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Gemeindearchivar Alfred Hutterer hat über die Besonderheiten des alten Baierbrunner Friedhofs ein Buch geschrieben.

Rundgang über den alten Baierbrunner Friedhof

Die Tochter im Brautkleid begraben

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Der alte Baierbrunner Friedhof ist ein ganz besonderes Kleinod. Seit 40 Jahren kümmert sich eine Gruppe von Ehrenamtlichen um den Erhalt des Gottesackers, dessen Gräber bewegende Geschichten erzählen. 

Baierbrunn– Trotz angrenzender Bundesstraße und einer Baustelle in direkter Nachbarschaft ist es still und friedlich auf dem alten Baierbrunner Friedhof. Nur gedämpft dringen die Alltagsgeräusche herauf. Fast könnte man meinen, hier, inmitten der Toten, sei die Zeit stehen geblieben. Seit Jahrzehnten kümmert sich eine acht- bis zehnköpfige Gruppe von Baierbrunnern um den Erhalt des denkmalgeschützten Gottesackers. Einer, der diese Initiative vor über 40 Jahren ins Leben gerufen hat, ist Alfred Hutterer, Gemeindearchivar von Baierbrunn. Der 70-jährige gelernte Werkzeugmacher hat nun die Besonderheiten des Friedhofs in einem Buch zusammengefasst.

Eigentlich sollte der Friedhof 1975 aufgelöst werden. „Doch dagegen protestierten unsere Bürger vehement.“ Die „Pflegegruppe alter Friedhof“, damals bestehend aus Georg Fellermeier, Anton Stoiber und Max Gampenrieder, die alle drei bereits verstorben sind, sowie Alfred Hutterer, versprach, sich von nun an um die 81 Grabstellen und zwei Kriegsdenkmäler zu kümmern.

Schriften und Grabsteine erneuert

„Erstes Ziel war, ihn bis zur 1200-Jahrfeier von Baierbrunn im darauffolgenden Jahr etwas ansehnlicher zu machen.“ Hutterer schaut sich um. „Alles sah aus wie eine Mondlandschaft – Kies, Hügel, Gras, nichts Einheitliches.“ Die aGruppe arbeitete auch nach dem Jubiläum weiter, ließ Schriften erneuern, Grabsteine reinigen, Holzkreuze und sogar ein in den Grabstein eingelassenes Ölbild restaurieren. Finanzielle Unterstützung leisten die Gemeinde Baierbrunn, das Landratsamt München und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege.

„Bis 1977 hatten wir nicht mal einen Brunnen. Das Wasser zum Gießen musste aus dem Gemeindebrunnen über die Hauptstraße geschleppt werden.“ Doch die Gruppe war findig: Als Wasserleitungen gelegt und ein Schacht gegraben worden waren, besorgte Gärtnermeister Stoiber von den Kollegen der Stadtgärtnerei in München einen alten Pflanztrog, der nun als Brunnen diente. Hutterer muss lachen. „Eigentlich ist der Trog ein Olympia-Überbleibsel – er war 1972 auf dem Marienplatz aufgestellt, ging dann aber kaputt.“

Der 70-Jährige geht langsam zwischen den Gräbern entlang. „Eigentlich darf seit dem 1. Oktober 1957 hier keiner mehr beerdigt werden. Dennoch gab es zwei Ausnahmen: Eine Dame wurde 1995 in einem bereits bestehenden Grab neben ihrem Mann beigesetzt, eine andere 1986 bei ihren Eltern.“

Jedes der Gräber erzählt seine eigene Geschichte. „Früher wurde in der Inschrift noch eine Besonderheit genannt, der Beruf oder eine bestimmte Leistung.“ Hutterer deutet auf einen Grabstein. Melkerlehrmeister steht hier geschrieben, oder Straßenwärter. Der Königliche Posthalter hat neben der Kunstkeramikerin die letzte Ruhe gefunden, der Turbinenwärter liegt in Nähe eines Schuhmachermeisters. „Bei den Frauen kam je nachdem der Zusatz ,Kaufmannswitwe’ oder ,Hausbesitzersgattin’ dazu. Man war stolz auf das, was man geleistet hat und wollte das zeigen.“

Nicht alle der Gräber sind in ihrem Ursprung erhalten geblieben. So bedeckte das Grab eines Reichsbahnzugführers ursprünglich eine große, schwere Steinplatte. „Nur war die so schwer, dass man das Grab nicht mehr öffnen konnte, als seine Gattin starb.“ So fand sie ihre letzte Ruhe nebenan. Mittlerweile ist die Grabplatte entfernt, Gras wächst an ihrer Stelle.

Auf dem Grab eines Ehepaars, sie Hebamme, er Maurer, steht anstelle des einst vierteiligem, hohen Grabsteins ein Holzkreuz. „Auf einem alten Foto ist zu sehen, dass die Angehörigen ein Gedicht für das Ehepaar verfasst hatten“, weiß Hutterer und deutet auf ein Bild in seinem Buch. „Ruhet sanft, nichts störe euren Frieden, seid ihr den Lieben auch zu bald entrückt. So seid ihr doch auf ewig nicht geschieden, nur bis das Wiedersehen uns entzückt. Die tief betrübten Hinterbliebenen.“ Der ursprüngliche Stein wurde vermutlich zerstört.

Im Brautkleid begraben

Direkt an der Kirchmauer stehen zwei Obelisken, ein schwarzer und ein grauer. Vater und Tochter liegen hier nebeneinander begraben. „Ihr Tod war sehr tragisch“, sagt Hutterer und deutet auf die Inschrift. „Unsere edle Tochter, Schwester und Braut“ steht hier zu lesen. Einen Tag vor ihrem 23. Geburtstag, der gleichzeitig ihr Hochzeitstag sein sollte, verstarb die junge Frau an einer Krankheit. „Man hat sie in ihrem Brautkleid begraben.“

Wieder ein paar Schritte weiter ist an einem Familiengrab ein kleines Bild angebracht: Ein kleines Mädchen mit einer weißen Schleife im Haar. „Kaum 4 1/2 Jahr war ich alt, mußt ins kühle Grab, muß hier in diesem Blumengarten auf meine lieben Eltern warten!“ steht in alter Schrift dabei. „So erzählt jedes Grab vom Leben“, sagt Hutterer und schließt das große schmiedeeiserne Tor hinter sich. Bald ist er wieder zurück, gemeinsam mit den anderen Ehrenamtlichen, um auf dem Friedhof das Gras zu mähen und das ein oder andere Grab auf Vordermann zu bringen. Und um weiter den Geschichten der Toten zuzuhören.

Das Buch

„Der alte Friedhof von Baierbrunn“ von Alfred Hutterer, erschienen im Selbstverlag, kann bei dem Autor eingesehen und erworben werden.

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