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Urlaub von der Krankheit: Christian Vollmeier 2013 in der Türkei. Ein Jahr später erlag er seinem Tumorleiden.

Er kämpfte 17 Jahre gegen Krebs

Trauer um jungen Unterhaching-Fan Christian

Unterhaching - Er lebte mit dem Tod, seit er ein kleines Kind war: Christian aus Unterhaching litt an einem tückischen Tumor. Mehrmals hatten ihn die Ärzte aufgegeben, aber er kämpfte weiter. Nun ist er gestorben, mit 21 – und hat anderen gezeigt, wie Leben geht.

Gebannt blickt der blonde Knirps in den Himmel. „Da, schau, eine Kumulonimbus-Wolke“, sagt Christian, sechs Jahre, zu seiner Mutter. Er deutet mit dem Finger auf den Wolkenbausch, der sich dunkel am Himmel auftürmt. Kumulo-was? Martina Vollmeier runzelt die Stirn. „Das bedeutet nichts Gutes“, erklärt Christian ihr. Das heißt Gewitter – oder Hagel. Hat er gelesen. Seit seiner Diagnose vor zwei Jahren verschlingt er alles über Katastrophen. Über Tsunamis, Erdbeben, Vulkanausbrüche. Auch zur Reha nach Tannheim im Schwarzwald nimmt er sich stapelweise Wissenschafts-Bücher mit. „Warum interessiert dich das alles denn schon?“, fragt ihn der Onkologe Dr. Roland Dopfer. Christian macht erst ein ernstes Gesicht. Dann lächelt er. „Weißt du, Dopfer“, sagt er, „ich hab nicht so viel Zeit. Ich muss schneller leben.“

Christian hat Krebs. Einen unheilbaren. Als Christian vier Jahre alt war, haben sie einen Weichteiltumor an seinem Arm festgestellt, fortgeschrittenes Stadium. 1997 war das, und fortan ist die Frage, die Christians Leben bestimmt, nicht ob, sondern wann er daran sterben wird. Zwei Jahre noch, sagen die Ärzte zu Beginn, vielleicht weniger. Aber Christian kämpft. Die Zeit, die ihm bleibt, lebt er – und wie. Seine Eltern sagen: Er hat uns gezeigt, wie Leben geht.

17 Jahre lang ringt er mit dem Tumor. Dann kommt er nicht mehr gegen ihn an. Am 10. August 2014 schläft Christian ein, mit 21 Jahren. Die Hausärztin spricht von einem Wunder, dass er so alt wurde.

Anfang September 2014, wenige Wochen nach Christians Tod, sitzen Peter Vollmeier, 54, und seine Ex-Frau Martina Olenyi, 48, am Esszimmertisch in Unterhaching, gemeinsam mit Christine, 19, Christians Freundin. Eine weiße Kerze brennt in der Mitte, die Mama hat Tee aufgesetzt, die Welt riecht nach Herbst. Vollmeiers haben sich 2002 getrennt. Als Paar, sagen sie. „Als Eltern waren wir immer eine Einheit.“

"Ruhe in Frieden, Christian" steht auf dem Plakat, das Unterhaching-Fans.

Am Tischkopfliegen hunderte Kondolenzkarten und Briefe, dazwischen steht ein Bild von Christian. Ein gutaussehender 21-jähriger Bursche, er wirkt jünger, hat weiche Gesichtszüge und ein sympathisches Lächeln. Es ist dasselbe Foto, das die Eltern auf sein Sterbebild gedruckt haben. Bei der Trauerfeier Mitte August haben sie es verteilt. Hunderte davon. „You’ll never walk alone“, steht darauf, der Titel einer Fußball-Hymne. Christian liebte den FC Bayern und die SpVgg Unterhaching. Ein Trauerredner sagt: „Er hat es wie kein anderer verstanden, nicht dem Leben mehr Tage, sondern dem Tag mehr Leben abzugewinnen.“ Beim nächsten Spiel im Stadion der SpVgg Unterhaching halten sie eine Schweigeminute ab. „Ruhe in Frieden, Christian“, steht auf einem riesigen Banner.

Als Christian, der Kämpfer, nicht mehr lebt, kann das keiner so richtig begreifen: die Familie nicht, nicht die Freunde und Bekannten. Sieben Mal sagten die Ärzte, Christian sei austherapiert, am Ende. Sieben Mal belehrte er sie eines Besseren. 20 Mal haben ihn die Eltern bis zur OP-Tür gebracht. „Wir haben ihn immer wieder zurückbekommen“, sagt der Vater. 17 Jahre lang.

