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Tief durchatmen: Die Patienten in Brunnthal müssen weite Strecken fahren, um sich medizinisch behandeln zu lassen.

Medizinische Versorgung immer schwieriger

Brunnthal sucht Doktor

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Wenn’s im Rücken zwickt, die Nase läuft oder ein Medikament benötigt wird, haben die Brunnthaler ein Problem. Denn in ihrer Gemeinde gibt es keinen Arzt. In anderen Landkreis-Kommunen treten sich die Mediziner dagegen auf die Füße. Eine Folge des Zulassungssystems.

Brunnthal– Sobald sich Bürgermeister Stefan Kern mit einem Bauvorhaben in seiner Gemeinde beschäftigt, stellt er sich nicht nur die Frage, ob sich das Gebäude ins Ortsbild einfügt, ein Bebauungsplan aufgestellt werden muss und der Bauherr genügend Stellplätze ausweisen kann. Immer öfter sinniert er auch darüber, ob sich in dem Gebäude eine Arztpraxis unterbringen lässt, ob der Standort attraktiv für einen Allgemeinmediziner sein könnte.

„Die Bürger wünschen sich einen Hausarzt im Ort“, sagt Kern. Zwar habe es sowohl in Brunnthal selbst als auch in den anderen Ortsteilen noch nie eine Arztpraxis gegeben, doch der Ort wächst. Und damit auch der Druck, für eine optimale medizinische Versorgung zu sorgen. Bereits 2007 hat die Gemeinde versucht, einen Arzt nach Brunnthal zu locken. „Wir hätten leer stehende Räume im Gemeindehaus in einer Größenordnung von 160 Quadratmetern billig verpachtet. Das wäre es uns wert gewesen“, erzählt Kern.

Letztlich scheiterten das Unterfangen und alle nachfolgenden Anstrengungen. Das mag daran liegen, dass Brunnthal mit seinen rund 5300 Einwohnern für viele Hausärzte wirtschaftlich nicht interessant genug erscheint. Aber auch die geltenden Verordnungen spielen der Gemeinde nicht in die Karten. Denn die ambulante medizinische Versorgung ist an die Bedarfsplanungs-Richtlinie gebunden. Dazu muss man wissen, dass das Bundesgebiet in einzelne Planungsbereiche aufgeteilt ist, in denen sich nur eine gewisse Anzahl an Ärzten niederlassen darf. Wie viele Ärzte in den einzelnen Bereichen praktizieren können, hängt von der Einwohnerzahl ab.

Das Pech für die Brunnthaler: Ihre Gemeinde liegt im Versorgungsbereich München, zu dem die Landeshaupt zählt. Allein im Stadtgebiet München praktizieren dem Ärzteregister zufolge 1155 Hausärzte (Stand 30. Januar 2018). Insgesamt ist der Planungsbereich, der von Wörthsee bis nach Zorneding sowie von Unterschleißheim bis nach Aying reicht, überversorgt.

Mit der Folge, dass sich ein neuer Arzt nur im Einzugsgebiet niederlassen kann, wenn ein anderer Mediziner seine Praxis aufgibt beziehungsweise seine Kassenzulassung zurückgibt, die dann neu vergeben werden kann. Dann allerdings steht es ihm frei, wo er seine Praxis eröffnet. Das kann auch in einem Ort sein, an dem es schon ausreichend Ärzte gibt.

Und da ist Brunnthal bisher nicht die erste Wahl. Zum Beispiel, weil die Kommune über keinen S-Bahn-Anschluss verfügt. „Viele Ärzte wünschen sich eine Praxis direkt am Bahnhof“, weiß Bürgermeister Kern aus leidvoller Erfahrung. Dabei fahren seines Wissens die wenigstens Patienten mit der S-Bahn zum Doktor, wenn es nicht sein muss.

Kommen die Brunnthaler nicht um einen Arztbesuch herum, müssen sie in den Bus oder ins eigene Auto steigen beziehungsweise sich aufs Fahrrad schwingen, um eine Praxis in den umliegenden Gemeinden aufsuchen zu können. Menschen, denen dies aufgrund des Alters, einer Krankheit oder einer Behinderung nicht möglich ist und die sich kein Taxi leisten können, sind zum Beispiel auf das Angebot des Sozialen Hilfsdienstes angewiesen. Als Christine Ettmüller die Nachbarschaftshilfe vor elf Jahren gründete, war einer ihrer ersten Einsätze, eine Frau zu einer Augen-Operation zu begleiten. Laut Bürgermeister Kern, der auch stellvertretender Vorsitzender des Hilfsrings ist, sind die Ehrenamtlichen allein im vergangenen Jahr 6800 Kilometer gefahren, um Bürger zu Ärzten, Behörden oder anderen Zielen in der Umgebung zu bringen.

Oft sind es aber auch Verwandte, Bekannte oder Nachbarn, die die Patienten zu den Arztpraxen in Aying, Sauerlach, Höhenkirchen-Siegertsbrunn oder Ottobrunn bringen. „Es gibt in Brunnthal noch einen großen Zusammenhalt unter den Bürgern“, sagt Dr. Walter Kratschmann, der eine Hausarztpraxis in Höhenkirchen betreibt und Patienten aus Brunnthal hat. Er bietet für diese auch Hausbesuche an oder verschickt Rezepte. Auch Sybille Kraus, Fachärztin für Allgemeinmedizin in Sauerlach, versucht ihren Patienten – darunter einigen Brunnthalern – das Leben zu erleichtern. „Ich telefoniere regelmäßig mit Patienten, wenn es zum Beispiel um die Besprechung der Blutergebnisse geht, dazu müssen die Patienten nicht extra kommen“, sagt sie.

Die Versorgung der Brunnthaler durch Hausärzte aus den Nachbargemeinden ist zuletzt schwieriger geworden. Sowohl in Aying als auch in Höhenkirchen-Siegertsbrunn hat eine Hausarztpraxis geschlossen. Im Fall Aying wurde eine Kassenzulassung zwar neu vergeben, doch davon haben die Brunnthaler nichts. Der Arzt, der sie erworben hat, praktiziert in Garching. Im anderen Fall wurde der Praxis-Sitz als nicht mehr erhaltenswert gesehen und die Zulassung auf zwei bestehende Hausarzt-Praxen vor Ort aufgeteilt.

Gerade letztere Entscheidung schmerzt Brunnthals Bürgermeister Kern. Er hatte gehofft, dass die durch die Praxisauflösung in Höhenkirchen-Siegertsbrunn frei gewordene Zulassung an einen Hausarzt in Neubiberg geht, der bereits zugesagt haben soll, eine Ärztin aus seinem Team nach Brunnthal zu schicken, um dort eine Filialpraxis zu eröffnen.

Für das Scheitern dieser Idee macht Kern auch die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) verantwortlich. Sie ist für die Durchsetzung der Bedarfsplanungs-Richtlinie vor Ort zuständig. Und bei der KVB hat Kern nach eigener Aussage mehrfach den Wunsch der Gemeinde nach einem eigenen Arzt vorgetragen. „Die KVB hat uns eiskalt abblitzen lassen“, sagt Kern. Er wünscht sich deshalb für die Zukunft mehr Fingerspitzengefühl der Verantwortlichen bei der Vergabe von Kassenzulassungen. Damit die Praxen im Planungsbereich München nicht so ungleichmäßig verteilt sind. Und damit auch seine Bürger irgendwann zu Fuß zum Hausarzt gehen können.

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