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Eine gründliche Untersuchung wünschen sich viele Patienten von ihrem Arzt. Dafür bleibt aber umso weniger Zeit, je weniger Haus- und Landärzte es gibt. Ärztemangel, der droht auch im Landkreis München. 

Vom Aussterben bedroht

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Ein Mangel an Haus- und Landärzten. Im boomenden Landkreis München kein Thema? Noch nicht. Aber Experten warnen schon heute vor möglichen Engpässen.

Baierbrunn– Ärztemangel. Ein bekanntes Schlagwort für die Situation besonders bei Haus- und Landärzten, die man sich ganz sicher nicht im Landkreis München vorstellen kann. Und doch: Auch hier wird die Lage schwieriger. In Ottobrunn etwa gibt es 22 Hausärzte, in Grasbrunn keinen, hat die Kassenärztliche Vereinigung ermittelt (siehe Kasten). Ein Strukturproblem zeichnet sich ab, nicht nur im Landkreis, sondern im gesamten Freistaat. Das zeigte sich auchbeim zweiten Bayerischen Gesundheitsgespräch zum Thema „Diagnose Diaspora“ beim „Wort & Bild Verlag“ in Baierbrunn.

In Bayern wird es in naher Zukunft ein akuter Mangel an Haus- und Landärzten geben – was nicht nur Dieter Geis alarmiert, den Vorsitzenden des bayerischen Hausärzteverbandes. So kommen die Apotheken zunehmend unter Druck wegen des Versandhandels: Man kann verschreibungspflichtige Medikamente günstiger übers Internet beziehen. Eine Option, die viele Menschen nutzen. „Es ist hanebüchen“, sagte Thomas Benkert, der Präsident der Bayerischen Apothekenkammer. Noch dazu, weil Apotheken wichtige Beratungsleistungen übernähmen. Immerhin 50 Prozent der Kunden ließen sich erst vom Apotheker beraten, ehe sie den Arzt aufsuchten, sagte er. Und doch haben in den vergangenen sieben Jahren 200 Apotheken in Bayern zugemacht.

Und auch die Hausärzte sterben aus, man weiß es. Jede Woche schließt im Freistaat eine Einzelpraxis, ein Drittel der praktizierenden Hausärzte wird in den nächsten Jahren aufhören. An den Gedanken, dass man auf dem Land bald nicht mehr zum alteingesessenen Mediziner vor der Haustür gehen kann, sondern bei gesundheitlichen Problemen das ärztliche Versorgungszentrum in der nächsten Kleinstadt ansteuert, werde man sich, so der Tenor, gewöhnen müssen.

Der CSU-Bundestagsabgeordneten Emmi Zeulner, Mitglied im Gesundheitsausschuss, ist es ein Anliegen, dass diese Einrichtungen eben nicht einfach angegliedert werden an die Krankenhäuser. Sie meint, in unabhängigen Praxisgemeinschaften niedergelassener Ärzten werde engagierter gearbeitet. Dass Kliniken mal so nebenbei für 800 000 Euro den Arztsitz eines Urologen aufkauften, „macht mir Sorgen“.

„Wir bilden zu wenig Hausärzte aus, wir müssen vermitteln, wie attraktiv und wichtig der Beruf ist“, sagte Dieter Geis, der Sprecher der Hausärzte. Nur, wie könnte das funktionieren? Politikerin Zeulner sprach sich dafür aus, den Numerus Clausus fürs Medizinstudium jedenfalls teilweise auszusetzen – eine Idee, die Professor Jochen Gensichen von der Ludwig-Maxmililans-Universität, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin, weniger gefällt. Nur wegen der hohen Zugangshürden würde sein Fach die niedrigsten Abbrecher verzeichnen, sagte er. Das Studium verlange den Teilnehmern viel ab und sei überdies sehr teuer, „verkrachte Existenzen“ könne man sich nicht leisten. „Wir haben doch auch eine Fürsorgepflicht.“

Ganz anders schätzt Helmut Platzer, der Vorstandsvorsitzende der AOK in Bayern, die Situation ein: „Wir haben noch immer sehr sehr viele Ärzte in Deutschland.“ Und: „Wir nehmen überproportional ärztliche Tätigkeiten in Anspruch.“

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