Es war der 8. Juli 1997, ein Dienstagabend, an dem sich alles änderte. Während sein Papa ihn zudeckt, grinst der Bub und zeigt auf die Beule an seinem rechten Unterarm. „Da hab’ ich ein Überraschungsei drin versteckt“, sagt der Dreijährige. Der Vater begutachtet den Hubbel, der aus dem Ärmchen ragt. Den hatte er heute Morgen noch nicht, denkt sich Peter Vollmeier. Vielleicht ein Mückenstich. Es war ein schwüler Tag, Christian hat im Garten getobt.

Mit vier Jahren: nach der ersten Chemo-Therapie.

Am nächsten Morgen fahren die Eltern mit dem Buben zum Kinderarzt. Sicher ist sicher. Das sollten sie beobachten, sagt der. Als der Ball weiterwächst, überweist der Arzt Christian ins Haunersche Kinderspital in München: zuerst Ultraschall, dann geht es ab in die Röhre, in den Kernspintomographen. Der Arzt entnimmt Gewebe, ordnet eine Biopsie an. Dann steht er im weißen Kittel vor den Eltern. Er macht ein seltsames Gesicht. „Sieht nicht gut aus“, sagt er. Die Diagnose ist vernichtend: Fibrosarkom, ein seltener Weichteiltumor, die Aussichten sind schlecht. Vielleicht lebt Christian noch zwei Jahre. Vielleicht weniger.

Peter und Martina sitzen auf Stühlen im Zimmer des Oberarztes. Und fallen und fallen und fallen. Ob sie noch ein Kind haben, will der Arzt wissen. Die Eltern schütteln den Kopf. „Na, da können Sie froh sein. Da kommt noch ein Haufen auf Sie zu.“

17 Jahre lang lebt Christian gegen den Tod. Als Schulkind lernt er zwischen Chemotherapie, Operationen und Physiotherapie für den Übertritt aufs Gymnasium. Sein Notendurchschnitt: 1,4. Aber er braucht eine weitere Chemotherapie. Die Ärzte haben 32 Metastasen in seiner Lunge entdeckt. Da ist Christian neun. Er wird operiert und auf dem OP-Tisch zwei Mal wiederbelebt. Zwei Wochen lang liegt er im Koma.

Es folgt eine Tumor-Impftherapie. Für eine Spritze fährt der Bub mit seinen Eltern ein halbes Jahr lang jeden Montag 430 Kilometer nach Wien – und zurück. Hat eine Fehlquote von 70 Prozent. Wieder Chemotherapie. Christian geht mit der Mittleren Reife vom Gymnasium. Metastasen in der Lunge. Chemo. Christian macht den Führerschein, eilig, in 12 Tagen von der ersten Fahrstunde zur Prüfung. Er besteht mit null Fehlern.

Dazwischen geht der Jugendliche feiern. Ins „Willenlos“ in Münchens Kultfabrik zieht er mit seinen Kumpels, auf der Wiesn tanzt er auf der Bierbank. Oder geht zum Kicken auf den Sportplatz in Unterhaching. Obwohl die Ärzte abraten. Neue Metastasen nisten sich ein. Chemo, die wievielte? Christian beginnt eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Tüfteln, programmieren, hacken – das ist seine Welt. Die Ärzte entdecken einen Tumor in der Wirbelsäule, ein Ewingsarkom. Rollstuhl. „Wenn’s was bringt, können die mich noch zehn Mal aufschneiden“, sagt er ein paar Wochen vor seinem Tod. „Ich will leben.“

17 Jahre lang leben Vollmeiers für ihren Sohn – von Anfang an. Wenn er als Kind im Krankenhaus ist, oft monatelang, schläft seine Mutter neben ihm im Feldbett. Auch als sie das eigentlich nicht mehr darf. Irgendwann ist Christian fünf – also groß genug, um nachts allein zu sein, sagen die Ärzte. Martina Vollmeier ist das egal. „Sie müssen mich schon rausschlagen“, schleudert sie dem Klinikpersonal entgegen. „Ich lass mein Kind nicht allein.“ Anderen Eltern erzählt sie damals, Christian sei erst vier. Deshalb darf sie auch bleiben. Nach seinem Feierabend löst ihr Mann Peter sie ab. Die Mutter geht duschen. Packt frische Klamotten in den Koffer und jagt zurück in die Klinik. So geht das jahrelang. Christian ist dankbar für jedes Glas Wasser, das man ihm ans Bett bringt. Und er will immer schnell wieder raus aus der Klinik, Zeit sparen fürs Leben draußen.

