Der große Umbruch: Die Journalistin Peggy Elfmann hat alles in Frage gestellt, als bei ihre Mutter Alzheimer festgestellt wurde. Foto: privat
+
Der große Umbruch: Die Journalistin Peggy Elfmann hat alles in Frage gestellt, als bei ihre Mutter Alzheimer festgestellt wurde. Foto: privat

Zum Weltalzheimer-Tag

Mama, kennst du mich noch?

Anlässlich des Weltalzheimertages hat Peggy Elfmann aus Baierbrunn mehrere Aktionen angestoßen. Sie selbst ist betroffen. Ihre Mutter leidet an der Krankheit.

Baierbrunn – Am Montag ist Weltalzheimertag. Zu diesem Anlass startet der Podcast: „Leben, Lieben, Pflegen“ von Peggy Elfmann, die beim Wort&Bild-Verlag in Baierbrunn arbeitet. Die Familienmutter hat selbst eine Alzheimerpatientin in der Verwandtschaft und will Menschen helfen, die betroffen sind. Neben den rund 30-minütigen monatlichen Gesprächen wird es praktische Tipps zum Thema Demenz geben, zum Beispiel Buchtipps und Kurzimpulse. In der ersten Folge sprechen Anja Kälin und Peggy Elfmann unter anderem darüber, warum es so wichtig ist, über Demenz zu reden. Der Podcast ist auf den gängigen Podcast-Plattformen wie Spotify, iTunes und Deezer zu finden. Nicht nur das: Peggy Elfmann hatte auch die Idee zu einer ersten virtuellen Vorlese-Aktion für Kinder und Jugendliche rund um das Thema Demenz (www.leselounge-ev.de/kiks). In der Woche von 21. bis 27. September täglich von 14 bis 18 Uhr lesen Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus Büchern vor, die das Thema behandeln. Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft und den Verein Lese-Lounge hat die Baierbrunner Journalistin dazu mit ins Boot geholt.

Die Idee zu dieser Aktion stammt von Ihnen? Wie sind Sie darauf gekommen?

Auf meinem Internet-Blog „Alzheimer und wir“ stelle ich regelmäßig Kinderbücher und -romane vor, die sich rund um das Thema Demenz, Erinnern und Vergessen drehen. Als meine Mama die Diagnose Alzheimer erhalten hatte, habe ich mich auf die Suche nach einem guten Kinderbuch gemacht, weil ich es mit meiner Tochter lesen wollte und so mit ihr über die Krankheit und die Oma ins Gespräch kommen wollte. Ich habe dabei gemerkt, wie viele tolle Kinderbücher es zu dem Thema gibt. Normalerweise finden an einem Welt-Alzheimertag regional verschiedene Veranstaltungen statt.

Das ist heuer wohl anders?

Ja, es fallen viele Events aus. Während der Corona-Zeit habe ich mit digitalen Vorlese-Angeboten für Kinder gute Erfahrungen gemacht. Da hatte ich irgendwann die spontane Idee, dass das Vorlesen von solchen Büchern auch eine Möglichkeit für eine Aktion wäre – und zwar eine, die auf jeden Fall stattfinden kann, unabhängig von der aktuellen Corona-Situation. Ich habe meine Idee dem Team der Deutschen Alzheimer Gesellschaft vorgeschlagen und mich total gefreut, als sie meinen Vorschlag aufgegriffen haben und mit mir und der LeseLounge umsetzen wollten.

Welche Erlebnisse haben Sie mit der Alzheimer-Krankheit in der Familie machen müssen?

Meine Mama hat vor gut neun Jahren die Diagnose Demenz vom Typ Alzheimer bekommen. Das war für uns ein Schock, denn meine Mama war damals erst 55 Jahre alt. Ihr ging es lange noch gut, war fit und bewegte sich viel. Seit drei Jahren braucht sie deutlich mehr Unterstützung und Pflege. Mein Bruder und ich leben nicht direkt bei meinen Eltern, ich versuche, so oft wie möglich da zu sein und sie aus der Ferne zu unterstützen.

