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Die Grabmale aufgegebener Gräber werden auf dem Friedhof in der Gemeinde Altenheim am Oberrhein aufgereiht und bleiben so erhalten. Für Herbert Holly ein Vorbild.

Ahnenforscher warnt: Immer mehr Gräber verschwinden - samt der Geschichten der Menschen

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Auf den Friedhöfen der Region zeigen sich immer mehr leere Flecken. Mit den Gräbern, um die sich niemand mehr kümmert, verschwinden wertvolle Erinnerungen. Davor warnt Herbert Holly aus Hofolding.

Hofolding/Feldkirchen – Herbert Holly (72) hat sich seit über vier Jahrzehnten der Genealogie, der Erforschung der Ahnen, verschrieben. 1973, als der Feldkirchner eine Hofoldingerin heiratete und dorthin umzog, hat seine Leidenschaft begonnen. Explizit zur Hochzeit sollte der Stammbaum zur bewegten Geschichte seiner Familie entstehen, die als amische Mennoniten Anfang des 19. Jahrhunderts über das Elsass und die Pfalz nach Bayern kamen. Aktuell forscht Herbert Holly wieder mit Inbrunst über Sippschaften, Zeithorizonte und Jahrhunderte überdauernde Familienbande.

Geschichte verschwindet

Herbert Holly ist begeisterter Ahnenforscher.

Doch neben der Arbeit in Archiven und in den Akten von Ämtern ist eine feste Routine Hollys ins Wanken geraten. „Meine traurige Erkenntnis ist, dass sich die Bestattungskultur im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung auch hier in Bayern rasant gewandelt hat und das auch weiterhin tut“. Für den arrivierten Sammler historischer Daten und Zusammenhänge ein „trauriger Umstand“. Vor nicht allzu langer Zeit noch seien die Gräber mit ihren umfangreichen Datensammlungen, Familienkonterfeis und facettenreichen Inschriften echte Informations-„Plattformen“ für forschende Geister gewesen. Das habe sich grundlegend gewandelt, so Holly. „Die Grabstätte als Aushängeschild einer Familie, egal ob arm oder reich, an der sich besonders zu den kirchlichen Hochtagen alle trafen, diesen Ort gemeinsam herzurichten und vor Ort Geschichte und Geschichten lebendig zu halten – das nimmt immer mehr ab“, beklagt er.

Viele leere Plätze finden sich auf dem Hofoldinger Friedhof, wo sich einst Gräber befanden.

Gräber würden oft aufgelassen, weil die Familienmitglieder in alle Himmelsrichtungen verteilt leben und oft kein Interesse am Fortbestand mehr bestehe. Viele Leergräber, selbst auf traditionsreichen Gottesäckern wie in Feldkirchen oder Hofolding, seien die Folge. „Endet nach fünf oder zehn Jahren der Nutzungsvertrag, dann werden Gräber aufgelöst“, kritisiert der 72-Jährige. „Ein Unding“, schimpft Holly. Schließlich würden gerade die alten Gräber die Dorfgeschichte widerspiegeln. Dieser Schatz werde aufgegeben.

Datenschutz

Holly hat bei vielen Gemeinden recherchiert. Ortsnamen will er nicht nennen, Schuld nicht personalisieren, wo generell gesellschaftlich „einiges schiefläuft“. Aber verstehen kann er auch nicht, dass alte Grabsteine oft von Steinmetzen „aus Datenschutzgründen“ nicht erworben und damit auch erhalten werden können. Zumeist würden aufgelöste Grabsteine abgeräumt und dann von den Friedhofsverwaltungen entsorgt. Hier gehe viel verloren, meint Holly und wünscht sich ein Umdenken. Oft sei der offizielle Weg ein schwieriger.

Fehlende Identifikation

Er verweist auf ein Beispiel der eigenen Familie. „Unser Familiengrab in Feldkirchen habe ich von meiner Cousine übernommen, die es aufgegeben hatte“. Irgendwann sei das Grab weg gewesen. „Es hat einen Beschluss des Gemeinderates gebraucht, um es wieder herstellen zu können“. Holly hadert mit den Bestimmungen, die zudem „sehr unterschiedlich ausgelegt würden“. Dazu komme, dass auch in den Verwaltungen mittlerweile das Bewusstsein für die sensible Sache fehle. „Das ist kein Vorwurf an die Mitarbeiter und Bürgermeister dort“, betont er. Aber die kämen mittlerweile oft nicht mehr aus dem Ort. „Sie arbeiten hier und ziehen wieder weg“. Die Identifikation leide. Ebenso wie die Feuerbestattungen. „An den Urnenmauern sucht man die Familiengeschichte schon aus Platzgründen vergebens“, sagt Holly.

Es geht auch anders

Dabei ginge es nach seiner Meinung auch ganz anders. In Altenheim am Oberrhein hat sich der begeisterte Ahnenforscher umgesehen. „Dort werden die Grabmale aufgegebener Gräber als eine Art Wand aufgereiht und erzählen, weil die Inschriften so erhalten bleiben, ihre eigene Geschichte weiter. Auch die jüdischen Friedhöfe wie jener in München-Schwabing dienen dem Wahl-Hofoldinger als Vorbild. „Dort gilt die Satzung der ewigen Ruhe – bei uns nur jene bis zum Vertragsende.“

Ahnenforschung

Genau ausgearbeitet hat Herbert Holly den „Wanderweg“ seiner direkten Ahnen. Ur-Ur-Ur-Großvater Jakob Holly war einst vom Elsass aufgebrochen und über Mindelheim nach Lindach bei Anzing gekommen. Dessen Sohn Josef hatte später lange Zeit das Gut Hergolding geleitet, das 1898 verkauft wurde. Die Urgroßeltern Jakob und Philippine hatten dann die Verwurzelung in Feldkirchen begründet. Heute ist das am Grab dort wieder abzulesen. Andere Hollys und amische Mennoniten hatten sich in Amerika niedergelassen. Das alles konnte Herbert Holly auch erforschen, weil ihm Gräber darüber Aufschluss gaben. „Die Erhaltung der Grabstätten muss wieder besser werden“, lautet deshalb seine Forderung. „Auch für die Familien und die Pflege des Andenkens selbst.“

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