Bundeskanzler auf dem blauen Band der Sympathie

- VON STEPHEN HANK Höllriegelskreuth - Wolfgang Reitzle war ein gewisses Maß an Anspannung anzumerken. Deutschbanker Rolf E. Breuer, Siemens-Boss Heinrich von Pierer, Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und viele andere Toprepräsentanten der deutschen Wirtschaft plauschten noch in der lauen Abendluft, da bat der Vorstandsvorsitzende der Linde AG darum, doch zügig ins Festzelt zu kommen. Keine Minute zu früh: Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), Ehrengast der 125-Jahr-Feier des Traditionsunternehmens, fuhr pünktlicher zum Festakt in Höllriegelskreuth vor, als man es von einem Staatsmann erwartet hätte.<BR>

<P>Zum Kleckern war Linde am Donnerstagabend nicht zumute. Klotzen - im feinsten Stil allerdings - trifft es wohl besser, was der Technologiekonzern seinen rund 800 Geburtstagsgästen kredenzte. Eine Erlebnisreise durch die Welt von Linde war es, die die Linde-Führungskräfte und Spitzen der Industrie beim Betreten der Zeltstadt auf dem Firmenparkplatz antraten - geführt durch ein blaues Band, das sich durch die imposante Festarena hinaus bis zum Freiluftbereich zog, wo sich nach dem offiziellen Teil ein atemberaubendes Buffet eröffnete.<P>Das allerdings sah der Bundeskanzler gar nicht mehr. So pünktlich er eingetroffen war, so schnell verschwand er nach dem zweistündigen Hauptprogramm wieder. Dazwischen allerdings gehörte seine Aufmerksamkeit ganz der Linde AG. Vielleicht auch ein bisschen Wolfgang Reitzles Gattin Nina Ruge, die den Unternehmensbereich Kältetechnik wohl unterschätzt hatte und sich während des Festakts im wohltemperierten Zelt ein Sakko übers geblümte Sommerkleidchen werfen musste.<P>Ach ja - Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (CSU) war auch da und freute sich als erster Redner, dass Linde für die Jubiläumsfeierlichkeiten zu seinen Wurzeln zurückgekehrt sei. Er lobte - ebenso wie später der Vorstandsvorsitzende - die Pionierarbeit Carl von Lindes, der in einer Zeit groß wurde, in der technischer Fortschritt mit der Industrie betrieben wurde und nicht gegen sie. "Die Probleme unserer Zeit", analysierte der CSU-Politiker dann auch schelmisch, "die löst uns der Ingenieur und nicht der Ökofuzzi."<P>Gerhard Schröder, der nach Ansicht Wiesheus in ähnlicher Weise denkt, "auch wenn Sie`s nicht immer sagen dürfen", würdigte die aus drei Säulen bestehende Unternehmenskultur der Linde AG: Innovation, die Fähigkeit zur Internationalität und die Fähigkeit zum sozialen Ausgleich im Konzern. Was sich in einem Unternehmen vollzieht, vollziehe sich auch in der Volkswirtschaft, spannte der Regierungschef einen Bogen zu seiner Reformagenda. Freilich seien Willensbildungsprozesse in einem Unternehmen einfacher zu steuern. "Wenn unser Reformprozess jetzt gestoppt wird", prophezeite er, "dann wird man ihn nicht mehr aufnehmen können."<P>Wolfgang Reitzle zumindest - und das ließ sich auch am Applaus ablesen - sicherte Gerhard Schröder die Unterstützung der Industrie zu. "Ihr Reformwille verdient größten Respekt" "Ihre Konsequenz und Ihr Reformwille verdienen größten Respekt", verneigte er sich vor dem Bundeskanzler. Schröders Ahnung, dass sich die Präsenz von Linde auf dem Wasserstoffsektor noch lohnen könnte, griff der Manager dankbar auf. "Das ist das bedeutendste Zukunftsthema Europas", ließ er einen Blick auf die künftige Ausrichtung des Konzerns zu. "Lassen Sie uns auf diesem Gebiet noch enger zusammenarbeiten." Denn wie man siegt, das weiß Wolfgang Reitzle - zumindest, wenn es nicht um Fußball geht: "In Tschechien ist Linde in allen Unternehmensbereichen Marktführer."<P>

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