Franz und Inge Samuel in Hohenschäftlarn.
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Das olympische Eck im Flur von Franz und Inge Samuel in Hohenschäftlarn. In der Kristallvase hinter den beiden brennt seit fast 49 Jahren das olympische Feuer.

Franz Samuel ist der Hüter des Lichts

Brennt seit Olympia 1972: Das ewige Feuer von Schäftlarn

Beim olympischen Fackellauf 1972 stibitzte sich Franz Samuel einen Funken des olympischen Feuers. Seitdem brennt es zu Hause in seinem Flur. Ununterbrochen. Seit fast einem halben Jahrhundert. Und weder Reisen, der Blinddarm oder der Corona-Lockdown konnten die Flamme löschen.

Hohenschäftlarn – Das ewige Feuer leuchtet auf einem Heizungssims in einem Flur in Hohenschäftlarn. Zwischen einem Olympia-Wimpel und dem Maskottchen-Dackel Waldi flackert das kleine Licht in einer Kristallvase. Darüber liegt ein schon etwas verrußtes Küchensieb, um die Flamme vor frechen Nachtfaltern zu schützen, die sich durch die Haustür in den Gang schleichen. „Attentäter lauern überall“, sagt Franz Samuel und lächelt. Aber der 89-Jährige ist auf der Hut. Seit nun fast 49 Jahren brennt der Docht in seinem Flur. Ohne Unterbrechung. Und Franz Samuel hat nicht vor, das Feuer jemals ausgehen zu lassen.

25. August 1972. Die Eröffnung der Olympischen Spiele in München steht kurz bevor. Auch Franz Samuel hat das Olympia-Fieber gepackt. Als er erfährt, dass in seiner Nachbarschaft im Schäftlarner Ortsteil Ebenhausen der Fackelwechsel stattfindet, fasst er den Entschluss, zum Schlawiner zu werden. Er will das olympische Feuer stibitzen. Während der Gesangsverein gerade sein Ständchen vorträgt, nutzt Samuel gemeinsam mit seinem Sohn den unbeobachteten Moment – und hält einen Holzspan an eine der Pylonen, in denen das olympische Feuer flackert. Als seine Frau Inge die beiden mit einem diebischen Grinsen und einer leuchtenden Laterne zurückkommen sieht, weiß sie sofort: Der Plan ist aufgegangen.

Der Corona-Lockdown hätte das Feuer fast gelöscht

Seitdem brennt das Feuer im Flur der Samuels. Alle elf Tage füllt Franz Samuel die Vase wieder mit Ewiglichtöl auf. Im Münchner Kerzengeschäft seines Vertrauens sind seine Bestellungen für die Fünf-Liter-Kanister schon zur Gewohnheit geworden. Allerdings hätte ihm nach fast 49 Jahren mit dem ewigen Licht im Flur beinahe der Corona-Lockdown die Flamme ausgepustet. Denn wie alle Geschäfte musste auch der Kerzenladen seine Türen für die Kunden schließen. So nicht, dachte sich Franz Samuel, als seine Ölvorräte vor Kurzem zur Neige gingen. „Ich bin schließlich doch hingefahren und habe an der Tür gebumpert.“ Zum Glück war gerade ein Mitarbeiter im Lager. Der stellte ihm den rettenden Kanister vor die Ladentür.

Wenn Franz Samuel mal mit seiner Frau – die von dem Docht lieber die Finger lässt – auf Reisen ging, musste er kreativ werden. Bei der Hochzeit des Sohnes im australischen Melbourne zum Beispiel. Da band Samuel, als Mesner ohnehin ein Kerzenprofi, einfach zwei Dochte zusammen – und das Feuer überdauerte die dreiwöchige Reise ans andere Ende der Welt.

Nicht mal ein Blinddarmdurchbruch konnte Franz Samuel stoppen. Als der Rettungswagen schon vor der Tür stand, bat Samuel die Sanitäter ruhig, aber bestimmt noch um etwas Geduld. „Ich musste ja noch mein Öl auffüllen.“ Zehn Tage in der Klinik und eine Not-OP später brannte sein olympisches Feuer immer noch schön brav über dem Heizungssims.

Franz Samuel findet, die Olympischen Spiele in Tokio sollten verschoben werden

In seiner Funktion als Hüter der Flamme hat es Franz Samuel über die Jahre zu einiger Berühmtheit gebracht. Immer wieder klopfen Zeitung, Radio und Fernsehen bei ihm an. Und er durfte mit seiner Vorgeschichte bekannte Persönlichkeiten wie Fackelläufer Günter Zahn oder Weltklasseschwimmer Marc Spitz kennenlernen, dem Samuel 1972 schon im Olympiapark über den Weg gelaufen war. „Ein tolles Erlebnis, auch wenn ich in der Jugend eher der Sprinter als der Schwimmer war“, sagt Samuel und lächelt.

Aber ob er die aktuellen Weltklasse-Sportler bei den im Sommer geplanten Olympischen Spielen in Tokio im Fernsehen verfolgen kann, da ist sich Samuel noch nicht sicher. Zwar hält das Olympische Komitee beharrlich an den Planungen fest. Aber die Kritik daran wird wegen der Pandemie immer lauter. Und auch Edel-Olympia-Fan Samuel sagt: „Wenn die Welt nicht zu den Spielen kommen kann, ist das einfach nix.“ Seiner Meinung nach gehören die Spiele verschoben. „So wie bei den Passionsspielen in Oberammergau. Die haben das klug gemacht und gleich um zwei Jahre geschoben.“

Nächstes Jahr brennt die Flamme 50 Jahre lang

Samuels Feuer wird jedenfalls weiterbrennen, egal ob in Tokio heuer der Startschuss fällt oder nicht. Und wenn nicht doch noch ein frecher Falter unter das Küchensieb kriecht, wird es im nächsten Jahr genau 50 Jahre ununterbrochen brennen. Pläne für das Jubiläum gibt’s aber noch nicht. „Vielleicht zünden wir eine Pylone im Garten an“, sagt Inge Samuel und lacht. „Aber eigentlich ist nur wichtig, dass wir gesund bleiben.“

Und wenn man es genau nimmt, dann ist das anstehende Jubiläum für Franz Samuel sowieso nur ein kleiner Zwischenschritt. Denn seit er in seiner Kindheit im böhmischen Pilsen immer am liebsten mit der 11er-Straßenbahn zu Schule fuhr, ist die Elf seine Lieblingszahl. Nur folgerichtig also, dass er auch 111 Jahre alt werden möchte. Und bis dahin werden noch einige Liter Ewiglichtöl in seine Vase fließen.

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