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Das afghanische Generalkonsulat soll in dieses Haus in Grünwald einziehen. Das Schild ist da, die Erlaubnis nicht.

Berlin, Grünwald und Absurdistan

München - In exklusiver Wohnlage soll ein afghanisches Generalkonsulat eröffnen. Die Fahne weht schon, doch die Genehmigung steht bislang aus.

Die afghanische Flagge weht über Grünwald: Schwarz-rot-grün flattert sie im eiskalten Wind. Sicher behütet hinter einer weißen Mauer. An dem Schutzwall prangt ein güldenes Schild: „General Konsulat der Islamischen Republik Afghanistan – München“, steht darauf geschrieben. Die Adresse: Nördliche Münchner Straße 12. Die Geschichte dahinter: chaotisch. Die Villa in exklusiver Wohnlage soll als Auslandsvertretung des kriegsversehrten Landes dienen. Doch die Eröffnung verzögert sich. Und niemand will sagen, warum.

Alles begann, so erzählt man sich, mit Hamid Karzai. Der Präsident Afghanistans soll sich eine weitere Auslandsvertretung in Deutschland gewünscht haben. Seine Botschaft steht in Berlin, zusätzlich gibt es ein Generalkonsulat in Bonn. Nun sollte München als dritter Standort herhalten. Das Land am Hindukusch schaltete das Auswärtige Amt in Berlin ein und brachte damit den Stein ins Rollen. Doch er rollt nur langsam. Sehr langsam.

Das Auswärtige Amt macht ein Staatsgeheimnis aus der Angelegenheit und bestätigt lediglich, dass die afghanische Regierung eine entsprechende Anfrage gestellt hat. Alle weiteren Nachfragen werden abgebügelt. Während in Grünwald längst das Schild montiert wurde, will man sich in Berlin nicht einmal dazu äußern, ob das Konsulat überhaupt kommt.

Das Schweigen brachen Beteiligte der Münchner Sicherheitskonferenz und verrieten unserer Zeitung, dass Außenminister Guido Westerwelle die Vertretung eigentlich am 3. Februar, dem Tag des Siko-Starts, eröffnen wollte. Recherchen bei der bayerischen Immobilienverwaltung ergaben, dass der Mietvertrag für das Gebäude in Grünwald bereits im Sommer letzten Jahres unterschrieben wurde. Es schien alles unter Dach und Fach zu sein. Doch dann wurde der Termin offenbar verschoben. Auf unbestimmte Zeit. Warum – das ist ein Rätsel.

Möglicherweise ist eine Behörden-Panne schuld. Das Auswärtige Amt braucht diverse Genehmigungen von Landesbehörden, bevor ein neues Generalkonsulat seinen Betrieb aufnehmen darf. So muss sich das bayerische Innenministerium zur Sicherheitslage äußern und das Landratsamt München zum Baurecht.

Doch beim Landratsamt sind die Unterlagen nie eingetroffen. „Wir sind darüber informiert, dass ein Konsulat eröffnen soll“, bestätigt eine Sprecherin. „Mehr wissen wir nicht.“ Man rechne jetzt damit, dass die Dokumente demnächst eintreffen werden. Denn ohne Unterlagen, keine Prüfung. Und ohne Prüfung kein Konsulat.

In politischen Kreisen aus Bayern wird gemunkelt, Berlin habe den Brief versehentlich an die Münchner Lokalbaukommission geschickt – die für Grünwald aber nicht zuständig ist. Doch auch hier weiß man von nichts. „Der Brief wäre uns sicher aufgefallen“, sagt eine Sprecherin. „Aber er ist komplett unbekannt.“

Von solchen Tücken der deutschen Behörden ahnten die Afghanen freilich nichts. Bereits vor Weihnachten stattete der Generalkonsul dem Grünwalder Bürgermeister in freudiger Erwartung seinen Antrittsbesuch ab. „Er hat mich gefragt, ob er die Fahne aufstellen darf“, berichtet Jan Neusiedl. „Da habe ich erfahren, dass er sich hier niederlassen möchte.“ Gegen die Fahne hatte er nichts einzuwenden. Also weht sie jetzt – Genehmigung hin oder her.

Wann die endlich kommt, scheint keine der beteiligten Behörden sagen zu können. Wo die notwendigen Dokumente gelandet sind, das ist die Frage. Der einzige Trost: Eine große afghanische Gemeinde, deren Geduld auf die Probe gestellt wird, gibt es in Grünwald nicht. Die Zahl der gemeldeten Personen: Eine. Drückt man auf die Klingel an Hausnummer 12, öffnet bisher niemand die Tür.

Thomas Schmidt

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