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Die Familie hält zusammen: Jessicas Freund Tobias (l.) und ihre Eltern Veiko und Janet Lohse hoffen, dass die 26-Jährige ihr Bewusstsein zurückerlangt.

„Gott hat uns unsere Jessi gelassen“

Besuch bei der Familie der Polizistin, die in Unterföhring angeschossen wurde

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Ein psychisch kranker Mann schießt einer Polizistin an einem S-Bahnsteig in den Kopf. Die Frau überlebt schwer verletzt und befindet sich seitdem im Wachkoma. Wie die Familie mit dem Schicksalsschlag umgeht.

Brand-Erbisdorf – „Sie lebt noch, Frau Lohse. Sie lebt noch!“ Das waren die Worte der Seelsorgerin an der Haustüre in Brand-Erbisdorf in Mittelsachsen. Fünf Polizisten waren an ihrer Seite. Dann haben sie Janet Lohse, 48, erzählt, was ihrer Tochter Jessica wenige Stunden zuvor in Unterföhring zugestoßen war. Das war am 13. Juni. Jetzt, ein halbes Jahr später, kurz vor Heiligabend, sitzt Janet Lohse in ihrem Wohnzimmer und wischt sich eine Träne von der Wange. Daneben: Ehemann Veiko, 51, und Jessicas Freund Tobias, 28, der in die Heimat gefahren ist, um die Liebe seines Lebens in der Rehaklinik zu besuchen. Die Erinnerungen an den Tag, der das Leben der Familie ins Wanken brachte, schmerzen noch immer.

Janet zeigt ein Bild ihrer Tochter aus dem Jahr 2009. Stolz blickt Jessica in die Kamera. Sie trägt eine Polizeiuniform, die rechte Hand an der Dienstwaffe. „Sie hat so hart darauf hintrainiert“, sagt Janet. Eigentlich wollte Jessi – so nennen sie Freunde und Verwandte – Gerichtsmedizinerin werden und zuvor eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. Den Vertrag hatte sie bereits unterschrieben. Ein Bekannter, der als Polizist arbeitet, brachte sie dann aber auf die Idee, Beamtin zu werden.

„Sie war sportlich, aber Rennen war nie ihr Ding“, erinnert sich Mama Janet. „Wochenlang hat sie auf dem Sportplatz um die Ecke geackert.“ Laufen, Schwimmen, Bockspringen, ihre Mutter nahm sie mit ins Fitnessstudio. Alles, um die Prüfung zu bestehen. „Jessi hatte nicht immer Lust. Manchmal hing ihre Zunge bis zum Boden. Aber sie hat es geschafft“, sagt Papa Veiko stolz und fügt mit einem sanften Lächeln an: „Ich hätte den Test auch bestanden, so fit wie ich nach dieser Zeit war.“ Den Theorieteil meisterte Jessica problemlos, das Lernen fiel ihr leicht. „In der Schule gab’s nie Schwierigkeiten“, sagt Janet. „Was Jessi im Unterricht aufschnappte, das merkte sie sich.“

„Das Einzige, was wir tun konnten, war, bei ihr zu sein.“

Weil sie in Sachsen ein Jahr hätte warten müssen, verschlug es Jessica nach Bayern. Mit Tobias zog sie nach Allershausen im Kreis Freising, gehörte zunächst der Einsatzhundertschaft in Dachau an. Doch Jessica wollte mehr. Zwei Jahre Studium, gehobener Dienst. Die Belohnung: In der Polizeiinspektion in Ismaning wurde sie stellvertretende Gruppenleiterin – und im Mai auf Lebenszeit verbeamtet. Doch einen reinen Bürojob konnte sich Jessica nicht vorstellen. Schichtdienst, raus auf die Straße. „Nicht nur des Geldes wegen“, betont Mutter Janet. „Sie brauchte immer Action“, sagt Freund Tobias. Jessica habe sich gelegentlich beschwert, dass am Stadtrand nichts los sei. Für ihren Freund war das umso beruhigender. „Ich wusste, dass es für sie dort ungefährlicher ist.“ Das Paar hatte in München eine neue Heimat gefunden. „Sie haben sich ein schönes Leben aufgebaut“, sagt Janet, „und eine tolle Wohnung gefunden.“ Auch den Eltern gefiel es in Bayern. „Wir haben uns auf Enkelkinder gefreut und hätten unsere Rente gerne in München verbracht“, sagt Veiko. „Das war der Plan.“

Mutter Janet zeigt ein Bild ihrer Tochter aus dem Jahr 2009. Stolz blickt Jessica in die Kamera. Sie trägt eine Polizeiuniform, die rechte Hand an der Dienstwaffe.

