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Die Bewahrer des Wagnerhauses

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Noch heute gemütlich: (v.l.) Uta Schier, Gabriele Gebhard, die elfjährige Lisa und ihre Großmutter Hannelore Thöner sitzen am Kachelofen des Wagnerhauses. foto: dv
Noch heute gemütlich: (v.l.) Uta Schier, Gabriele Gebhard, die elfjährige Lisa und ihre Großmutter Hannelore Thöner sitzen am Kachelofen des Wagnerhauses. foto: dv

Oberhaching - Er ist ein Kleinod in Oberhaching. Sie kümmern sich um ihn. Die Mitglieder des „Heimatvereins Freunde Wagnerhaus“ haben es sich zur Aufgabe gemacht, die 300 Jahre alte Sölde im Ortskern zu bewahren, ihre Geschichte zu erforschen. Dabei spielen sie oft Detektiv. Wie im Falle eines Katzenskeletts.

„Das alte Wagnerhaus war Heimat für so viele Generationen von Menschen, daher ist es uns besonders wichtig, dass für die Besucher hier Geschichte lebendig und greifbar wird“, meinten Uta Schier, Gabriele Gebhard und Hannelore Thöner, alle drei Gründungsmitglieder des „Heimatvereins Freunde Wagnerhaus“, die sich seit der Eröffnung des renovierten Hofs 2007 um die denkmalgerechte Erhaltung und Pflege des historischen Wagnerhauses kümmern.

Der alte Hof versteht sich nicht als Museum oder Sammlung, sondern als Ort, wo der heutige Mensch sich in das Alltagsleben einer Zeit einfühlen kann, in der es noch keine motorisierten Verkehrsmittel, schnelle Medien wie Internet und Fernsehen oder tiefgekühlte Fertiggerichte gab. „Bis vor nicht allzu langer Zeit waren die Leute auf dem Land vor allem damit beschäftigt genügend Essen auf den Tisch zu bekommen oder auch Holz heranzuschaffen, um den Winter gut zu überstehen“, sagte Hannelore Thöner.

Bei Führungen, die Mitglieder des Vereins ehrenamtlich an jedem ersten Sonntag im Monat anbieten, können die Besucher spannende neue Facetten des bäuerlichen Lebens von anno dazumal entdecken und erfahren interessante Geschichten und Anekdoten. So wurden bei der Sanierung des Gebäudes 2005 zwei mumifizierte Katzenskelette im Eingangsbereich der Tenne entdeckt. „Beide wurden vermutlich dort als Abwehrzauber gegen böse Geister vergraben“, weiß Uta Schier aus zahlreichen Aufzeichnungen der Zeit um das Jahr 1700.

Ein erster Kaufbrief stammt schon aus dem Jahr 1656, als ein Mann namens Hannes Gässler aus Schongau den Hof erworben hat. „Es war ein Riesenglück, dass die notariellen Belege seit dem 30-jährigen Krieg erhalten geblieben sind“, freute sich Schier. Das jetzige Haus wurde 1721 von Georg Gässler, dem Sohn des Vorbesitzers, erbaut. „Vermutlich war der Hof zu diesem Zeitpunkt bereits marode, da er keinen gemauerten Untergrund hatte“, berichtete Schier. Sie forscht derzeit nach, ob das Kloster Dietramszell, eigentlicher Grundherr des Bauernhofs bis zur Säkularisation, das Holz für den Neubau bereitgestellt hat.

Seit rund vier Jahren leisten die Vereinsmitglieder regelrechte Detektivarbeit und konnten mittlerweile zehn Generationen unterschiedlicher Familien festmachen, die im Wagnerhaus gelebt haben. „Zum Teil erfuhren wir sogar Einzelschicksale, die einen noch deutlicheren Blick auf die jeweilige Zeit ermöglichen“, betonte Schier.

Schnell wurde klar, dass das Auskommen für die Bewohner des Kleinbauernhofes, der einzigen Sölde unter den damals 14 Höfen im Dorf Deisenhofen, schwierig gewesen sein muss. Neben kleinen Äckern, wo Kartoffeln und Getreide angebaut wurden, gab es Weidegrund für Tiere und auch etwas Wald, um „Holz zu machen“. Beim Haus sorgten Obstbäume und ein Gemüsegarten für frische Zutaten in der Küche. „Im Garten gab es wahrscheinlich auch Blumen, die jedoch hauptsächlich als Heilpflanzen angebaut wurden“, vermutete Thöner.

Besonderes Anliegen des Vereins ist es außerdem, den Kindern das Leben ihrer Vorfahren nahezubringen. Schulklassen und Vorschulkinder aus den Kindergärten sind daher regelmäßig zu Gast im Wagnerhaus. „Natürlich gestalten wir die Führungen kindgerecht und lebendig“, sagte Thöner. Voller Begeisterung berichtete sie, dass sie hin und wieder auf Führungen für Erwachsene erlebt, wie ein Kind sie ruft und stolz erklärt, dass es die Eltern oder Großeltern hergebracht hat und „nun selber durch das Wagnerhaus führt“.

„Für die Kinder ist es faszinierend, beispielsweise die alte, ramponierte Schiefertafel der letzten Bewohnerin des Wagnerhauses, Anna Demmel-Hofmann, zu sehen, die dort 1895 geboren wurde und bis zu ihrem Tod 1991 lebte, oder sich zu überlegen, welche Spiele sie als Kind mit ihren Freunden wohl machte“, sagte Thöner.

von Birgit Davies

Die nächsten Führungen

finden am Sonntag, 2. Juni, von 14 bis 17 Uhr statt.

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