Wie verändert Alzheimer den Angehörigen?

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Denn es kommt natürlich immer darauf an, wie sich die Krankheit entwickelt und mit welchen Herausforderungen sie einhergeht. In jedem Fall ist es eine große Aufgabe für die Angehörigen, und sie ist so groß, dass keiner sie alleine bewältigen kann. Wer einen Menschen mit Alzheimer pflegt, erlebt immer wieder kleine Abschiede, denn der Betroffene verlernt mit der Zeit immer mehr. Das anzunehmen ist wohl eine der schwersten Aufgaben und ich weiß, wie traurig das machen kann.

Wird durch die Krankheit auch das eigene Lebens- und Weltbild erschüttert? Wie begegnet man einer so existenziellen Situation oder sind hier Ratschläge vielleicht gar nicht gut möglich?

Allgemeingültige Ratschläge zu geben finde ich schwierig. Für mich war und ist es eine tiefgreifende Erfahrung. Ich weiß von vielen anderen Angehörigen, dass es ihnen ähnlich ging oder geht. Mit der Diagnose meiner Mama habe ich alles in meinem Leben infrage gestellt. Aber ich habe auch wohl zum ersten Mal wirklich verstanden, dass das Leben endlich ist. Dass ich nur dieses eine Leben habe und dass ich dafür verantwortlich bin, dieses Leben zu gestalten und die Dinge zu tun, die ich tun möchte und nicht auf „später mal“ oder „irgendwann“ zu warten, denn irgendwann kann es zu spät sein.

Was hat Ihnen geholfen, damit umzugehen, gibt es eine Form der Selbstreflexion, die auch heilsam sein kann?

Mir hilft das Schreiben über die Herausforderungen, die im Alltag und Zusammensein mit einem Menschen mit Demenz entstehen. Vor allem tun mir aber auch Gespräche mit anderen Angehörigen gut, denn dadurch merke ich, dass ich nicht die einzige bin, die diese Erfahrungen macht. Hilfreich ist es auch, sich mit einem Experten auszutauschen und im Gespräch das eigene Handeln und die eigenen Erwartungen zu reflektieren.

Bekommt man selbst in bestimmten Momenten auch Angst, sich selbst zu verlieren und was bringt einen wieder auf den Boden zurück?

Ich fühle mich oft wie zwischen den Stühlen und hadere mit meinem ständigen schlechten Gewissen. Einerseits bin ich selber Mutter und habe drei Töchter, für die ich so gut wie möglich da sein möchte. Anderseits möchte ich auch für meine Mama da sein. Vor allem meinen Papa, der ja die hauptsächliche Aufgabe der Pflege und Betreuung übernimmt, würde ich gerne mehr unterstützen. Ich habe gemerkt, dass dieses schlechte Gewissen aber niemandem nützt. Damit helfe ich meiner Mama ja auch nicht und ich fühle mich nur schlecht. Ich plane bewusst Zeiten bei meinen Eltern ein und versuche sonst aus der Ferne Dinge zu organisieren wie einen Arzttermin oder Gespräche mit Pflegern.

Welches Buch würden Sie einem betroffenen Angehörigen in jungen Jahren als erstes empfehlen und warum?

Ich kenne natürlich viele Kinderbücher. Mein absoluter Liebling ist „Als Oma immer kleiner wurde“, weil es eine frohe Botschaft hat und mich sehr berührt hat. An Büchern für Erwachsene ist mein klarer Favorit „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger zu empfehlen. Es beschreibt seinen Vater und die Beziehung zu seinem Vater, die sich mit dessen Demenz ändert. Sehr emotional und hinreißend komisch.

Das Gespräch führte Marc Oliver Schreib.

Auch interessant

Kommentare