K22, Station für Strahlentherapie im Uniklinikum Großhadern, ein paar Jahre später. Kaum ist der Katheter gezogen, packt Christian, inzwischen 20, seine Klamotten und unterschreibt das Entlassungsformular. „Auf eigene Verantwortung“, steht da. Er kennt den Wisch schon. Ihm ist ein bisschen schwindelig und flau im Magen. Strahlentherapie halt. Egal, der FC Bayern hat sein letztes Saison-Spiel, gegen Stuttgart. Und Christian Jahreskarten. „Gebt’s mir eine Speitüte mit. Für alle Fälle“, sagt er zu den Schwestern.

Dann verlässt er mit seinen Eltern die Station, lässt den Phenolgeruch, die weißen Wände, die Spritzen und Schläuche hinter sich, setzt sich sein rotes Bayern-Käppi auf, legt sich den Fan-Schal um. An diesem Tag wird Christian das neue Bayern-Trikot kaufen im Fan-Shop vor der Allianz-Arena, sein letztes. Er beeilt sich, Zeit aufholen. Seine Freundin Chrissi wartet auf ihn.

Große Liebe: Christian mit seiner Freundin Christine.

Christine istChristians erste Freundin. Dass er mal eine haben würde, glaubte er nicht mehr so recht. Sein Körper ist übersät mit Narben, Zeugnisse seiner Krankheit. Dann der rechte Arm, den er seit einer Operation im Kleinkindalter nicht mehr richtig bewegen kann. Ein bisschen ungelenk sieht er aus, er schämt sich nicht dafür. Aber welches Mädchen will das schon? Christine wollte. „Und ich bin dankbar, dass ich ihn haben durfte“, sagt sie.

Chrissi und Christian, die Seelenverwandten. „Christian hat mir Hoffnung gegeben mit seiner Lebensfreude und seinem Humor“, sagt Christine und umschließt eine Teetasse mit ihren Händen, als wollte sie sich festhalten. Peter Vollmeier neben ihr erinnert sich: „Ich habe Gott gedankt, als da 2012 dieses liebe Mädchen in der Tür stand. Dass er die Liebe erleben durfte, hat mich irgendwie versöhnt.“

Im Januar dieses Jahres entdecken die Ärzte einen Gehirntumor. Im April ist er so groß wie ein Tennisball, drückt Christian den Hirnwasserfluss ab. Dann geht alles ganz schnell: Chemo, Operation, Bestrahlung. Aber der Tumor wächst weiter. Neue Metastasen in der Niere, der Lunge, der Wirbelsäule. Dann Krebszellen im Nervenwasser. Eine Hiobsbotschaft – aussichtslos, sagen die Ärzte. Christian fährt in dieser Zeit jeden Tag 35 Kilometer auf einem Bettrad. „Meine Muskeln müssen fit werden. Vielleicht kann ich ja bald wieder laufen“, sagt er.

Noch am 13. Juli schaut er das WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien. Deutschland ist Weltmeister. Die Stimmung ist irre beim Public Viewing im Olympia-Stadion. Im Deutschland-Trikot sitzt Christian im Rolli und lächelt mit Chrissi in die Kamera. Wenn auch ein bisschen schief – seit ein paar Wochen spürt er seine linke Gesichtshälfte nicht mehr. Am 23. Juli, eine Woche nach seinem 21. Geburtstag, ist Christian austherapiert.

Christian mit seinen Eltern an seinem 17. Geburtstag.

Samstagabend, 9. August. Christian hat die Augen geschlossen, er atmet langsam und laut. Die Lunge rasselt. Seine Arme und Beine sind kalt und hell, fast wie Pergament. Martina und Peter haben sich neben ihren Sohn ins Klinikbett gekuschelt. Ihre Hände ruhen auf seinem Brustkorb, das Herz schlägt langsam, aber gleichmäßig. Christians Atem stockt, setzt aus, setzt ein. „Ihr bleibt bei mir, wenn ich schlafe?“, flüstert das Kind. Die Eltern nicken und streicheln ihm über den Kopf. „Ich liebe Euch. Bis morgen.“ Um 0.55 Uhr ist Christian gegangen.

Von Stephanie Dahlem

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