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Auf Tuchfühlung mit ihrem Arbeitsplatz ist Theresa Stiegler, die neue Chefin im Hofoldinger Forst.

28, Försterin, Revierleiterin: „Wenn der Wald leidet, dann leide ich mit“

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Sie ist die Neue im Revier. Seit Anfang März ist Theresa Stiegler (28) die Leiterin im Hofoldinger Forst. Naturschutz und Nachhaltigkeit im Ökosystem Wald – das liegt der jungen Försterin am Herzen. Dabei ist ein GPS-Gerät ihr treuer Begleiter.

Hofolding – Das rhythmische Klackern der Spraydose durchbricht die Stille des Waldes. Während Försterin Theresa Stiegler die Sprühlackflasche in ihrer Hand schüttelt, blickt sie entlang der vermoosten Rinde bis hoch zur Baumkrone einer etwa 10 Jahre alten Eiche wandern. „Die ist zu eng“, sagt die 28-Jährige und zeigt in den Himmel. „Die umliegenden Pflanzen lassen dem Baum keinen Platz sich zu entfalten.“ Mit schnellen Schritten umkreist Theresa Stiegler den Stamm, das Zischen der Spraydose hinterlässt einen weißen Strich. Der Baum bleibt stehen. „Der Eiche muss man helfen, denn sie braucht wahnsinnig viel Licht“, erklärt Stiegler und streicht mit der Hand über die rissige Rinde. Damit der Laubbaum die Sonne auch bekommt, müssen die Försterin und ihr Team die Nachbarpflanzen in den nächsten Tagen fällen.

Baumgenerationen dauern zwei Menschenleben

Das Auszeichnen von Bäumen ist nur eine von vielen Aufgaben, die Stiegler als neue Revierleiterin beschäftigt. Windwürfe suchen, Waldarbeiter treffen, Wege herrichten und Büroarbeiten erledigen – Dinge die nun zu ihrem Alltag gehören. Das trockene Laub knistert unter den Trekkingschuhen, während die Försterin zurück zu ihrem Geländewagen schlendert. „Eine Baumgeneration sind zwei Menschengenerationen“, sagt die 28-Jährige. „Man weiß nicht was in 100 Jahren sein wird.“ Die Entwicklung der Wälder hat sich durch Faktoren wie Trockenheit, heftige Stürme und den Borkenkäfer stark beschleunigt.

Ob Stiegler immer die richtige Entscheidung trifft, weiß sie nicht. Sie öffnet die Fahrertür ihres Dacias. Es sei wichtig, auf die Vielzahl der verschiedenen Baumarten im Wald zu achten. „Irgendeine wird es schon schaffen“, sagt die Försterin zuversichtlich, während sie den Zündschlüssel in die Öffnung neben dem Lenkrad steckt und den Motor startet.

Waldmanagement mit GPS-Karte auf dem Smartphone

Obwohl die gebürtige Münchnerin schon mehrere Monate das 2100 Hektar große Revier kontrolliert, gibt es noch einige Stellen, die sie nicht kennt. „Das wird sich so schnell auch nicht ändern“, sagt Stiegler. Bis sie die Fläche von umgerechnet 3000 Fußballfeldern vollständig erkundet hat, dauert es wahrscheinlich noch drei Jahre. Während der Fahrt schwenkt der Blick der Försterin zwischen dem Waldweg und ihrem Smartphone hin und her. Auf dem Display baut sich nach und nach eine GPS-Karte auf. „Die App ist Gold wert“, sagt Stiegler und markiert mit dem Finger einen Punkt auf dem Display mit einer roten Stecknadel. Die Karte dient nicht nur zur Orientierung. Stiegler nutzt sie auch zur Kennzeichnung von Arbeitsaufträge für die Waldarbeiter. Zwei bis vier Männer gehören zum Team der Försterin. „Die Erfahrung der Männer ist mir wichtig“, sagt Stiegler, die in Freising Forstingenieurwesen studiert hat.