Im Sommer wurde dieser Plan zerstört. Als Jessica schwer verletzt am Bahnsteig zusammenbrach, waren ihre Eltern und ihr Freund bei der Arbeit. Veikos Kollegen im Stanzwerk hörten im Radio von der Schießerei. „Sie haben mich gefragt, ob es meiner Tochter gut gehe“, erzählt der Vater. Er schickte eine Nachricht. „Jessi, alles in Ordnung?“ Keine Antwort. Auch Jessicas Freund Tobias meldete sich nicht. Er rief seine Frau an. Am Telefon war nicht Janet, es meldete sich ein Polizist. Es sei etwas passiert, sagte der Beamte. „Ihrer Tochter wurde in den Kopf geschossen.“

Minuten-Protokoll zur Schießerei in Unterföhring

Ein Polizeihubschrauber flog Janet und Veiko nach München. „Wir wollten so schnell wie möglich zu Jessi“, sagt die Mutter. Um 18.30 Uhr setzte der Helikopter auf dem Dach des Klinikums rechts der Isar auf. Da war Jessica bereits operiert. „Sie hatte den Kopf eingebunden. Überall Schläuche und Maschinen“, erzählt Papa Veiko mit zitternder Stimme.

Die Eltern starrten stundenlang auf die Monitore. Jessicas Gehirn war durch die Verletzungen angeschwollen. Der Druck in ihrem Kopf stieg an, der Tod drohte. „Das war grausam“, sagt Janet. „Sie liegt dort und man selbst ist machtlos. Das Einzige, was wir tun konnten, war, bei ihr zu sein.“ Jeden Tag, morgens bis spätabends. Die Tochter beobachten, versuchen, das Unfassbare zu begreifen. Und hoffen, dass sie es schafft. Auch Tobias war ständig an ihrer Seite. „Man hat mich auf ihren Anblick vorbereitet“, sagt er. „Als ich sie sah, war ich fertig. Wenige Stunden zuvor hatten wir noch lebhaften Kontakt. Für mich war das unbegreiflich.“

Zwei Wochen lang war Jessicas Schicksal ungewiss. „Die Ärzte haben uns wenig Hoffnung gegeben“, sagt Janet. Der schlimmste Tag kam, als die Mediziner offenbar nicht mehr an ein Wunder glaubten – der Druck in Jessicas Kopf war weiter gestiegen. „Es war an der Zeit, uns zu verabschieden“, sagt Veiko. „Da bin ich neben Jessis Bett zusammengebrochen. Ich brauchte einen Rollstuhl. Dabei wollte ich der starke Papa sein.“

An Heiligabend schaut die Familie „Drei Nüsse für Aschenbrödel“. Jessi liebt den Film

Was dann geschah, erklärt sich Veiko so: „Jessi hat unsere Verzweiflung gespürt. Irgendwie hat sie den Hebel umgelegt. Denn ab diesem Tag ging es aufwärts.“ Der Hirndruck sank. Ein Arzt sagte: „Herr Lohse, Ihre Tochter hat entschieden. Sie wird weiterleben.“ Jessicas Werte besserten sich, der Blutdruck wurde stabil, ihre Organe waren gesund und stark. Obwohl Veiko weiß, dass seine Tochter nie wieder ganz gesund werden wird, hofft er, dass sie eines Tages doch wieder das vollständige Bewusstsein erlangt. „Wir nehmen uns Zeit“, sagt er, „kleine Fortschritte sind ein Erfolg.“ Janet ist sich sicher: „Gott hat uns unsere Jessi gelassen.“

Obwohl Vater Veiko weiß, dass seine Tochter nie wieder ganz gesund werden wird, hofft er, dass sie eines Tages doch wieder das vollständige Bewusstsein erlangt.

Der Zustand der Tochter bestimmt den Rhythmus. „Geht es Jessi gut, geht es uns gut“, sagt Janet. Gedanken an den Täter verschwendet die Familie nicht. „Der interessiert uns nicht“, sagt die Mutter. „Aber er muss wirklich krank sein.“ Wenn Alexander B., der Täter, sich im nächsten Jahr vor Gericht wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchten Mordes verantworten muss, ist Familie Lohse nicht dabei. „Wir verfolgen das am Rande“, sagt Janet Lohse. Aber zum Prozess kommen sie nicht.

Nach 13 Wochen Intensivstation wurde Jessica in eine Rehaklinik in ihrer sächsischen Heimat verlegt – eine Autostunde vom Elternhaus entfernt. Spezialisten pflegen und therapieren die 26-Jährige. Jessica liegt im Wachkoma, kann weder sprechen noch sich bewegen. Aber ihre Augen sind geöffnet. Sie reagiert vor allem auf akustische Reize, erzählen die Eltern. Janet und Veiko besuchen sie täglich, natürlich auch an Heiligabend. „Es ist ein Tag wie jeder andere“, meint Veiko, überlegt kurz und korrigiert: „Stimmt nicht ganz. Um 15 Uhr schauen wir Drei Nüsse für Aschenbrödel. Den Film hat Jessi schon immer gerne gesehen.“

Im September wendeten sich die Eltern und der Lebensgefährte von Jessica Lohse mit emotionalen Worten an die Öffentlichkeit.

Johannes Heininger

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