichgesinnten, waren zwei Einakter von Tschechow. Kleists „zerbrochener Krug“, der „Talisman“ von Nestroy, der „eingebildete Kranke“ von Molière: Das alles war im Welttheater in der Mini-Gemeinde schon zu sehen seither. Die großen Tragödien lässt man lieber außen vor. „Das passt nicht nach Baierbrunn“, sagt dieser Tage Lydia di Bernardo. Intelligente Komödien aber eben schon: „Da gibt es wahnsinnig schöne Sachen.“

Dabei machen die Theaterbegeisterten im Isartal praktisch alles selbst, auch Kostüme und Kulissen. Die Regie bei „Leonce und Lena“ war, sagt Lydia di Bernardo, „ein Gemeinschaftswerk, da haben wir viel diskutiert“. Wobei es sehr angenehm gewesen ist, dass man den Akteuren eben nicht anmerkte, dass sie auf der Bühne spielen – auf übertriebene Gesten haben sie verzichtet.

Kurz vor Ende wird das Stück dann noch einmal richtig turbulent. Als nämlich der König von Popo, der schon die ganze Zeit mit Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt ist, langsam nervös wird, weil ja weder Braut noch Bräutigam zugegen sind. Da nähern sich am Horizont vier Gestalten, die freilich die Gesuchten sind samt ihren Begleitern, allerdings hinter Masken versteckt. Und der gewitzte Valerio, vielleicht der Star des ganzen Stücks, stellt die beiden Verliebten gleich mal vor als „zwei weltberühmte Automaten“. Die man dann aus der Not heraus zum Brautpaar erklärt, das sie ja in Wirklichkeit auch sind. Große Freude allerseits.

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