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Blick auf ein vergangenes Baierbrunn - Bier und Leberkäs nach der Sitzung

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Von: Andrea Kästle

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Das alte Rathaus von Baierbrunn.
Das alte Rathaus von Baierbrunn, errichtet 1957, in einer Ansicht von 1972. Die Bürgermeister August Tauschek, Josef Stockinger, Adalbert Rost und Christine Kammermeier haben hier die Sitzungen geleitet - und „entscheidende Weichen gestellt“. Unten im Erdgeschoss befanden sich erst Raiffeisenbank und Post, später dann das Einwohnermeldeamt. Der ehemalige Bürgermeister Wolfgang Jirschik (ÜWG) ist sich aber sicher, dass auch unten mal getagt worden ist. Anfangs bestand die Verwaltung genau aus zwei Leuten - aus Anni Höpfl im Vorzimmer und der Kämmerin, die aber nur halbtags gearbeitet hat. © Archiv Gemeinde

Bei der Betrachtung des alten Baierbrunner Rathauses tauchen für viele ältere Baierbrunner Erinnerungen auf. Wir haben uns umgehört.

Baierbrunn – Die Gemeinde Baierbrunn trägt sich mit dem Gedanken, das alte Rathaus zurück zu kaufen, das in den 80er Jahren von Rolf Becker erworben worden ist. Bei einigen Baierbrunnern kommen, wenn sie das Gebäude sehen, viele Erinnerungen hoch – im ersten Stock, wo damals die Sitzungen stattgefunden haben, wurde Baierbrunner Geschichte geschrieben.

„Damals wurden genau die Weichen gestellt für die Entwicklung des Ortes, wir haben in diesen Räumen alles entschieden“, sagt heute Christine Kammermeier, die SPD-Altbürgermeisterin, die ab 1972 im Gemeinderat saß und später, ab 1987, 20 Jahre lang die Geschicke des kleinen Ortes gelenkt hat. In ihrer Amtszeit sind der Regenwasserkanal begonnen und der Schmutzwasserkanal fertig gebaut worden, „es hätte sonst bei uns einen absoluten Baustopp gegeben“. Schon vorher hatte verhindert werden können, was ebenfalls im Raum stand: dass Baierbrunn, das damals rund 2800 Einwohner hatte, ein zweites Taufkirchen wird mit Trabantensiedlung hinter der neuen Kirche St. Peter und Paul und am Ende 6000 Einwohnern.

Damals durfte noch geraucht werden

Dabei ist lustigerweise, wenn man mit den Gemeinderäten, die damals im Gremium saßen und die heute noch leben, neben Kammermeier also mit Rudi Zins und Horst Heuschkel (beide ÜWG), eins der ersten Dinge, die die Beteiligten erzählen: dass zu der Zeit noch geraucht werden durfte: „Man hat den Nachbarn gar nimmer gsehn“, berichtet Zins. Er, Gründungsmitglied der ÜWG, ist 94, ab 1966 und bis vor zwölf Jahren saß er im Gemeinderat, er war 20 Jahre lang zweiter Bürgermeister. Vor allem der Bauer Josef Rothmeier und Josef Stockinger, der Großvater des jetzigen Feuerwehrkommandanten und ÜWG-Bürgermeister von 1975 bis 1978, hätten gequalmt. Es gab auch Gemeinderäte, die sich gerne Zigarrenstumpen ansteckten, der Babl Sepp etwa, der später die Müllabfuhr machte.

Eine halbe Bier nach der Sitzung

Und eins war ebenfalls ganz klar: Wie sehr auch immer gerungen worden ist um Meinungen während der Sitzungen im Gemeinderat – hinterher, spätestens gegen 22.30 Uhr, ging man dann gemeinsam rüber in die Post auf eine halbe Bier. „Da haben wir dann geschaut, dass wir noch einen Leberkäs bekommen oder einen schwarzen Pressack“, erinnert sich Kammermeier. Sie war 1972 die erste Frau im Gemeinderat, sie sagt: „Ich hab mich kaum rühren dürfen, schon bin ich beobachtet worden“, geflissentlich hörte sie drüber hinweg, wenn Rathauschef August Tauschek die Sitzungen wieder einleitete mit der Floskel: „So, meine Herren!“

