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Einmal über das Wasser gehen: Das ermöglichte Christo mit der Kunstinstallation „Floating Piers“ 2016 auf dem Iseosee in Norditalien. Besondere Bekanntheit erlangte Christo mit der Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes im Jahr 1995.

Zum Tod des Ausnahmekünstlers

Brunnthaler Galerist erinnert sich an Begegnung mit Christo: „Er war ein besessener Künstler“

  • Bernadette Heimann
    vonBernadette Heimann
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Drei Mal hat die Galerie Kersten in Brunnthal in den vergangenen Jahren Grafiken, Fotografien und Unikate des kürzlich verstorbenen Verhüllungskünstlers Christo gezeigt, eine weitere Ausstellung ist in Planung. Kersten-Geschäftsführer und Kunsthistoriker Holger Weinstock hat viele spektakuläre Verhüllungen und Landschaftsprojekte vor Ort besichtigt – und er hat Christo und dessen 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude getroffen.

Wann haben Sie zum ersten Mal ein Werk von Christo gesehen?

Das war 1985 nach meinem Abi, da kannte ich den Künstler noch gar nicht. Ich fuhr nach Paris und just zu diesem Zeitpunkt war die Pont Neuf verhüllt. Viele Menschen strömten zur Brücke, ich wusste zunächst nicht, warum. Das Projekt hat mich fasziniert. Die verhüllte Pont Neuf wirkte am Morgen ganz anders als am Abend. So ist mein Christo-Virus entstanden. Seither habe ich die meisten großen Projekte, sei es in Oberhausen, sei es im Central Park in New York, auf dem Lago d’Iseo in Italien oder sei es im Hyde Park in London, erlebt.

Wo haben Sie Christo kennengelernt?

In Düsseldorf. Bevor ich im Jahr 2000 in die Galerie Kersten nach Brunnthal gekommen bin, habe ich in der Düsseldorfer Galerie und Edition gearbeitet. Sie hatte Drucke Christos unter Vertrag. Wann immer der Künstler in Deutschland war, ist er bei uns in Düsseldorf vorbeigekommen, denn Handel und Verbreitung seiner Drucke lief über diese Galerie. Ich habe ihn oft gesehen.

Was war der Künstler für ein Mensch?

Wir waren nicht richtig befreundet, wir haben uns eher arbeitstechnisch kennengelernt. Er war ein bisschen introviert, ein besessener Künstler. Man muss ihn zusammen mit seiner Frau Jeanne-Claude sehen. Die beiden bildeten eine Symbiose, sie hatten auch am gleichen Tag Geburtstag. Jeanne-Claude war eine sympathische, offene Frau, die gut mit den Leuten umgehen konnte. Sie war auch der Türöffner für seine Projekte auf der ganzen Welt.

Das Künstlerehepaar haben Sie auch einmal in New York getroffen?

Ja, das war eine ganz interessante Geschichte. Anlässlich von „The Gates“ im Central Park hatten Jeanne-Claude und Christo eine Gruppe von Galeristen eingeladen, denn zeitgleich lief im Metropolitan Museum eine Ausstellung zu dem Projekt. Durch die haben uns Jeanne-Claude und Christo geführt. Seine Frau hat sehr viel geredet (lacht). Wir sind ins Headquarter des Projekts gelangt. Es war sehr interessant zu sehen, was von innen heraus geschieht, wenn zum Beispiel entschieden wurde, wo draußen etwas erneuert werden musste. Da ist auch mal etwas kaputt gegangen.

Christo gilt als einer der bekanntesten Künstler der Gegenwart. Was macht die Faszination seines Werks aus?

Es handelt sich um Landart, eine im Ort situierte Kunst, die temporär ist. Die Projekte waren ja nur zwei Wochen lang zu sehen. Christo hat alle seine Projekte durch Verkauf seiner Unikate selbst finanziert, auch wenn sie Millionen kosteten. Er wollte nicht auf Sponsoren angewiesen sein. Durch die Verhüllungen bekommt man einen anderen Blick auf etwas, was man eigentlich gewohnt ist. Beim Reichstag hat man lange diskutiert, ob man ihn überhaupt verhüllen darf. Halb Deutschland hat mitdiskutiert und halb Deutschland ist dann hingefahren, um sich den Reichstag anzuschauen. Christo macht Kunst, die nicht kopiert werden kann.

Sie zeigen in Brunnthal eine Ausstellung über die geplante Verhüllung des Triumphbogens in Paris?

Sie war für September geplant. In Paris ist das Projekt wegen Corona auf kommendes Jahr verschoben worden. Ich bin noch guten Mutes, dass wir die Ausstellung dieses Jahr zeigen können, aber vielleicht wird sie auch auf 2021 verschoben.

Werden Sie sich den verhüllten „Arc de Triomphe“ in Paris anschauen?

Ja! Für mich ist das Christos letztes Werk, es wird danach kein anderes mehr geben, auch nicht von seinem Neffen Vladimir. Sein Neffe ist gemeinsam mit dem Fotografen Wolfgang Volz, seit dem Tod von Jeanne-Claude, Projektleiter von Christos Landart-Kunstinstallationen. Es ist ein Abschiednehmen von einem weltbekannten Künstler. Und es ist ein bisschen traurig, dass Christo dann nicht in Paris ist und sich wie ein kleines Kind über sein Werk freuen kann.

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