Bewährung für 43-Jährigen

Steffis Eltern sind entsetzt über Stalker-Urteil

München - Er hat seine Ex-Kollegin wochenlang belästigt und mit einer Todesanzeige in Angst und Schrecken versetzt. Am Mittwoch kam der Peiniger vor Gericht mit einer Bewährungsstrafe davon. Die Eltern des Opfers sind entsetzt.

Als freier Mann verlässt der Peiniger der 18-jährigen Stefanie K. aus Ismaning den Gerichtssaal. Mit Entsetzen und Tränen reagierten Verwandte und Freunde: ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung und 5000 Euro Schmerzensgeld Strafe für drei Monate Psychoterror.

Steffis Tante bricht weinend zusammen, als sie das Urteil hört. Ihr Opa lässt den Kopf verzweifelt in die Hände sinken, die Oma schaut fassungslos, und die Eltern blicken starr vor sich hin. Christoph Klaus L. kann nach Hause gehen.

Natürlich legt das Gericht dem 43-jährigen Angeklagten ein Kontaktverbot auf. Keine SMS, keine E-Mails, keinen Anruf, nichts. In einer 100-Meter-Bann-Zone muss er Steffi meiden. Auch einer Psychotherapie muss er sich unterziehen. Von Depressionen, Selbstunsicherheit und schizophrener Persönlichkeitsstörung ist die Rede.

Drei Monate lang hatte er mit E-Mails und SMS Steffi vergangenen Sommer anonym nachgestellt (wir berichteten). Staatsanwalt Georg Decker, der eine zweijährige Freiheitsstrafe forderte, sprach vom „schweren, psychischen Martyrium“ für Tochter und Mutter. Der Täter war Steffis Arbeitskollege; ihm hatte sie vertraut und von den so schlimmen Bedrohungen erzählt. Doch der Buchhalter machte weiter, verwies in einer SMS sogar auf den schrecklichen Fall der Österreicherin Natascha Kampusch: „Das kann überall zu jederzeit wieder jemanden widerfahren“. Steffi bekam Angstzustände und Panikattacken, traute sich nicht mehr allein aus dem Haus. Öffentlich bekannt wurde der Fall, als L. eine perfide Todesanzeige mit dem Text „Unsere liebe Steffi hat uns heute für immer verlassen“ veröffentlichte. Sechs Tage später wurde er gefasst. Alle Beteiligten lobten gestern die Ermittlungsarbeit der Polizei.

Fünf Monate saß der 43-Jährige in Untersuchungshaft – bis gestern. Der Psychiater stufte ihn als voll schuldfähig ein. Dunkel bleibt sein Motiv für die Tat. Geltungssucht, Machtausübung, die perverse Freude, das Leben eines Einzelnen zu manipulieren, eine „abartige Möglichkeit, sich dem Opfer näher zu fühlen“, wie der Staatsanwalt vermutet. Nicht einmal L. selber scheint es zu wissen. Die Beziehung zu seiner Mutter und vier Brüdern soll schlecht sein. Er soll unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden. Bei Gericht wirkt der kleine Mann mit dem ungepflegtem Vollbart wie unbeteiligt. Die Stimme ist brüchig und unsicher.

„Irgendwann musste der Tag kommen, dass er wieder auf freien Fuß kommt“, resümiert Gerlinde K., die Mutter des Stalking-Opfers, erschöpft nach der Verhandlung, während der sie immer wieder weinen muss. Die entsetzliche Angst um Steffi hatte bei ihr einen Rheumaschub ausgelöst. Auch alte Angstzustände aus eigenen Kindertagen brachen wieder auf. Als Nebenklägerin kommt sie dennoch zur Verhandlung: „Ich wollte ihn sehen, um das bewältigen zu können. Aber Steffi hätte das nicht geschafft.“ Dass der Täter durch sein Geständnis ihr die Aussage erspart, wird ihm zugute gehalten.

Dennoch, die Angehörigen sind fassungslos ob des ihrer Meinung nach milden Urteils. „Jeder Verkehrssünder bekommt mehr als der“, bricht es aus Steffis Tante bitter heraus: „Was er in den drei Monaten allen angetan hat, kann sich keiner vorstellen.“

Richter Robert Grain versteht diese Sehnsucht nach gerechter Sühne: „Aber Rache?! Das ist es doch nicht. Es geht um ausreichende Sanktionen, mehr können wir strafrechtlich nicht tun.“ Er wendet sich an L.: „Das ist echt krass, was Sie getan haben. Ein Wahnsinn, sich auch noch als Vertrauter zu geben, wirklich schlecht. Sie wissen, wenn Sie auch nur einmal anrufen, sperre ich Sie sofort ein.“

Annette Ganssmüller-Maluche

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