„Ich hab mal Rauchverbot beantragt, es war wirklich extrem mit dem Qualm“, erzählt Kammermeier, sichtlich amüsiert. Auch sie weiß, dass der eingefleischte SPDler Tauschek ein meinungsstarker Mensch war, den man so leicht nicht von anderen Ansichten überzeugen konnte. Horst Heuschkel sagt über ihn: „Was der Tauschek angegeben hat, wurde ausgeführt.“ Zins erinnert sich, dass der Bürgermeister, wenn Bauanträge zur Genehmigung vorlagen, gern einfach gemeint habe: „Da könnt’s Ihr zustimmen.“ Das habe man dann auch gemacht, damals sei ohnehin noch eher bescheiden gebaut worden in der Gemeinde. Beschlussvorlagen habe es noch nicht gegeben, Ausschüsse sowieso nicht.

Verleger kaufte Konradshöhe

Aber auch sonst wurden in dem schlauchartigen Sitzungssaal mit Kruzifix an der Wand und einem Büroschrank wichtige Entscheidungen getroffen. Noch ehe das Gremium dann Mitte der 80er umzog ins jetzige Rathaus, den alten Bauernhof der Ketterls, hatte Verleger Rolf Becker die Gemeinde für sich entdeckt. Er kaufte die Konradshöhe und baute sie für seine Wohnzwecke um, nach und nach verleibte er ein Grundstück nach dem anderen östlich der B 11 seinem Besitz ein. Aber Becker, da sind sich die Kommunalpolitiker von damals einig, sei immer sehr fair gewesen und habe verlässlich gezahlt. Als irgendwann rauskam, dass außer ihm auch ein Baierbrunner Interesse habe, das Alte Rathaus zu kaufen, bot er sofort an, sich zurückzuziehen. „Er rief bei uns an und sagte, er wolle keinem Baierbrunner im Weg stehen“, erzählt Kammermeier. Am Ende bekam er das Gebäude trotzdem.

Dann wurde ein Einheimischenprogramm aufgelegt

Gleichzeitig wurde vom Gemeinderat irgendwann das erste Einheimischenprogramm aufgelegt in Buchenhain West, die altengerechten Wohnungen am Sattlerkreuz wurden gebaut, das Sport- und Bürgerzentrum errichtet vom Architektentrio Eicher, Hitzig, Langer. „Es ging Schlag auf Schlag“, irgendwann gab es dann auch ein Ein-Mann-Bauamt, bestehend aus Horst Schömer. Und: Ein Flächennutzungsplan wurde aufgelegt, eine „Riesen-Arbeit“, und auch das kleine Baierbrunn stemmte sich gegen den geplanten Südring.

„Eigenwillig simma alle, gstritten hamma nie, nur diskutiert“, sagt Rudi Zins über dass Klima, das damals im Gemeinderat geherrscht habe. Anfangs habe man sogar zu Beginn der Sitzungen noch ein Bier bekommen. Und irgendwann dauerten die Beratungen dann so lang, dass keine Zeit mehr blieb, um rüberzuwechseln in die Post. Zins: „Die Bürokratie hat alles aufgefressen.“

Christine Kammermeier und Rudi Zins.
„Das allgemeine Wohlwollen Baierbrunn gegenüber ist bei den Sitzungen immer im Zentrum gestanden“: Christine Kammermeier und Rudi Zins. Als die beiden Gemeinderäte waren, gab es in Baierbrunn nur zwei Fraktionen – die SPD und eine freie Liste, aus der dann CSU und ÜWG hervorgingen. © Andrea Kästle
Bürgermeister August Tauschek mit Frau Olga.
Bürgermeister August Tauschek mit Frau Olga. Wie alle Bürgermeister vor dem jetzigen Rathauschef Patrick Ott war auch er ehrenamtlich im Job, sein Geld verdiente er als Beleuchter in Geiselgasteig. Um keinen Anruf zu versäumen, wenn er im Garten war, ließ er fürs Telefon einen Außenanschluss legen. © Foto: Familienarchiv Tauschek

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