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Verborgenes Idyll: Beim Bau der Autobahnansschlussstelle ist, bislang fast unbemerkt, ein neuer Baggersee entstanden.

Verborgenes Idyll

Bloß kein Remmidemmi wie am Feringasee

Unterföhring - Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit ist in Unterföhring ein neuer Baggersee entstanden. Erste Badegäste haben das verschwiegene Idyll für sich entdeckt, sie sind über den umlaufenden Wall geklettert und haben im Grundwasser-See wild gebadet. Gemeinderäte sorgen sich um den Naturschutz.

Die Entdeckung des neuen Sees schildert PWU-Gemeinderat Klaus Läßing am Ende der Gemeinderatssitzung – zum Erstaunen seiner Gemeinderatskollegen und der Zuhörer. Läßing warnt: Hier dürfe auf keinen Fall ein zweiter Feringasee entstehen, wo Zehntausende herfahren, parken, baden und grillen. 

Bis jetzt ist die Fläche nördlich des Feringasees und südöstlich der A 99 laut Läßing eher „eine Mondlandschaft“. Der See sei bis zu sieben Meter tief und so groß wie ein Viertel des Feringasees. Zu diesen Erkenntnissen sei er nach einer Ortserkundung gekommen, die er mit einem Vertreter des Umweltamtes gemacht habe. 

Das Grundstück hat der Bund als Ausgleichsfläche für den Autobahnbau erworben. Nun hat die Autobahndirektion Südbayern für den Bau der A 99-Anschlussstelle Aschheim/Ismaning auf dem Gelände Kies entnommen. Weil das Grundwasser sehr hoch steht, bildete sich der See. Bereicherung oder ein Ärgernis? – Darüber lässt sich streiten.

Ist hier der Naturschutz gefährdet? Der See aus einer anderen Perspektive.

Fakt ist: Das 2009 abgeschlossene Planfeststellungsverfahren für die Anschlussstelle erlaubt den Kiesabbau. „Ein Biotop ist zerstört worden“, schimpft jedoch der 79-jährige Naturfreund Läßing: „Kies wurde entnommen, ohne dass zuvor der Mutterboden abgetragen worden wäre.“ Und ohne, dass dies die Gemeinde genehmigt habe. „Die Fläche ist im Regionalplan nicht offiziell ausgewiesen als Kiesabbaugebiet“, kritisiert Läßing. Mit dem Kiesabbau habe die Autobahndirektion den Urzustand „aus wirtschaftlichen Gründen“ verändert, es dauere Jahre, bis die Naturlandschaft wieder hergestellt sei. Die Gemeinde sei zu spät wach geworden. Jetzt müsse sorgsam renaturiert werden. Doch er fürchtet: „Dass die Autobahndirektion sich ihre eigenen Gesetze macht.“

Im gleichen Atemzug ging Läßing, der von 1984 bis 2002 selbst Unterföhringer Bürgermeister war, zum Frontalangriff auf die Gemeindeverwaltung über. Dem Rathaus wirft er Ahnungs- und Tatenlosigkeit vor: „Sie haben die weiße Fahne rausgehängt und die Autobahndirektion mal machen lassen.“ Dabei liege doch die Planungshoheit bei der Gemeinde.

Alles habe seine Richtigkeit, widersprach Bauamtsleiter Lothar Kapfenberger: „Die Kiesentnahme ist in der Planfeststellung genehmigt.“ Auch Dritter Bürgermeister Johann Zehetmair (PWU) verteidigte die Gemeinde: Sie habe ihr Mögliches getan, „leider ist man da am kürzeren Hebel“. Er habe 2009 im Planfeststellungsverfahren zwei Tage an der Anhörung teilgenomen: „Da sitzt man quasi der Bundesrepublik gegenüber. Die Gemeinde hat keine Chancengleichheit.“ Man habe sich gegen den Kiesabbau geäußert: „Das wird gehört, interessiert aber nicht weiter.“

Kapfenberger erklärte: Auch die Renaturierung sei in der Planfeststellung genau festgelegt. „Die Gemeinde ist mit der Autobahndirektion in Kontakt“, sagte er: „Sobald die Baumaßnahme fertig ist, müssen nächstes Jahr die Auflagen umgesetzt werden.“

Doch Läßing fordert, „dass gerettet wird, was noch zu retten ist“. Die Gemeinde soll im Sinne der Natur stärker Einfluss nehmen: „Die Fläche muss als Biotop kartiert werden, damit sie für die Zukunft unangetastet bleibt.“ Die Autobahndirektion solle im Rathaus einen Pflanzplan vorlegen. Fest steht für Läßing: „Die Bevölkerung hat da nichts verloren.“ Das Biotop müsse umzäunt werden und sollte nur für die Tierwelt zugänglich sein. Als überörtliches Erholungsgebiet biete die Gemeinde schon den Feringasee, und habe damit ihre Schuldigkeit für die Region mehr als erfüllt. 

Autobahndirektion schwebt Erholungsgebiet vor

Der Baggersee wird weiterwachsen, sobald 2016 der achtspurige Ausbau der A 99 beginnt: „Insgesamt dürfen wir 300 000 Kubikmeter Kies entnehmen“, erklärt Josef Seebacher, Sprecher der Autobahndirektion Südbayern. Der Kiesabbau sei durch die Planfeststellung für die Anschlussstelle genehmigt. „Es handelt sich ja nicht um einen kommerziellen Abbau“, betont Seebacher: „Nur wir dürfen das als öffentliche Hand im Sinne des Gemeinnutzes.“ Was aus dem See-Gelände werden soll? Ideen habe die Autobahndirektion bereits, sagt Seebacher: „Wir hatten etwas Ähnliches wie am Feringasee vor. Die Seen machen ja einen Reiz von München aus.“ Er zählt Lußsee, Langwieder See, Birkensee auf: „Der Erholungsdruck ist enorm.“ Leute hätten gar in der Autobahndirektion angefragt, wann sie im neuen Unterföhringer Baggersee baden könnten. „Die haben im Internet die Plannfeststellungsunterlagen gelesen.“ Auch der Feringasee ist nach dem A 99-Bau in Zusammenarbeit von Bund und Erholungsflächenverein entstanden: „Und er erfüllt auch ökologische Funktionen.“ Allerdings habe die Gemeinde schon aus verkehrlichen Gründen Bedenken geäußert. Den Menschen ganz auszusperren, das sieht Seebacher kritisch: „Man muss Erholungsbedürfnis, Verkehr und Natur unter einen Hut bringen“, sagt er. „Es gibt aber auch Zwischenlösungen.“ Etwa den Waldschwaigsee, nur zu Fuß und mit dem Rad zu erreichen.icb

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