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Berlin im Bilderrahmen: Andrea von Coburg mit dem Erinnerungsfoto ihrer Jugendfreunde. 

Ein Stück Berliner Mauer auf Reisen

Pollys Herz auf Beton

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Oberhaching - Seit dem 3. Oktober 1990 ist Deutschland wieder eine Einheit. Wenige Monate vor dem historischen Tag sprühen drei junge Männer eine Abschiedsbotschaft für ihre Freundin auf ein Stück der Berliner Mauer. Ein Vierteljahrhundert später finden sie den Gruß wieder – am anderen Ende der Welt.

Die Reise von Pollys Herz beginnt in Berlin. Zwischen dem vierten und fünften Abschiedsbier steht auf einmal die alte Gang vor Andrea von Coburg. Lupo, Gypsy und Robin. Mit ihnen war sie die vergangenen zehn Jahre in aufgemotzten VW Käfern durch Westberlin gezogen, mit ihnen hatte sie entlang der Mauer ihre Nächte durchgefeiert. Jetzt aber geht sie nach München. Und die große Abschiedsparty in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin-Zehlendorf ist der letzte Akt vorm endgültigen Tschüss. Deshalb haben sich die drei ein Andenken unter die Arme geklemmt. Sie drücken Andrea von Coburg, alle nennen sie Polly, einen silbernen Bilderrahmen in die Hand. Darin ein Foto, das die abtrünnige Polly für immer an ihre Gefährten erinnern soll. Dass ihnen wegen dieses Bildes 25 Jahre später die Kinnlade entgleiten würde, war den beseelten, aber doch etwas wehmütigen Partygästen im August 1990 natürlich noch nicht klar.

Neun Monate vorher war die Berliner Mauer, das greifbare Symbol des Eisernen Vorhangs, gefallen. Und damit begann das Geschäft. Stück für Stück wurden die mausgrauen, oft mit Graffiti verzierten Betonteile versteigert. Und verteilten sich so als Mahnmal für die Freiheit auf der ganzen Welt. Zwei Mauerbrocken landeten in Mountain View, 75 000 Einwohner, nicht weit von San Francisco im Silicon Valley. Lange diskutierte der Stadtrat, wohin mit den Stücken, die ein dort lebendes Pärchen irgendwann erstanden und 2012 gespendet hatte. Die Wahl fiel schließlich auf einen Platz vor der örtlichen Bibliothek. Statt der Parkbank steht dort nun Berliner Beton. Auf einem der beiden Mauerstücke ist ein schwarz-rot-goldenes Herz gesprüht. Und die kurze aber klare Botschaft: „Wir lieben dich Polly.“

Polly, die mittlerweile kaum mehr Polly genannt wird, sitzt an ihrem schwerhölzernen Küchentisch in Oberhaching und fährt mit dem Zeigefinger am Bilderrahmen entlang. Sie muss immer wieder lächeln, wenn sie darüber nachdenkt, welche Geschichte dieses Foto heute erzählt. Das Bild zeigt Gypsy, Lupo und Robin. Sie lehnen schief aneinander. Wie Bücher im Buchregal, nachdem eines herausgezogen wurde. Die Berliner Mauer verhindert, dass sie umfallen. Lupo hat noch das Kabel für den Selbstauslöser in der Hand. Die Spraydosen, mit denen die drei ein schwarz-rot-goldenes Herz samt Liebesbekenntnis an die Mauer gesprüht haben – neben Micky Maus und einem hingeschmierten Penis – hat die Kamera gerade so nicht mehr eingefangen.

„Tolle Idee, oder?“, sagt Andrea von Coburg und blickt auf das Foto. Die perfekte Erinnerung. Das Bild hängt in ihrem Atelier, seit sie vor 25 Jahren beschlossen hatte, mit ihrem Mann nach München zu gehen. Der Ort, an dem das Bild entstanden ist, fällt der 54-Jährigen nicht mehr ein. Sie greift zum Handy, wählt Robins Nummer. „Hallo? Ja? Det war am Engelbecken, Berlin-Mitte“, sagt er und lacht. Die Freundschaft lebt. Bei jedem Berlin-Besuch wird Andrea von Coburg zu Polly und trommelt die alte Gang zusammen. Lupo und Robin zumindest, Gypsy sieht sie nur noch selten. Dabei war er es, der ihren Spitznamen schuf. „Andrea von Coburg, kurz AvC. Klingt wie PVC, Polyvinylchlorid. Polly.“ Beschlossene Sache. „So war Gypsy“, sagt Andrea von Coburg und lächelt.

Lupo war es, der den schwarz-rot-goldenen Abschiedsgruß nach all den Jahren wiederentdeckte. Am 9. November des vergangenen Jahres surfte er im Internet, genau ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall. Als er Google öffnete, liefen in einem Bilderstreifen Fotos der Berliner Mauer über seinen Bildschirm. Und auf einmal war es da. Genau das Stück, vor dem die drei damals posierten. Mit der Bibliothek von Mountain View im Hintergrund. „Ey, det gibt’s ja nich’“, dachte er. Beim nächsten Treffen mit Polly und Robin gab es nur ein Gesprächsthema.

Und jetzt? „Ja, das fänd ich schon witzig, da mal hinzufliegen“, sagt von Coburg. Bei der Bibliothek haben sie sich schon gemeldet. Die fanden ihre Geschichte wunderbar. „Ich dachte ja, die könnten uns mal einladen.“ Denkste, es blieb ruhig, obwohl amerikanische Medien gierig berichteten über „die geheime Geschichte des Berliner Mauerstücks“. Also muss die alte Gang wohl noch einmal gemeinsam ausfliegen. Und vor Pollys Herz ein neues Foto machen.

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