Während ihr SUV über den mit Wurzeln bedeckten Waldboden hüpft, wippt der locker gebunden Pferdeschwanz der Försterin im Takt des Wagens. Die Sonnenblende hat Stiegler heruntergeklappt. Das Jagdschutzabzeichen mit aufgemaltem Hirschgeweih klemmt neben dem Spiegel. Die Jagd ist nicht nur ein Hobby der 28-Jährigen, es gehört auch zu ihrem Beruf. „Im Hofoldinger Forst lebt vor allem Schwarzwild“, sagt Stiegler. Die Wildschweine vermehren sich schnell und haben keine natürlichen Feinde im Wald. „Der Mais auf den Feldern der benachbarten Bauern ist wie Schokolade für die Sauen“, erklärt die Försterin.

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Strahlung macht Wildschweinfleisch zum Sondermüll

Dieses Jahr hat sie gemeinsam mit den zuständigen Jägern fünf Wildschweine geschossen. Alle Sondermüll. „Das Schwarzwild ist noch zu sehr mit Radioaktivität aus Tschernobyl-Zeiten belastet“, sagt Stiegler. Der Grenzwert beträgt 600 Becquerel. „Wir hatten schon Tiere mit einem Wert von 2000.“ Bei Pilzen misst die Försterin die Strahlenbelastung, bevor sie in der Pfanne schmoren. Auch Waldkräuter wie Sauerklee, Brennnesseln und Waldmeister sprießen aus dem nährstoffreichen Boden. Liebhaber können das essbare Grünzeug jedoch bedenkenlos pflücken und verarbeiten.

Nachhaltigkeit, nicht nur beim Essen, und Naturschutz sind der Försterin wichtig. Ein Feuchtbiotop für Frösche und Obstbäume für Bienen stehen auf ihrer To-do-Liste. Sie dreht das Lenkrad mit einer schnellen Handbewegung und parkt den Geländewagen halb auf der Forststraße, halb im Gestrüpp des Waldrandes. Mit großen Schritten stapft sie, auf dem mit Moos bedeckten Boden, zwischen den Bäumen hindurch. Sie zieht eine Hand aus der Westentasche und streicht die Zweige junger Fichten zur Seite. Vor einem toten Baum bleibt die Försterin stehen. Den Stamm zieren ein halbes Dutzend längliche ockerfarbene Pilze und kreisrunde Löcher. „Ein Paradies für Spechte“, erklärt Stiegler und spielt mit Daumen und Zeigefinger an ihrer Halskette. Der silberne Anhänger hat die Form eines Baumes. „Wenn der Wald leidet, dann leide ich mit“, sagt die Försterin und blickt auf eine zusammengefallenen Baumkronen. Sie spürt, dass die Trockenheit der letzten Wochen den Waldbewohnern zu schaffen macht.

Der Wald kennt keinen Feierabend

Mit ihren Sorgen ist die junge Försterin jedoch nicht allein. Ihr Partner versteht ihre Besorgnis um den Wald. „Er ist auch Förster“, sagt Stiegler. Nach Feierabend diskutieren sie, besprechen und beraten sich. „Der Wald ist immer präsent.“ Das hat gute und schlechte Seiten. Bei einer Fahrradtour mit ihren Mitbewohnern, zwei Polizisten, vergisst die 28-Jährige auch einmal ihren Arbeitsplatz. „Abschalten ist wichtig“, sagt sie. Urlaub macht die Jungförsterin „über der Baumgrenze“, gibt sie mit einem Lachen zu und durchstreift das Gestrüpp auf dem Weg zurück zu ihrem Geländewagen.

Stiegler wendet den SUV in zwei Zügen. Am Ende der Forststraße lichtet sich der Wald. Der Umriss eines Mannes taucht im Schatten auf. Neben ihm verharrt eine etwa 50 Zentimeter große Gestalt mitten auf der Straße. Kurz bevor der Wagen die Stelle passiert, zerrt sein Herrchen den Hund ins Gebüsch. Die Försterin schaut dem Tier hinterher. Nur noch ein paar Wochen, dann darf sie ihren Welpen Gustl abholen. Die Tage an denen die 28-Jährige alleine durch den Forst fährt sind gezählt. Ab Juni begleitet die Tiroler Bracke ihren Alltag im Wald.

Windmessungen im Hofoldinger Forst haben begonnen

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