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Das Tor öffnet sich – zur Präsidentenvilla. Hier wohnte einst Martin Bormann. Das Foto entstand 2012, als unsere Zeitung exklusiv das BND-Gelände besichtigen durfte.

Neue Enthüllungen über die BND-Zentrale

So wichtig war Pullach für Hitler

Pullach - Von der NS-Mustersiedlung zur BND-Zentrale: Eine Neuerscheinung bringt Licht in die vielfältige Nutzung des Pullacher Geländes – und zeigt, wie wichtig der Ort in der NS-Zeit war.

Der Umzug geschah, wie bei einem Geheimdienst üblich, heimlich, still und leise. Am Nikolaustag 1947, einem Samstag, rollten amerikanische Lastwagen durch das kleine Dorf Pullach südlich von München. Sie hielten in einem abgeschirmten Bereich, der nun leer stand. Zunächst waren es nur etwa hundert Mitarbeiter der Geheimorganisation, die sich nach ihrem Chef Reinhard Gehlen „Organisation Gehlen“ nannte und nun in kleine Häuser der einstigen „Reichssiedlung Rudolf Heß“ einzogen. Doch der Personalbestand wuchs stark an: Im Mai 1949 lebten schon 269, im Juli 1951 dann 550 Mitarbeiter in der weitläufigen Anlage, die nach dem Umzugstermin den Tarnnamen „Nikolaus“ erhielt. Kontakt zum Dorf Pullach war verboten – für die Mitarbeiter der „Organisation Gehlen“ gehörten „die weitgehende Abschottung von der Öffentlichkeit und ein Leben in der Anonymität zum Alltag“, schreibt der Historiker Bodo Hechelhammer.

Der Forscher ist als offizieller Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes ein Unikat der Historikerzunft. Seit mehreren Jahren schon durchforstet er mit einer Arbeitsgruppe BND-Archive – um eine Geschichte des BND bis 1968 zu erstellen. Nun hat er zusammen mit der NS-Forscherin Susanne Meinl die Entwicklung der Pullacher Anlage „von der NS-Mustersiedlung zur Zentrale des BND“ nachgezeichnet. „Geheimobjekt Pullach“ heißt das Buch, das in dieser Woche erscheint. Es wird im kleinen Kreis am 1. Oktober in der so genannten Präsidentenvilla auf dem BND-Gelände vorgestellt.

Der Ort ist mit Bedacht gewählt: Die Villa war einst Wohnsitz von Martin Bormann, einem verbohrten NS-Ideologen und Vertrauten Hitlers. Dort wo heute BND-Chef Gerhard Schindler residiert, war zu Bormanns Zeiten auch Hitler öfters zu Gast. „Hitler verbrachte zwischen 1939 und 1943 jedes Jahr mehrere Tage in Pullach“, schreibt die Historikerin Susanne Meinl. Sie weist daraufhin, dass zwei solcher Zusammenkünfte, am 14. und 20. September 1938, also kurz vor dem „Münchner Abkommen“, in Pullach stattfanden – dass Hitler und seine Satrapen hier wesentliche Teile des „Abkommens“ ersannen, das dann zur „Zerschlagung“ der Tschechoslowakei führte, ist wahrscheinlich. Mehr noch: Über ein Sondergleis, das von der Isartalbahn abzweigte und direkt in die damals „Sonnenwinkel“ genannte Anlage führte, konnten hochrangige Besucher per Eisenbahn nach Pullach fahren. Immer wieder trafen faschistische Delegationen, etwa aus Kroatien oder Italien, dort ein. Mit ungarischen Emissären verhandelte die NS-Führung in Pullach über die Ermordung der ungarischen Juden.

Die Siedlung war dabei, wie Susanne Meinl nachweist, eine Art NS-Mustersiedlung und Spielwiese für die verschrobenen Ideen der NS-Elite, die anthroposophisch-ökologischen Ideen nachhing, auf Selbstversorgung und (wegen der Kinder-Vermehrung) auf Vielehe setzte und selbst die Begrünung der Anlage „bis zur letzten Stachelbeerhecke“ (Meinl) durchplante. Dabei gab es unendliche Streitereien etwa über die Haltung von Hühnern und Hasen. Katzen waren verboten, Hunde erlaubt – aber nur angeleint.

Im Zweiten Weltkrieg gab es einen Bedeutungswandel der Siedlung, die 1943 als „Führerhauptquartier Siegfried“ analog zum weitaus bekannteren „Führerhauptquartier Wolfsschanze“ in Ostpreußen ausgebaut wurde – zahlreiche Bunker und meterdicke Betonmauern zeugen noch heute davon. Für Hitler selbst entstand der „Führerbunker Hagen“. Pullach wurde nun auch zum „Entscheidungsort militärischer Operationen“. Manche Entscheidungsträger wohnten auf dem Gelände, etwa der Wehrmachts-General Keitel und sein Nachbar, Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der in seinem Haus am Sonnenweg nach der Landung der Alliierten 1943 auf Sizilien einen Gegenangriff vorbereitete.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entdeckten sehr schnell die Amerikaner das Gelände für sich. Die einstigen Bewohner waren tot oder geflohen – prompt siedelte sich die „Civilian Censorship Division“ dort an. Sie war eine Art Zensurbehörde, die in den ersten Nachkriegsjahren Post- und Telefonverkehr der Deutschen möglichst komplett überwachte. In die einstigen Wohnräume der NS-Täter zogen nun jüdische Emigranten, die der deutschen Sprache mächtig waren und selbst oft nur knapp dem Holocaust entronnen waren.

Am besagten Nikolaustag 1947 wurde die Zensurbehörde durch die „Organisation Gehlen“ abgelöst – die Ära des deutschen Geheimdienstes begann. Die enge Einbindung von NS-Tätern in den BND ist durch andere Publikationen der BND-Forschungsgruppe mittlerweile gut ausgeleuchtet, wenn auch in ihrem Umfang noch nicht komplett umrissen. Hechelhammer konzentriert sich auf die Baugeschichte der Pullacher Behörde, wartet dabei aber mit mancher Überraschung auf – etwa der, dass die Gehlen-Vertrauten für ihre Kinder auf dem Gelände einen eigenen Kindergarten aufzogen. Dass dabei als Kindergärtnerin „Tante Almuth“ alias Almuth Gräfin Schwerin von Krosigk fungierte, verweist schon darauf, dass der BND es mit der Abgrenzung zur NS-Zeit nicht so genau nahm. „Tante Almuth“ war die Tochter des letzten, von den Amerikanern als Kriegsverbrecher verurteilten Reichsaußenministers.

In einem Kapitel („Planspiele ohne Pullach“) zeichnet der Historiker auch die Evakuierungspläne des BND für den Fall eines Kriegs gegen die Sowjetunion nach. So sollte zeitweise 170 Kilometer südlich von Madrid in der Provinz La Manche ein Ausweichquartier entstehen. In den 1970er Jahren gab es wiederum Pläne, eine Bundeswehr-Kaserne in Baden-Württemberg in Beschlag zu nehmen.

Nach dem Umzug des BND nach Berlin werden vom einstigen Pullacher Dienst nur mehr einige große Gebäudekomplexe übrig bleiben – vor allem für die Technische Aufklärung. Der Rest wird, sofern der Denkmalschutz nicht dazwischenfunkt, wohl überplant. Doch die Geschichte soll im Gedächtnis bleiben – Hechelhammer regt dazu ein Dokumentationszentrum an.

Dirk Walter

Das Buch: 

S. Meinl/B. Hechelhammer

Geheimobjekt Pullach, Ch. Links Verlag, 34,90 Euro

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